Pressemitteilung | Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE)

Lehrerbild und Lehrerbildung müssen zusammenpassen / Gemeinsame Pressekonferenz von BLBS, GEW und VBE zum Weltlehrertag

(Berlin) - Die Reform der Lehrerbildung in Deutschland muss auf die Stärkung der Professionalität im Lehrerberuf ausgerichtet werden. Um den aktuellen gesellschaftlichen Anforderungen besser gerecht zu werden, muss die Lehrerbildung auf einer stärkeren Verzahnung von Theorie und Praxis basieren. Auf diesen grundsätzlichen Reformanspruch dringen der Bundesverband der Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen (BLBS), die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Verband Bildung und Erziehung (VBE). Das betonten die Vorsitzenden der drei Lehrergewerkschaften, Günter Besenfelder (BLBS), Eva-Maria Stange (GEW) und Ludwig Eckinger (VBE), auf der Pressekonferenz am 1. Oktober in Berlin aus Anlass des bevorstehenden Weltlehrertages am 5. Oktober unter dem Motto: „Lehrer öffnen Türen in eine bessere Welt“. Im Vordergrund dürften weder fiskalische Begehrlichkeiten der Länder noch die formale Umstrukturierung der Lehramtsstudiengänge in Bachelor- und Master-Studien stehen. Auf keinen Fall darf die Schaffung eines gemein-samen europäischen Hochschulraumes dazu führen, dass das Lehramt, egal für welche Schulart, bereits mit einem Bachelorabschluss endet.

Zum Lehrerbild stellte der Bundesvorsitzende des BLBS, Günter Besenfelder, in der gemeinsamen Pressekonferenz nachdrücklich fest, dass „Lehrerinnen und Lehrer an beruflichen Schulen Profis sind: für die Vermittlung fachlicher (insbesondere fachtheoretischer) Qualifikationen an Jugendliche und Erwachsene in allen Berufsbereichen und auf allen Berufsniveaus unterhalb der Hochschule, für die Mitgestaltung beruflicher Sozialisationsprozesse, für die Förderung und Unterstützung lebensbegleitenden Lernens, für die (über Qualifizierungsprozesse erfolgende) Mitgestaltung von Innovationsprozessen in der Arbeitswelt angesichts des dynamischen wirtschaftlichen, technologischen und arbeitsorganisatorischen Wandels, für die Beratung von Schülern in arbeitsweltbezogener Karriere- und Lebensplanung, für die Mitgestaltung von Professionalisierungsprozessen über Berufsordnungspolitik und Zertifizierungs- /Prüfungswesen.“

Im Hinblick auf die Lehrerbildung erläuterte Günter Besenfelder:

1. Zum Qualifizierungskonzept:
Traditioneller- und notwendigerweise bilden Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Erziehungswissenschaft, jeweils auf universitärem Niveau, die Kernelemente des Qualifizierungskonzepts, und zwar wegen des horizontal und vertikal stark differenzierten Berufsgefüges und wegen des angesichts des dynamischen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandels notwendiger Kompetenzniveaus.

Dieses Konzept ist auch die Basis für unterschiedliche Professionszugänge und Professionalisierungswege.

Zu einer Professionalisierung von Lehrerinnen/Lehrern des beruflichen Schulwesens gehört auch die Vermittlung unterrichtspraktischer, schulorganisatorischer und koope-rativer Kompetenzen (Lernortkooperation, Kooperation mit der Wirtschaft, Kooperation mit verschiedenen Sozialisationsagenturen), was im deutschen Qualifikationsmodell im Wesentlichen in der 2. Phase (Referendariat) geschieht.

2. Zur Europäisierung:
Dieses Leitbild erfordert in einem Konsekutivmodell das Qualifikationsniveau auf Masterebene. Im Zuge der Europäisierung der Lehrerbildung ist über organisatorische Varianten der Vermittlung von Praxiskompetenz nachzudenken.

3. Zum Lernen im Beruf (Fort- und Weiterbildung):
Angesichts der Dynamik von Wirtschafts-, Arbeits- und Berufswelt ist eine permanente Fort- und Weiterbildung in allen Kompetenzbereichen erforderlich. Das ist in dieser Dimension ein Spezifikum von Lehrerinnen und Lehrern in der beruflichen Bildung.

Die GEW schlägt vor, an den Universitäten „Zentren für Lehrerausbildung“ zu gründen. „Hier soll geforscht und ausgebildet, Praxis und Theorie zusammengeführt sowie Übergänge erleichtert werden“, erläuterte Stange. Die Zentren könnten einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass Beliebigkeit und Unverbundenheit von Lehrangeboten durch ein Gesamtkonzept für die Lehrkräfteausbildung mit dem Leitfach Erziehungswissenschaft abgelöst wer-den.

