Verbändereport AUSGABE 1 / 2021

„Unterstellte Wirkungen“ und „Wirkungen von Unterstellungen“

Studie: Der politische Einfluss von On- und Offline‐Medien

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Die Ergebnisse einer Kurzuntersuchung der Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“

Bild. BamS. Glotze. So sah die Medienwirklichkeit für Bundeskanzler Gerhard Schröder während seiner Amtszeit aus. Und wäre er heute noch im Amt, sein Credo lautete genau so. Das ergab kürzlich eine Studie der Universität Düsseldorf, die sich mit „unterstellten Wirkungen“ und den „Wirkungen von Unterstellungen“ beschäftigt. Dazu wurden jeweils im Frühjahr 2012 und 2013 insgesamt 1.688 (in 2012) und 1.228 (in 2013) Journalisten befragt.

„Im Mittelpunkt des Projekts steht die Frage, wie Journalistinnen und Journalisten in Deutschland den politischen Einfluss verschiedener On- und Offline-Medien auf verschiedene Personengruppen einschätzen“, schreiben die Forscher um den Kommunikationsforscher Prof. Dr. Gerhard Vowe. „Solche subjektiven Einschätzungen sind durchaus relevant, denn die Forschung zeigt, dass bereits bloße Annahmen darüber, wie Medien auf andere wirken, konkrete politische Folgen haben und das eigene Denken und Handeln beeinflussen können – und zwar völlig unabhängig davon, ob die Vermutungen zutreffend sind oder nicht.“

Die vergleichsweise traditionellen Medien wie Fernsehen und Print-Presse haben den größten politischen Einfluss auf die befragten Journalisten. „Dem Internet insgesamt und insbesondere Nachrichtenseiten werden allerdings ähnlich starke politische Einflüsse auf die eigene Person, Politiker und andere  Journalisten unterstellt.“ Wohl aber wird Facebook und Twitter ein deutlich schwächerer Einfluss auf die einzelnen Zielgruppen zugewiesen.

„Medien wirken, aber nicht so sehr auf mich!“

Dieser sogenannte „third-person-effect“ wird auch in diesr Studie wieder bestätigt: Die befragten Journalisten gehen davon aus, dass andere – die dritte Person eben – sehr viel stärker von allen Mediengattungen beeinflusst werden als jeweils sie selbst. Die Forscher stellten fest, dass Journalisten „sogar ihren Kolleginnen und Kollegen eine größere Beeinflussbarkeit unterstellen als der eigenen Person“. Salopp und auf den Punkt eben: „Medien wirken, aber nicht so sehr auf mich!“

Dabei sind sich die Befragten einig, dass der Einfluss der Online-Medien in den nächsten Jahren stärker oder sehr viel stärker werden wird. 85 Prozent glauben, dass in drei Jahren die Wirkkraft und – macht der Online-Medien für alle Zielgruppen größer sein wird. Die Aussage reflektiert zudem den Bedeutungszuwachs, der bereits von 2012 auf 2013 erkannt wurde.

Interessant ist, dass Journalisten sich „immun“ gegenüber einem allzu großen Einfluss von Facebook und Twitter sehen. Zwar erwarten die Befragten der beiden Journalistengewerkschaften, DJV Deutscher Journalistenverband und dju Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union, einen leicht wachsenden Einfluss von Facebook und Twitter für sie und ihre Arbeit in den nächsten Jahren und sehen zudem einen sehr stark wachsenden Einfluss für Politik und Öffentlichkeit.

Die Forscher schreiben abschließend dazu: „Aus der Wahrnehmung von Medienwirkungen auf andere können sich politisch relevante Konsequenzen ergeben. Aus der bisherigen Forschung ist zum Beispiel bekannt, dass Menschen, die starke Medieneinflüsse auf andere wahrnehmen, häufig Maßnahmen zu einer strengeren Kontrolle von Medien zustimmen, um die vermeintlich leicht beeinflussbaren anderen zu schützen.“

Die Studie ist von der Forschergruppe „Politische Kommunikation in der Online-Welt“ um den Kommunikationswissenschaftler Gerhard Vowe erstellt worden. Die Gruppe untersucht, wie Twitter, Blogs und Suchmaschinen die Kommunikation über Politik neu gestalten. Denn durch Online-Medien verändert sich grundlegend, wie sich die Bürgerinnen und Bürger über Politik informieren und unterhalten und damit politische Entscheidungen beeinflussen.                   

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Autor

Tim Richter

ist Redaktionsleiter des Deutschen Verbände Forums – verbaende.com und ständiges Mitglied der Redaktion des Verbändereport. In verschiedenen Positionen setzt er die Möglichkeiten des Internets und von Social Media zur Schaffung von Öffentlichkeit ein. Er ist Mit-Herausgeber des Fachbuches „Social Media in Verbänden“ und berät Organisationen im erfolgreichen Einsatz und Umgang mit den neuen Medien.

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