Steigende Marktanteile - Mehr Intelligenz im Fahrzeug - Clean Diesel strategisch wichtig - Handelspolitik gefordert / Wissmann: Eindrucksvolle Modelloffensive der deutschen Hersteller auf dem Genfer Autosalon
(Berlin) - Statement von Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), anlässlich des VDA-Pressegesprächs am 5. März 2012 in Genf:
Der Genfer Autosalon läutet traditionell den "Autofrühling" ein. Vor den beiden Pressetagen - bereits morgen stehen über 60 Pressekonferenzen auf dem Programm - will ich Ihnen einen aktuellen Überblick über die Marktentwicklung geben sowie einige Technologietrends aufzeigen. Zudem beschäftigt uns immer mehr die internationale Handelspolitik.
In das Autojahr 2012 sind wir zuversichtlich mit dem Rückenwind eines sehr starken Vorjahres gestartet. 2011 war für unsere Unternehmen sehr erfolgreich. Die deutsche Automobilindustrie hat bei Produktion, Export und Umsatz neue Rekordmarken erreicht. Bereits auf unserer Jahrespressekonferenz Anfang Dezember haben wir darauf hingewiesen, dass 2012 ein "hartes Arbeitsjahr" wird und wir "mehr Gegenwind" erwarten. Das gilt weiterhin. Die hohen Wachstumsraten, die wir 2011 verbuchen konnten, lassen sich in dieser Form nicht einfach fortschreiben. Wir haben Geschwindigkeit zurückgenommen, halten aber noch vergleichsweise hohes Tempo. Der globale Automobilmarkt bleibt auf Wachstumskurs. Insgesamt erwarten wir 2012 ein Wachstum des weltweiten Pkw-Marktes von 4 Prozent. Das sind gute Perspektiven für unsere Unternehmen.
Erneut Marktanteilsgewinne in den USA
Dynamisch zeigt sich der US-Markt. Nachdem er bereits in den beiden vergangenen Jahren jeweils zweistellig zugelegt hatte, rechnen wir für das laufende Jahr mit einem Plus von 8 Prozent auf gut 13,7 Mio. Light Vehicles. Wir haben damit unsere Prognose vom Dezember (13,4 Mio. Light Vehicles) leicht angehoben. Im Februar 2012 wurden in den USA knapp 1,15 Mio. Light Vehicles (Pkw und Light Trucks) verkauft. Das entspricht einem Plus von 16 Prozent und liegt damit noch über der Wachstumsrate vom Januar (+11 Prozent).
Besonders erfreulich: Die deutschen Konzernmarken setzen ihre Erfolgsfahrt auf dem nordamerikanischen Markt weiter fort. Sie erhöhten ihren Absatz von Light Vehicles im Februar um 29 Prozent auf 87.150 Einheiten und wuchsen damit fast doppelt so schnell wie der Gesamtmarkt. Im Pkw-Segment konnten die deutschen Konzernmarken mit mehr als 65.100 Einheiten ein Drittel mehr Neuwagen absetzen, der Pkw-Gesamtmarkt wuchs um knapp ein Viertel auf 600.000 Fahrzeuge. Unsere Hersteller haben damit ihren Pkw-Marktanteil innerhalb eines Jahres um 0,5 Prozentpunkte auf 11,6 Prozent weiter ausbauen können. Auch bei den Light Trucks sind wir mit hohem Drehmoment unterwegs: Mit knapp 18 Prozent war das Wachstum der deutschen Konzernmarken mehr als doppelt so hoch wie das des gesamten Light-Truck-Marktes, der um rund 8 Prozent auf rund 546.200 Einheiten zulegte. In den ersten beiden Monaten steigerten unsere Hersteller ihren Light-Vehicles-Absatz (Pkw und Light Trucks) um über 26 Prozent auf gut 167.700 Einheiten, während der Gesamtmarkt um knapp 14 Prozent auf 2,06 Mio. Fahrzeuge zunahm.
Auch der chinesische Markt erweist sich als robust. Die Inflation scheint ihren Höhepunkt überschritten zu haben; wir rechnen in 2012 nicht mit einer starken Straffung der Geldpolitik. Das gibt auch dem Pkw-Markt Impulse: Für das Gesamtjahr erwarten wir ein Wachstum von ebenfalls 8 Prozent auf gut 13,1 Mio. Einheiten. Wer dieses hohe einstellige Wachstum als "chinesische Rezession" kleinreden will, zeichnet ein falsches Bild über die Entwicklung in diesem großen und bevölkerungsreichen Land. Indien wird zweistellig (+10 Prozent) auf rund 2,8 Mio. Pkw steigen. Auch hier sehen wir eine geldpolitische Entspannung am Horizont.