„Wir brauchen eine gemeinsame (pädagogische) Grundausbildung für alle Lehrkräfte“, unterstrich die GEW-Chefin. Und zwar unabhängig davon, ob die Lehrkräfte später einmal an der Grundschule, dem Gymnasium oder in der Kita für die Lehr- und Lernprozesse der Kinder und Jugendlichen Verantwortung trügen.

„Die Ergebnisse der Schulleistungsstudie PISA haben gezeigt, dass Lehrkräfte in Deutschland offenbar bereits in ihrer Ausbildung darauf getrimmt werden, Schüler in Schubladen einzusortieren: hier Gymnasiasten, da Haupt- und dort Realschüler“, kritisierte Stange. Sie verlangte, dass in der Ausbildung viel mehr Gewicht darauf gelegt werden müsse, die Kompetenzen der Lehrkräfte zu entwickeln, auf die Unterschiedlichkeit der Schüler einzugehen und diese individuell zu fördern. „Nicht die Schülern sind in der falschen Klasse oder Schu-le, sondern die Lehrkräfte müssen in die Lage versetzt werden, mit Unterschieden produktiv umzugehen“, betonte die GEW-Vorsitzende.

Viele junge Lehrerinnen und Lehrer beklagten den „Praxisschock“ in der Berufseinstiegsphase. Mehr praktische Erfahrung in der Ausbildung, vor allem aber „der Anspruch auf Supervision und Beratung, die auf die Unterrichtsverpflichtung angerechnet werden, müssen zu Beginn der selbstständigen Lehrtätigkeit garantiert werden. Ohne diese Unterstützungsangebote bekommen wir schnell überarbeitete und frustrierte Junglehrer – und das geht zu Lasten der Unterrichtsqualität und damit zu Lasten der Schülerinnen und Schüler“, sagte Stange.

„Die Kompetenz und das Selbstverständnis von Lehrerinnen und Lehrern als Experten für Unterricht und Erziehung werden in der Lehrerbildung angelegt“, betonte VBE-Vorsitzender Ludwig Eckinger auf der Pressekonferenz. „Wie in der Bremer Erklärung zu den Aufgaben von Lehrerinnen und Lehrern vom Oktober 2000 beschrieben“, so Eckinger, „gehören in ein zeitgemäßes, modernes Lehrerbild auch das Evaluieren, Diagnostizieren, die Schulentwicklung und das lebenslange Lernen.“

„Angesichts von PISA ist eine grundständige und pädagogische Lehrerbildung wichtiger denn je“, erklärte Ludwig Eckinger. Der VBE dringe seit langem auf eine Berufsfeld bezogene und pädagogisch konzipierte Lehrerbildung. Der in dieser Hinsicht erlangte Konsens mit der KMK, der 1999 im Expertenbericht zur Lehrerbildung niedergelegt wurde, werde aber bis zum heutigen Tage nicht nur nicht umgesetzt, sondern systematisch verwässert. „Bei der Reform der Lehrerbildung sollten wir einen Konsens auf europäischer Ebene erzielen, uns aber nicht sklavisch an Bachelor- und Masterstudiengängen ausrichten.“

Der VBE-Vorsitzende machte auch klar: „Eine Lehrerausbildung, die auf ‚höhere’ und ‚niedere’ Lehrer zielt, lehnt der VBE ab.“ Es dürfe nicht dazu kommen, dass der neue Grundschullehrer als Bachelor daherkommt und ‚Lehrerassistenten’ den Lehrermangel in der Sekundarstufe I ausgleichen. Der akademische Anspruch an den Lehrerberuf muss für alle Lehrer erhalten bleiben. Der sogenannte Bologna-Prozess darf nicht zur Aushöhlung des Lehrerberufs missbraucht werden“, warnte Eckinger nachdrücklich. So manches Reformprojekt in der Lehrerbildung bedeute streng genommen die Abschaffung des eigentlichen Lehrerstudiums. „Der Billiglehrer rechnet sich nicht und ist eine Fehlinvestition.“

„Der VBE hält die Schaffung eines ‚Hauses der Lehrerbildung’ an den Universitäten für notwendig“, unterstrich VBE-Vorsitzender Ludwig Eckinger. „Die Leitdisziplin im Lehramtsstudium ist die Erziehungswissenschaft als eigentliche Berufswissenschaft.“ Eckinger sprach sich auch für universitäre Kooperationsschulen aus, die mit der Theorie der Universität und der Praxis der Schule verbunden sind und als Zentren der Innovation der Unterrichtsqualität dienen.

„Unsere Gesellschaft sollte sich das Motto des diesjährigen Weltlehrertages sehr genau anschauen und die notwendigen Konsequenzen ziehen: Lehrerinnen und Lehrer brauchen Anerkennung und Vertrauen, damit sie ihren Auftrag erfüllen können, Türen in eine bessere Welt zu öffnen“, resümierte Ludwig Eckinger.

Quelle und Kontaktadresse:
Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE) Behrenstr. 23-24, 10117 Berlin Telefon: 030/72619660, Telefax: 030/726196618

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