Hilfsmittel-Studie: Eine zukunftsfähige Gesundheitspolitik muss ambulante Strukturen gezielt stärken
(Hamburg) - Hilfsmittel- und Homecare-Leistungen werden in gesundheitspolitischen Debatten häufig nur als Ausgabenpositionen betrachtet. Diese Sicht greift zu kurz, denn ob eine Versorgung wirtschaftlich ist, entscheidet sich nicht allein am Preis eines Produkts, sondern über den gesamten Versorgungsverlauf: Wird das Hilfsmittel bedarfsgerecht ausgewählt? Können Betroffene und Angehörige es sicher anwenden? Werden Komplikationen früh erkannt? Und lassen sich zusätzliche Pflegebedarfe, Arztbesuche oder Klinikaufenthalte vermeiden?
Die HilfsmittelStudie 2026 macht deutlich, wie groß die Sorge vor einer kurzfristig ausgerichteten Sparpolitik in der Branche ist. 84 Prozent der knapp 1.000 Befragten Branchen-Mitarbeitenden erwarten, dass steigender Kostendruck und überbordende Bürokratie die Versorgung verschlechtern werden. Gleichzeitig rechnen 88 Prozent mit einer wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung der Hilfsmittelversorgung. Demografischer Wandel, mehr chronische Erkrankungen und die zunehmende Ambulantisierung erhöhen den Bedarf und die Nachfrage – trotz angespannter Personalsituation: als größte Zukunftsherausforderung sehen 81 Prozent den Fachkräftemangel.
Wirtschaftlichkeit am Versorgungsverlauf messen
Die zentrale Frage darf daher nicht lauten, wo beim einzelnen Produkt z. B. durch Ausschreibungen noch wenige Prozent eingespart werden können. Entscheidend ist, welche Versorgung über den gesamten Verlauf das bessere Ergebnis erzielt und vermeidbare Folgekosten reduziert. Fachliche Beratung, Schulung, Koordination und Verlaufskontrolle durch Homecare-Fachkräfte sind dabei kein Zusatz zum Produkt. Sie machen dessen sicheren und wirksamen Einsatz häufig erst möglich.
„Die Realität in der Versorgung zeigt deutlich, dass wir ein verbindliches ambulantes Therapiemanagement brauchen. Wirtschaftlich ist nicht automatisch die billigste Einzelversorgung, sondern der bessere Versorgungsverlauf“, erläutert Norbert Bertram, Geschäftsführer des VVHC. „Wer ambulante Expertise durch z. B. Ausschreibungen schwächt, riskiert, dass Kosten lediglich wieder in Pflege, Arztpraxen und Krankenhäuser verlagert werden.“
Homecare-Therapiemanagement setzt dabei an zentralen Schnittstellen an, insbesondere beim Übergang vom Krankenhaus in die häusliche Versorgung. Fachkräfte schulen Patientinnen und Patienten, Angehörige und Pflegekräfte, begleiten Therapieverläufe und vernetzen Arztpraxis, Klinik, Pflege, Krankenkasse und weitere Versorgungspartner.
Die HilfsmittelStudie bestätigt den Wunsch der Branche, diese Rolle aktiver auszufüllen. Nicht nur, dass 80 Prozent der Befragten mehr Einfluss auf Krankenkassen und Vertragsgestaltung möchten und 69 Prozent Entbürokratisierung fordern.
Die Studie kommt vielmehr zu einer bemerkenswerteren Schlussfolgerung: In den Interviews wurde zunächst kaum über Produkte gesprochen, sondern mehr über Versorgung, Menschlichkeit, Fachkräfte, Netzwerke, Zusammenarbeit und Verantwortung. Die Branche stellt nicht nur Hilfsmittel bereit, sie organisiert Selbstständigkeit, Teilhabe und Lebensqualität.
Kurswechsel bei künftigen Reformen
Pauschale Kürzungen auf Hilfsmittelvergütungen treffen daher nicht nur Produkte, sondern auch Beratung, Koordination, Schulung und Nachsorge.
Gesundheitspolitische Reformen sollten deshalb stärker berücksichtigen, welche Folgekosten durch geschwächte ambulante Strukturen entstehen können. Notwendig sind verbindliche Qualitätsstandards, eine angemessene Vergütung fachlicher Leistungen, weniger Bürokratie, interoperable digitale Schnittstellen sowie eine sektorenübergreifende Bewertung von Behandlungsergebnissen und Gesamtkosten.
„Homecare ist nicht nur Teil der Versorgung, sondern Teil der Lösung“, so Bertram. „Eine zukunftsfähige Gesundheitspolitik muss ambulante Strukturen gezielt stärken und ihr Potential für das Gesamtsystem nutzbar machen. Mit dem neuen Gesundheitsminister entsteht die Chance, auch hier anzusetzen.“
Über die HilfsmittelStudie
Die Studie wurde von der opta data Zukunfts-Stiftung, unter Leitung von Prof. Dr. Thomas Druyen, gemeinsam mit dem Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien und in Kooperation mit dem Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik (BIV-OT) und dem Verband Versorgungsqualität Homecare e. V. (VVHC) durchgeführt.
Die vollständige Studie kann kostenlos auf der Website der opta data Zukunfts-Stiftung heruntergeladen werden: www.zukunftsstiftung.optadata.de/forschung/studien/sanitaetshausstudie-2025-2026/
Quelle und Kontaktadresse:
Verband Versorgungsqualität Homecare e.V. (VVHC), Norbert Bertram, Geschäftsführer(in) Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, Flughafenstr. 52a, 22335 Hamburg, Telefon: 040 53299370
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