Der japanische Automobilmarkt erholt sich von den Sondereffekten rasch und wächst 2012 um 17 Prozent auf über 4,1 Mio. Pkw. Diese Wiederaufbau-Leistungen unserer japanischen Wettbewerber nach Fukushima und Thailand verfolgen wir mit ganz besonderem Respekt. Für Osteuropa inklusive Russland und Türkei erwarten wir ein kleines Plus (+2 Prozent).
In allen wichtigen Regionen der Welt sehen wir 2012 also positive Vorzeichen - mit einer Ausnahme: Westeuropa. Bedingt durch die Staatsschuldenkrise in einigen EU-Ländern könnte der Pkw-Absatz in Westeuropa in diesem Jahr aller Voraussicht nach um bis zu 5 Prozent auf 12,1 Mio. Einheiten zurückgehen. Aber: Die deutsche Automobilindustrie ist global breit aufgestellt. Ich erwarte, dass die Internationalität sowohl unserer Hersteller als auch unserer Zulieferer helfen wird, den schwächeren westeuropäischen Markt wieder zu kompensieren: Von zehn aus Deutschland exportierten Pkw gehen sieben in Länder außerhalb der Eurozone. Drei von zehn exportierten Pkw werden in das übrige Europa geliefert. Jeder siebte Export-Pkw wird in die Nafta-Region ausgeführt, jeder achte nach China. Hinzu kommt, dass die deutschen Hersteller im Premiumbereich über einen Weltmarktanteil von 80 Prozent verfügen. Die Exporte in die boomenden Länder Asiens und in die USA sind zu einem Großteil Premiumfahrzeuge unserer Hersteller - das gibt auch für 2012 eine gute Perspektive.
Insgesamt bleiben die Auslandsmärkte außerhalb Europas eine stabile Größe für die deutsche Automobilindustrie. Derzeit sind in der deutschen Automobilindustrie (Inland) über 730.000 direkte Mitarbeiter beschäftigt, ein Anstieg der Stammbelegschaften um 25.000 gegenüber dem Vorjahr. Auch die Pkw-Auslandsproduktion, die 2011 um 17 Prozent auf 7,1 Mio. Fahrzeuge gestiegen ist - für 2012 erwarten wir ein Plus von 3 Prozent auf 7,3 Mio. Einheiten -, stützt die Beschäftigung in Deutschland weiterhin. Es gilt unverändert die Daumenregel: Drei neue Arbeitsplätze im Ausland schaffen oder sichern einen Arbeitsplatz im Inland.
Pkw-Inlandsmarkt auf Vorjahresniveau
Der deutsche Pkw-Markt hat im Februar 2012 das relativ hohe Vorjahresniveau mit 224.400 Einheiten gehalten. Während die Importeure einen Rückgang um 7 Prozent hinnehmen mussten, konnten die deutschen Konzernmarken ihren Inlandsabsatz um 3 Prozent auf 157.700 Neufahrzeuge steigern. Ihr Marktanteil erhöhte sich um 2 Prozentpunkte auf über 70 Prozent. Die Entwicklung des Inlandsmarktes bestätigt unsere Erwartungen. Wir halten Kurs und bauen mit unseren effizienten und attraktiven neuen Modellen unsere starke Position auf dem Heimatmarkt aus. Hinzu kommt die weiterhin positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt, die die Nachfrage stabil hält.
Wir alle wissen: Der Neuwagenkauf ist eine der wichtigsten Entscheidungen eines privaten Haushalts. Da muss das Umfeld stimmen, die Perspektiven über die wirtschaftliche Zukunft des Einzelnen benötigen stabile Rahmenbedingungen. Wir hoffen, dass die Schuldenkrise im Euroraum Stück für Stück gemeistert wird. Das wäre eine wesentliche "vertrauensbildende Maßnahme" für den Verbraucher. Der Anteil der privaten Halter an den Pkw-Neuzulassungen lag 2011 bei 40 Prozent und damit - abgesehen vom Sonderjahr 2009, als der Anteil aufgrund der Umweltprämie stark anstieg - im Durchschnitt der letzten fünf Jahre.
