Pressemitteilung | Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. (BDSI)
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"Der verunsicherte Verbraucher - Consumer Confusion" Politischer Abend des BDSI in Brüssel

(Bonn) - Am 19.09.2012 lud der Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. (BDSI) gemeinsam mit der Vertretung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt in Brüssel zu seinem jährlich stattfindenden Politischen Abend "Süßwaren im Dialog - Brussels meets Sweets" ein. Thema war in diesem Jahr die aktuelle politische Debatte um den "verunsicherten Verbraucher" und die grundlegende Frage, welches Verbraucherleitbild im Lebensmittelbereich künftig bei Gesetzgebung und Rechtsprechung gelten soll.

Dr. Henrike Franz, Leiterin der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt bei der Europäischen Union, begrüßte den breit angelegten Diskurs der BDSI-Veranstaltung.

Klaus Reingen, Hauptgeschäftsführer des BDSI, erläuterte einführend, dass das derzeit gültige vom Europäischen Gerichtshof geprägte Verbraucherleitbild darauf abstelle, wie ein "durchschnittlich informierter, aufmerksamer und verständiger Durchschnittsverbraucher" Angaben auf Lebensmittelverpackungen wahrscheinlich auffasst. Anders als beim so genannten "flüchtigen Verbraucher" werde beim "verständigen Verbraucher" vorausgesetzt, dass er sich über das Lebensmittel informiere, er also z.B. - wenn er es will - auch die Zutatenliste liest.

Auf dem Podium diskutierten unter der Moderation des bekannten Wirtschaftsjournalisten Hajo Friedrich kontrovers:

- Dr. Dietmar Kendziur, Vorsitzender des Bundesverbandes der Deutschen Süßwarenindustrie
- Armin Valet, Verbraucherzentrale Hamburg
- Dr. Horst Schnellhardt, MdEP, Europäisches Parlament
- Prof. Dr. Gunther Hirschfelder, Kulturanthropologe an der Universität Regensburg
- Jan Grossarth, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Dr. Dietmar Kendziur, Vorsitzender des BDSI, sprach sich dafür aus, dass sich auch in Zukunft staatliche Eingriffe auf Gesundheitsschutz und Gefahrenabwehr sowie den Schutz vor Täuschung und Übervorteilung beschränken sollten. Das Verbraucherleitbild des Europäischen Gerichtshofes ist aus seiner Sicht nach wie vor zeitgemäß und am besten geeignet, eine Balance zwischen Eigenverantwortung und Souveränität der Verbraucher einerseits und berechtigtem Schutz vor Täuschung und Gefahren andererseits zu gewährleisten. Statt über immer neue regulatorische Eingriffe nachzudenken, sollte Verbraucherpolitik Alltagskompetenzen durch Verbraucherbildung stärken. Neben den vielen bereits bestehenden gesetzlichen Vorgaben ist wettbewerbliche Vielfalt aus Sicht des BDSI der beste Verbraucherschutz, denn die Zufriedenheit der Verbraucher ist existenzielles Interesse eines jeden Unternehmens.

Dem widersprach Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. Das normative Leitbild eines Verbrauchers, wie es der Europäische Gerichtshof aufgestellt habe, könne nicht mehr verallgemeinernd auf jede Kaufentscheidung übertragen werden. Insbesondere bei Lebensmitteln - aber auch bei anderen Produkten des täglichen Bedarfs - habe die Praxis gezeigt, dass eben nicht davon ausgegangen werden könnte, dass der Verbraucher aufmerksam und informiert entscheide. Daher müssten begleitende Maßnahmen ergriffen werden, um den Verbraucher zu unterstützen oder zu schützen. Hierzu zähle beispielsweise eine einfache und verständliche Lebensmittelkennzeichnung.

Dr. Horst Schnellhardt, MdEP, vertrat hingegen die Auffassung, dass Verbraucher in ihrer souveränen Eigenverantwortung bestärkt werden müssten. Weder der Staat noch andere Stellen verfügten über die notwendige Legitimation, Verbraucherentscheidungen als falsch zu bezeichnen. Eine Steuerung des Ess- oder Kaufverhaltens durch ein "wohlgemeintes" gesetzliches oder politisches Diktat liege nicht im Interesse aller Verbraucher und sei auch nicht Aufgabe der europäischen oder nationalen Politik. Mit der Lebensmittelinformations-Verordnung sei ein Stück guter Gesetzgebung zur Verbraucherinformation geschaffen worden.

Prof. Dr. Gunther Hirschfelder, Kulturanthropologe von der Universität Regensburg, hob aus Sicht der Wissenschaft hervor, dass es noch nie so viele Informationen rund um Lebensmittel und ausgewogene Ernährung gab wie heute. Die Flut an Werbebotschaften, Labels, Apps und Ratschlägen, aber auch an Widersprüchen bei den Informationen sei für viele Menschen jedoch kaum zu verarbeiten. All dies habe zu einer zunehmenden Verunsicherung der Verbraucher geführt. Vielen Menschen sei die Ernährungs- und Kochkompetenz als Grundlage für selbstverantwortliches Handeln und Urteilsfähigkeit abhandengekommen. Ernährungsbildung sei deshalb der zentrale Schlüssel, um die vielfältig bereitgestellten Informationen zu verstehen und bestmöglich nutzen zu können. Zudem gab er zu bedenken, dass Essen und Trinken etwas Emotionales sei und schon von daher noch mehr Informationen oder der erhobene Zeigefinger ins Leere laufen dürften.

Jan Grossarth, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung, betonte, dass das Verbraucherverhalten vielschichtig sei. Dabei reiche das Spektrum von einem souveränen, selbständigen Menschen, der sich selbst am ehesten zu Gesundheit und Wohlbefinden regulieren könne, über einen Konsumenten, der nicht in der Lage sei, die zur Verfügung gestellten Informationen richtig einzuordnen bis hin zum Verbraucher, der sich überhaupt nicht für den gesundheitlichen Nutzen von Lebensmitteln interessiere. Grossarth mahnte eine weder moralisierende noch skandalisierende Betrachtensweise des Verbraucherleitbildes an.

Quelle und Kontaktadresse:
Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie e.V. (BDSI) Dr. Torben Erbrath, Geschäftsführer, Pressesprecher(in) Schumannstr. 4-6, 53113 Bonn Telefon: (0228) 26007-0, Telefax: (0228) 26007-89

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