Handlungsbedarf bei vermissten und weggelaufenen Kindern sowie Straßenkindern - Ergebnisse des Fachgespräches der Deutschen Kinderhilfe e.V. und Missing Children Europe im Deutschen Bundestag zum Thema "Vermisste Kinder" am 24.11.2011
(Berlin) - Gemeinsam mit Missing Children Europe, der europäischen Vereinigung für vermisste und sexuell missbrauchte Kinder, die in 17 Mitgliedstaaten der EU und der Schweiz aktiv ist, veranstaltete die Deutsche Kinderhilfe am 24.11.2011 im Deutschen Bundestag ein öffentliches Fachgespräch mit Politikern, Vertretern aus Ministerien und Experten der Polizei und Hilfsorganisationen aus Deutschland, Belgien, Tschechien und den USA zum Thema "Vermisste und weggelaufene Kinder". Ziel der Veranstaltung, der eine internationale Fachtagung der Deutschen Kinderhilfe am 20.09.2011 zum gleichen Thema in Brüssel voranging, war es, bei Politik und Behörden eine Sensibilität für das Thema, welches derzeit in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung nur eine untergeordnete Rolle spielt, zu wecken.
Durch die Vorstellung positiver Beispiele und Maßnahmen anderer Länder soll nun auch in Deutschland ein Impuls für eine bessere Zusammenarbeit der Behörden untereinander und mit Hilfsorganisationen gegeben werden.
Im Gegensatz zu den USA, Kanada, Australien und vielen europäischen Nachbarn ist das Thema "Vermisste Kinder" in Deutschland zu wenig präsent und wird ausschließlich auf mögliche Opfer von Straftaten reduziert. Gerade die weggelaufenen Kinder bedürfen aber einer erhöhten Aufmerksamkeit.
In Deutschland wurden im Jahr 2010 5.713 Kinder unter 14 Jahren bei den Polizeibehörden als vermisst gemeldet. 113 Kinder davon sind bis heute unauffindbar, insgesamt sind es aus den letzten Jahren über 1.500 Kinder, die dauerhaft vermisst bleiben. Vermisste Kinder sind nicht nur potentielle Opfer von Kriminellen oder werden von eigenen Elternteilen entführt - es gibt Fälle wie "Mirco" oder "Mady McCann", die großes öffentliches Aufsehen erregen - sondern eine wesentlich größere Zahl von Kindern und Jugendlichen läuft aus Heimen und von zu Hause weg. Die meisten weggelaufenen Kinder, vorsichtige Schätzungen gehen von bis zu 20.000 jährlich aus, werden statistisch nicht erfasst. Die fehlenden Daten stellen nach Angaben der anwesenden Experten ein großes Defizit in Deutschland dar.
Die Internationale Organisation für vermisste und missbrauchte Kinder, ICMEC (International Center for Missing & Exploited Children), Partner der Deutschen Kinderhilfe, wurde durch ihre Direktorin Caroline Humer vertreten, die ihrerseits Deutschland zur Zusammenarbeit und weitergehenden Anstrengungen, wie etwa der Etablierung eines sog. Child-Alert-Systems aufrief. Mit diesem alarmiert die Polizei unverzüglich die Öffentlichkeit, sobald ein Kind vermisst gemeldet wird und sein Leben in Gefahr ist. Einbezogen werden dabei Radio- und TV-Stationen, Mobilfunkdienste, das Internet sowie öffentliche Informationsflächen z.B. auf Flughäfen oder Bahnhöfen.
Francis Herbert, Generalsekretär von Missing Children Europe, forderte eine bessere finanzielle und öffentlichkeitswirksame Unterstützung der europaweiten Hotline 116 000 durch die deutsche Regierung und die zuständigen Behörden sowie ein Fachkonzept für die Qualität einer solchen Hotline. Die 116 000 wurde in Deutschland zwar von der Bundesnetzagentur an die Hamburger "Initiative Vermisste Kinder" vergeben, die diese nach eigenen Angaben seit August 24 Stunden 7 Tage die Woche betreut, eine Kooperation mit den anderen europäischen Hotlines findet jedoch nicht statt und die für einen Erfolg erforderliche Bekanntheit der Nummer ist derzeit noch nicht gegeben.
Kriminaloberrat Michael Jablonski, Dezernatsleiter Fahndung beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen machte deutlich, dass die Polizeibehörden in Deutschland bereits Elemente sogenannter Child-Alert-Systeme nutzen und auch grenzüberschreitend mit den Behörden der Nachbarländer gut zusammenarbeiten. Die federführende Kompetenz müsse bei den Polizeibehörden bleiben. Nichtregierungsorganisationen könnten die Polizei bei der Betreuung der Angehörigen gut unterstützen.
Jörg Richert vom Bündnis für Straßenkinder hob hervor, dass viele weggelaufene Kinder nicht von den Eltern gefunden werden wollen und sich daher nicht an die Polizei wenden. Daher sei es notwendig, Anlaufstellen für Straßenkinder, wie den Verein KARUNA (Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not) e.V. in Berlin und das bundesweite Netzwerk, mehr zu unterstützen. Gerade diese Kinder werden häufig Opfer von Gewalttaten, rutschen in den Alkohol- und Drogenkonsum ab, erfahren Gewalt und sexuellen Missbrauch.
Georg Ehrmann, Vorsitzender der Deutschen Kinderhilfe und Mitglied im Bundesjugendkuratorium fasste die Ergebnisse des Gesprächs dahingehend zusammen, dass mit dem Fachgespräch eine Entwicklung in Deutschland angestoßen wurde. Ein bislang wenig beachtetes und für die Betroffenen häufig dramatisches Thema findet nun Eingang in die politische Debatte. Die Deutsche Kinderhilfe wird nun nach Zusage leitender französischer, belgischer und britischer Polizeiverantwortlicher einen Dialog mit den deutschen Polizeibehörden initiieren, ein Termin mit dem LKA NRW ist konkret in Vorbereitung. Daneben wird der begonnene Dialog fortgesetzt und in einem Folgegespräch 2012 erste konkrete Handlungsvorschläge erarbeitet werden.
"Der heutige Tag stellt einen konstruktiven Beitrag dar, das Thema vermisste und weggelaufene Kinder aus dem Nischendasein zu holen. An jedem Tag verschwinden in Deutschland geschätzt 55 Kinder, dagegen helfen nicht Symbole, wie ein Tag des vermissten Kindes, sondern der politische und gesellschaftliche Wille, dieses Problem anzugehen", so Georg Ehrmann gestern anlässlich des Fachgespräches im Deutschen Bundestag.
Quelle und Kontaktadresse:
Deutsche Kinderhilfe e.V.
Rolf Stöckel, Sprecher des Vorstandes
Schiffbauer Damm 40, 10117 Berlin
Telefon: (030) 24342940, Telefax: (030) 24342949
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