Nachdem im vergangenen Jahr der Pkw-Inlandsmarkt um 9 Prozent auf gut 3,17 Mio. Einheiten gestiegen ist, rechnen wir in diesem Jahr allenfalls mit einer Seitwärtsbewegung: Die Pkw-Neuzulassungen werden erneut über 3,1 Mio. liegen. Allerdings gilt dies unter der Annahme, dass die Schuldenkrise langsam gemeistert wird und die Rahmenbedingungen stabil bleiben.
Eindrucksvolle Modelloffensive der deutschen Hersteller
Die deutschen Hersteller präsentieren hier auf den Genfer Salon eine eindrucksvolle Modelloffensive. Und passend zum Ambiente hier am Lac Léman lassen sich viele der Premieren unter dem Prädikat "sportlich-effiziente Eleganz" zusammenfassen: Ich nenne einige Beispiele: Audi RS4 Avant, BMW 6er Gran Coupé, die neuen BMW M Performance Automobile, die den verbrauchsgünstigen Clean Diesel mit noch mehr Dynamik versehen, der Mercedes SL 63 AMG, der Leistungsstärke mit geringerem Verbrauch kombiniert. Außerdem hat der Mercedes E 300 BlueTEC HYBRID Europapremiere. Dieser erste Diesel-Hybrid eines deutschen Premiumherstellers ist weltweit das sparsamste Oberklasse-Modell und benötigt nur 4,2 l/100 km. Porsche stellt die ebenfalls effiziente neue Boxster-Generation vor, Volkswagen kommt mit dem neuen Golf GTI Cabrio.
Premium beschränkt sich allerdings längst nicht mehr nur auf die oberen Segmente. Die deutschen Hersteller zeigen hier in Genf gerade auch in den unteren Fahrzeugklassen Bemerkenswertes: So tritt der temperamentvolle Audi A1 Quattro an; der neue Audi A3, ausgestattet mit vielen Assistenzsystemen, feiert Weltpremiere; BMW bringt den sportlichen M135i sowie den BMW 116d mit 3,8 l/100 km und 99 g/km CO2. Daimler zeigt die neue, jugendliche A-Klasse, Volkswagen den fünftürigen Kleinwagen up! mit optionalem City-Notbremsassistent.
Die Nachfrage nach Pkw aus dem Kleinstwagen-Segment nimmt zu, das zeigt ein Blick auf die Neuzulassungsstatistik: Allein im Januar stieg der Absatz um 14 Prozent auf über 14.000 Fahrzeuge. Der Marktanteil dieses Segments erhöhte sich um rund 1 Prozentpunkt auf 6,7 Prozent; die deutschen Hersteller konnten mit ihren neuen Modellen ihren Marktanteil in diesem Segment auf 37 Prozent ausbauen (Vorjahr: 34 Prozent). Absolut wurden im ersten Monat des Jahres mehr Kleinstwagen-Fahrzeuge deutscher Konzernmarken neu zugelassen (5.263) als die französischen und italienischen Marken zusammen genommen.
Studie zeigt: Wunsch nach eigenem Auto bei jungen Menschen stark ausgeprägt
Dass der Wunsch gerade jüngerer Menschen nach dem eigenen Automobil weiterhin stark ausgeprägt ist, belegt eine aktuelle Studie von McKinsey. Demnach wollen 73 Prozent aller befragten 18- bis 39-Jährigen in den nächsten zehn Jahren ein eigenes Auto haben. Die Tendenz ist steigend: Bei den unter 25-jährigen liegt dieser Anteil sogar bei 78 Prozent. Der Wunsch nach dem eigenen Auto entspricht der starken Bedeutung des Autos als Statussymbol: Knapp 80 Prozent aller Befragten sind überzeugt, dass ihnen das eigene Auto im Vergleich zu anderen Luxusgütern auch in Zukunft die größte Wertschätzung einbringt, so McKinsey. Die Umfrage kommt außerdem zu dem Ergebnis, dass die Kunden, wenn es um das eigene Auto geht, vor allem Premiumprodukte bevorzugen. Als VDA sehen wir uns in dieser Einschätzung mit unseren Beobachtungen, zuletzt auf der IAA PKW 2011, bestätigt.
Das Institut für Automobilwirtschaft (IFA) hat jetzt ein weiteres Vorurteil durch handfeste Fakten widerlegt: Immer mehr junge Menschen verfügen über einen Führerschein. Nach Berechnungen des IFA ist der Anteil der 18- bis 24-Jährigen, die einen Führerschein besitzen, von 65,5 Prozent im Jahr 2005 auf rund 71 Prozent im Jahr 2010 gestiegen. Besonders zugelegt hat der Führerscheinbesitz bei jungen Frauen. Hier erhöhte sich die Führerscheinquote im gleichen Zeitraum von 63 auf 71 Prozent. Der "Führerschein mit 17" unterstreicht ebenfalls die große Bedeutung, die die Fahrerlaubnis für junge Menschen hat: Im Jahr 2010 hatten schon 22,5 Prozent der 17-Jährigen den Führerschein erworben. Insgesamt ist dadurch der Führerscheinbesitz in der Altersgruppe zwischen 17 und 24 Jahren von 2005 bis 2010 um mehr als 8 Prozentpunkte auf knapp 66 Prozent gestiegen.
Auch diese Zahlen zeigen, wie wichtig jungen Menschen das Auto ist: Der Führerschein erweitert die Mobilitätsspielräume für junge Menschen. Auch wenn sich nicht jeder Führerschein-Neuling gleich ein eigenes Auto leisten kann - die gestiegene Führerscheinquote ist Beleg dafür, dass das Auto gerade für die junge Generation eine weiterhin hohe Bedeutung bei ihrer Lebensplanung hat.
Mehr Intelligenz im Fahrzeug
Ein weiterer Trend wird hier auf dem Genfer Salon deutlich: Die neuen Modelle werden nicht nur immer CO2-effizienter und weisen einen geringeren Kraftstoffverbrauch auf, sie sind zudem auch immer "intelligenter". Die Zahl der Assistenzsysteme nimmt stetig zu. Sie helfen dem Fahrer vielfältig: beim Abstandhalten und beim Wechseln der Fahrspur, beim Überholen, Beschleunigen, Bremsen, bei Nachtfahrten oder Müdigkeit. Kameragestützte Systeme assistieren beim Einparken und Rückwärtsfahren. "Auto oder smartphone" - diese Alternative stellt sich längst nicht mehr: Mobile "Connectivity" via Internet wird bereits auch bei Autos der Kleinwagen- und Kompaktklasse angeboten. Das Auto wird künftig zur "mobilen Kommunikationszentrale". Es gibt kein anderes Produkt, das - wie das Auto - 126 Jahre nach seiner Erfindung in der Lage ist, ständig die neuesten Technologien zu integrieren. Dabei geht es nicht nur um die online-Tisch-Reservierung in einem Restaurant (während der Fahrt dorthin). Vielmehr sorgt die Car-to-Car-Kommunikation für noch mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Die Vision des unfallfreien Fahrens rückt somit näher.
Effiziente Neuwagen als Antwort auf steigende Kraftstoffpreise
Sorgen bereitet den Autofahrern ebenso wie uns natürlich die Preisentwicklung an der Zapfsäule. Schon in den vergangenen beiden Jahren sind die Kraftstoffpreise jeweils um 11 Prozent gestiegen, während die Neuwagenpreise nahezu stabil blieben. Wenn also der Autokostenindex, der die Kostenbelastung des Autofahrers misst und sowohl den Kaufpreis des Neuwagens als auch dessen Unterhalt abbildet, im Jahr 2011 um mehr als 4 Prozent über Vorjahr lag, dann ist das fast ausschließlich auf die Verteuerung der Kraftstoffe zurückzuführen. Auch im Januar 2012 hat sich an diesem Trend nichts geändert: Während die Neuwagenpreise gegenüber dem Vorjahresmonat nahezu konstant gehalten wurden (+0,8 Prozent), stiegen die Kraftstoffpreise um 6,4 Prozent. Besonders ärgerlich: Der Preis für 1 Liter Diesel hat sich gegenüber Januar 2011 um gut 9 Prozent erhöht. Superbenzin legte um 5,6 Prozent zu. Der Autokostenindex insgesamt erhöhte sich - nahezu ausschließlich aufgrund der gestiegenen Spritpreise - um 2,7 Prozent.
Die deutschen Automobilhersteller und ihre Zulieferer halten dagegen: Mit neuen Modellen, die mit hocheffizienten Motoren ausgestattet und konsequent auf Leichtbau getrimmt sind. Nahezu jedes neue Modell, das heute auf den Markt kommt, hat ein geringeres Gewicht als das Vorgängermodell. Das trägt zum Klimaschutz bei und schont gleichzeitig den Geldbeutel des Autofahrers an der Zapfsäule. Die deutschen Konzernmarken bieten bereits über 400 Modelle und Modellvarianten mit einem CO2-Wert von weniger als 130 g/km an. Dies entspricht einem Kraftstoffverbrauch von etwa 5 Litern pro 100 Kilometer. Die Anzahl hat sich innerhalb eines Jahres um gut 50 Prozent erhöht. Allerdings lässt sich dieser Trend nicht einfach linear fortschreiben. Jedes Gramm CO2, das zusätzlich eingespart werden muss, bedeutet für Hersteller und Zulieferer enorme Aufwendungen bei Forschung und Entwicklung. Die erfreulichen Fortschritte in den letzten beiden Jahren bei der CO2-Reduzierung sind auch darauf zurückzuführen, dass unsere Hersteller neue, hoch effiziente Motoren-Generationen entwickelt und ihre neuen Modelle damit ausgestattet haben. Das lässt sich natürlich nicht im Jahres-Rhythmus wiederholen, die nächste Motoren-Generation folgt meist in fünf bis sieben Jahren. Bei künftigen CO2-Regulierungen sind also in Brüssel Augenmaß und ökonomische Vernunft gefordert.
Ehrgeizige CO2-Ziele fordern auch die Zulieferer - neue Chancen
75 Prozent der Wertschöpfung eines Automobils entfällt auf Zulieferer. Gerade bei der Optimierung der klassischen Antriebe bieten sich den Zulieferern neue Chancen. Das mag auf den ersten Blick paradox erscheinen: Wie soll bei kleineren Motoren mit weniger Zylindern und geringerem Hubraum mehr Geschäft für Zulieferer entstehen? Die Antwort: Die Motoren werden nicht nur kleiner, sondern wesentlich intelligenter und, gemessen am Hubraum, leistungsstärker. Sie erhalten eine moderne Turboaufladung, verbunden mit Benzindirekteinspritzung oder, beim Diesel, einem höheren Einspritzdruck des Common-Rail-Systems. Ergebnis: Schon bei niedrigen Drehzahlen liegt ein hohes Drehmoment an, durch bessere Gemischbildung im Brennraum wird nicht nur Sprit gespart, auch die Abgasemissionen gehen zurück.
Für diese Technologie zeichnen vor allem auch deutsche Zulieferer verantwortlich, sie beliefern zahlreiche Hersteller. Nur ein Beispiel: Wie Dr. Bohr von Bosch kürzlich sagte, wird das Unternehmen allein im Zeitraum 2010 bis 2013 seinen Absatz von Benzindirekteinspritzsystemen auf 7 Mio. Einheiten verdreifachen. Im gleichen Zeitraum soll die Zahl der gelieferten Common-Rail-Dieseleinspritzsysteme um ein Drittel auf über 12 Mio. Einheiten steigen. Auch der Markt für Turbolader wächst kräftig. Hinzu kommt, dass unsere Zulieferer auch bei den zahlreichen Sicherheits- und Assistenzsystemen vorn dabei sind. 2011 konnten die deutschen Zulieferer ihren Umsatz um über 12 Prozent auf gut 69 Mrd. Euro steigern, besonders kräftig legte der Auslandsumsatz zu.
Innovation und Internationalität bilden besondere Herausforderungen für unsere mittelständischen Zulieferer. Die wachsenden Produktionskapazitäten der Hersteller in den Wachstumsmärkten werfen die Frage auf, wie gerade die kleineren Zulieferer mit diesem neuen Sprung in die Globalisierung umgehen sollten: Mit eigener Fertigung an die neuen Standort folgen oder von bestehenden Inlandswerken aus liefern? Natürlich haben die großen Zulieferer längst ihre Auslandspräsenz ausgebaut. Andererseits können Firmen mit einer Belegschaft von 50 Mitarbeitern nicht einfach in Russland oder Indien "lokalisieren". Dennoch müssen sie eine überzeugende Antwort auf diese Internationalisierung finden. Das heißt, sie müssen sich zumindest einer internationalen Wertschöpfungskette versichern, in die sie langfristig liefern können. Der VDA leistet hierzu seinen Beitrag: Angesichts globaler Märkte bietet der Verband mit den Gemeinschaftsständen auf wichtigen Messen - u. a. 2011 in Schanghai, 2012 in New Delhi und Moskau, 2013 voraussichtlich in Seoul, Shanghai und Sao Paulo - gerade kleineren und mittleren Mitgliedsunternehmen die Chance, Kontakte in den Wachstumsmärkten aufzubauen oder zu vertiefen.
CO2-Ziele nur mit Clean Diesel zu erreichen
Wir können die anspruchsvollen CO2-Ziele der EU allerdings nur erreichen, wenn der Anteil von Diesel-Fahrzeugen an den Neuzulassungen hoch bleibt. Dieser Anteil liegt derzeit in Deutschland bei 49 Prozent, bei den deutschen Konzernmarken sind es sogar 54 Prozent. Zum Vergleich: In Frankreich und Spanien beträgt der Diesel-Anteil jeweils über 70 Prozent, in Westeuropa sind es 57 Prozent.
Wir verfolgen mit Sorge die Pläne der EU, im Rahmen der Energiesteuerrichtlinie den Dieselkraftstoff gegenüber dem Benziner mittelfristig zu verteuern. Die Bundesregierung sieht das ebenfalls sehr kritisch. Es wäre fatal, wenn in der EU dem verbrauchsgünstigen Diesel Steine in den Weg gelegt würden, während gleichzeitig die USA nach langem Zögern die Verbrauchs- und Klimavorteile des Selbstzünders entdecken. Der VDA hat im Januar 2012 auf der Detroit Motor Show die geplante Clean-Diesel-Kampagne unserer Hersteller und Zulieferer für den US-Markt vorgestellt, jetzt will sich daran auch ein großer amerikanischer Hersteller beteiligen. Das stimmt uns zuversichtlich.
Kurs halten bei Elektromobilität
Die Elektromobilität hat die automobile öffentliche Diskussion in den vergangenen zwei, drei Jahren bestimmt. Wer die aktuellen Berichte verfolgt, könnte zu dem Schluss kommen, dass eine gewisse Ernüchterung eingetreten sei: So wurde beispielsweise in den kalten Wintermonaten von den Medien die Reichweite der bereits am Markt verfügbaren Elektroautos getestet. In den Berichten war von Euphorie nur noch wenig zu spüren.
Wir haben von Anfang an unsere "Fächerstrategie" verfolgt, die alle Optionen umfasst: die Entwicklung alternativer Antriebe - "reine" Batteriebetriebene Fahrzeuge, Range-Extender, Plug-in-Hybride - ebenso wie die Optimierung des klassischen Verbrennungsmotors. Und wir sind davon überzeugt, dass die Elektromobilität gerade in urbanen Räume Mobilitätsfragen der Zukunft lösen wird. Für die Forschung und Entwicklung alternativer Antriebe investiert die deutsche Automobilindustrie allein in den nächsten drei bis vier Jahren 10 bis 12 Mrd. Euro. Das entspricht 40 Prozent der Investitionen in die gesamte Antriebstechnologie. Wir gehen damit enorm in Vorleistung, denn der Umsatzanteil von Fahrzeugen mit alternativen Antrieben wird auch mittelfristig bei lediglich 5 Prozent liegen.
Politik muss gegen zunehmenden Protektionismus vorgehen
Drittens möchte ich kurz auf wichtige Handelsfragen eingehen. Wir sehen mit Besorgnis, dass vor allem in Schwellenländern eine wachsende Neigung zu kurzfristigen Vorteilen über Handelsbeschränkungen als Teil der Industriepolitik besteht. So zählt die EU-Kommission seit Oktober 2008 über 400 Maßnahmen, die den Handel weltweit belasten - davon über 130 Maßnahmen allein in den vergangenen 12 Monaten!
Vergangene Woche hat die EU-Kommission einen Bericht vorgelegt, der massive Hindernisse beim Zugang zu den Märkten von sechs strategischen Wirtschaftspartnern der EU herausstellt. Dies sind neben China, Indien, Russland und Mercosur (Brasilien/Argentinien) auch Staaten wie Japan und die USA. Allein auf diese Länder entfielen 2011 rund 45 Prozent des EU-Handels mit Waren und gewerblichen Dienstleistungen. Ein prominentes und sehr plastisches Beispiel sind etwa die Importlizenzen in Argentinien. Hier müssen nicht nur Importe an offizieller Stelle bürokratisch und nahezu planwirtschaftlich angemeldet werden. Gleichzeitig wird nahezu grotesk verlangt, im gleichen Wert der importierten Waren auch Güter zu exportieren. In der Praxis mündet das darin, dass beispielsweise BMW "Autos gegen argentinisches Leder" oder Porsche "Autos gegen argentinischen Wein" tauscht!
In Brasilien ist im Dezember 2011 ein neues Gesetz in Kraft getreten, das eine Steuererhöhung von 30 Prozentpunkten auf importierte Fahrzeuge vorsieht. Je nach Fahrzeugtyp steigt die Importsteuer von 7 auf 37 bzw. von 13 auf 43 Prozent. Diese neue Regelung soll vorerst bis Dezember 2012 gelten. Da die Handelsschranke diejenigen Fahrzeughersteller trifft, die weniger als 65 Prozent ihrer Fahrzeuge in Brasilien produzieren, wird die heimische Industrie zulasten ausländischer Produzenten massiv bevorzugt.
Aber nicht nur in Südamerika breitet sich der Protektionismus aus. Auch viele andere Länder verhalten sich alles andere als vorbildlich. In China sind wir nicht nur mit einer restriktiven Ausfuhrpolitik bei ausgewählten Rohstoffen konfrontiert, trotz Intervention der Welthandelsorganisation WTO. Zudem erhebt China Strafzölle auf Pkw, die aus den USA importiert werden. Japan betreibt ein restriktives Verfahren im öffentlichen Beschaffungswesen und macht den Herstellern das Leben durch andere technische Barrieren schwer. Russland zeigt trotz WTO-Beitritts ein fragwürdiges Investitionsregime im eigenen Land, und die USA drohen mit Handelssanktionen vor dem Hintergrund der Einführung des Luftverkehrs in den Emissionshandel.
Die Politik muss diesen Teufelskreis des Protektionismus durchbrechen, da lässt der VDA nicht locker. Wir weisen Bundesregierung, EU-Kommission und andere Regierungen immer wieder darauf hin. Der Trend zu Importzöllen, Mindestpreisen, Exportverboten und "Grauzonen-Maßnahmen" wie Anti-Dumping-Verfahren, aber auch sonstiger nicht-tarifärer Hemmnisse (NTB), muss gestoppt werden. Nicht nur Ökonomen wissen: Durch Protektionismus wird das Wachstum der Weltwirtschaft in Frage gestellt. Wir erwarten von der Bundesregierung und der EU-Kommission, dass sie jeweils ihre Stimme gegen Handelsbeschränkungen weiterhin und - wo möglich - noch deutlicher erheben. Wir begrüßen, dass sich Deutschland und die EU im Februar nicht mit dem Zwischenstand der Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen mit Indien zufrieden gegeben haben und im Herbst zu besseren Ergebnissen kommen wollen. Schließlich wollen die Länder, die Barrieren errichten, auch nach Europa exportieren.
Zusammenfassung:
Hier auf dem Genfer Salon setzen die deutschen Automobilhersteller ein starkes Zeichen. Sie bauen mit ihren neuen Modellen ihre dominierende Position im Premiumbereich weiter aus. Sie erweitern ihre Produktpalette strategisch auch im Kleinwagensegment. Unsere Autos werden noch effizienter, sicherer und intelligenter. Mit niedrigem Kraftstoffverbrauch antworten wir auf höhere Kraftstoffpreise und entlasten dadurch den Autofahrer. Weltweit sind die Automobilmärkte weiter auf Wachstumskurs. Mit ihrer globalen Ausrichtung können die deutschen Hersteller die momentane Schwäche auf dem westeuropäischen Markt ausgleichen. Allerdings ist die exportstarke deutsche Automobilindustrie wie keine andere auf offene Märkte angewiesen. Die Handelspolitik wird weltweit zu einem entscheidenden Standortfaktor. Daher stemmen wir uns mit Nachdruck gegen jede Art von Protektionismus. Im fairen Wettbewerb muss die automobile Welt mit Sicherheit weiter mit deutschen Unternehmen rechnen.
Quelle und Kontaktadresse:
VDA Verband der Automobilindustrie e.V.
Pressestelle
Behrenstr. 35, 10117 Berlin
Telefon: (030) 897842-0, Telefax: (030) 897842-600
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