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Fachmagazin für die Führungskräfte der Verbände

Verbändetypologie: Economic Networkers

Aufgaben und Arbeitsweise von Wirtschaftsverbänden

Autor: Helmut Martell
Verbändereport 06/02, am 16.09.2002

Verbändetypologie: Verband ist nicht gleich Verband. Sozial- und Politikwissenschaft unterscheiden mannigfaltige Erscheinungsweisen der Verbände: Wirtschafts- und sozialpolitische Verbände wie den Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) oder die Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften, soziokulturelle Verbände wie das Diakonische Werk und die Caritas, Umweltverbände, Kulturverbände und viele andere mehr. Verbändereport startet mit dieser Ausgabe eine Serie, in der die typischen Wesensmerkmale der verschiedenen Verbandsformen erläutert werden. In dieser Ausgabe werden Wirtschaftsverbände vorgestellt.

Wirtschaftsverbände zählen zu den Interessenverbänden, die gegenüber staatlichen Stellen, Marktpartnern und der Öffentlichkeit die in den Verbänden repräsentierten wirtschaftlichen, sozialpolitischen, steuerlichen und technischen Interessen der Unternehmen vertreten. Freie Verbände sind ein Wesensmerkmal parlamentarischer Demokratien, deren parlamentarische Strukturen durch Verhandlungssysteme ergänzt werden. Sie bieten den Parlamenten oft Chancen, die Übermacht der Exekutive auszutarieren.

Im Gegensatz zu den Kammern, in denen die Mitgliedschaft Pflicht ist, erfolgt die Verbandsmitgliedschaft auf freiwilliger Basis. Dies setzt die ‚freien Verbände‘ unter einen erheblichen Erfolgsdruck. Die Erhaltung der Mitgliederzufriedenheit ist daher eine Daueraufgabe dieser Verbände.

Aufbau der Wirtschaftsverbände in Deutschland
Die Unternehmensinteressen werden in Deutschland auf verbandlicher Ebene von Verbänden unterschiedlicher Zielsetzung vertreten:

  • wirtschaftspolitische Verbände (Wirtschaftsverbände i.e.S.)
  • sozialpolitische Verbände (Arbeitgeberverbände)technisch-wissenschaftliche Verbände.

Wirtschaftspolitische Verbände
An der Spitze der wirtschaftspolitischen Interessenvertretung in Deutschland steht der Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI) mit Sitz in Berlin, dem derzeit 37 Verbände angehören. Hierzu zählen beispielsweise Verbände wie:

  • Verband Deutscher Anlagen- und Maschinenbau (VDMA), Frankfurt
  • Zentralverband der elektrotechnischen Industrie (ZVEI), Frankfurt
  • Verband der Automobilindustrie, Frankfurt
  • BITKOM — Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien

Diese Mitgliedsverbände des BDI repräsentieren ihrerseits wieder eine große Anzahl von Fach- und Branchenverbänden des jeweiligen Sektors. Nach einem Wort seines früheren Präsidenten und jetzigen Vizepräsidenten Hans-Olaf Henkel versteht sich der BDI als das „marktwirtschaftliche Gewissen der Nation“.

Deutscher Industrie- und Handelskammertag e.V. (DIHK)
Eine Sonderrolle spielt in der Spitzenvertretung der deutschen Wirtschaft der DIHK insofern als er der verbandliche Zusammenschluss der öffentlich-rechtlichen Industrie- und Handelskammern (IHK) ist, die gesetzlich die Gesamtbelange der gewerblichen Wirtschaft wahrzunehmen haben.

Zentralverband des Deutschen Handwerks e.V. (ZDH)
Im Bereich der handwerklichen Wirtschaft spielt der Zentralverband eine dem DIHK vergleichbare Rolle. Er ist aber stärker als der BDI in Fragen der beruflichen Erstausbildung involviert.

Sozialpolitische Verbände
An der Spitze der sozialpolitischen Verbände auf Seiten der deutschen Unternehmen steht die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) mit Sitz in Berlin, der Arbeitgeberspitzenverbände der einzelnen Tarifbereiche angehören. Anders als beim BDI vertritt die BDA auch die handwerklichen Arbeitgebervereinigungen. Zu den Mitgliedern der BDA zählen beispielsweise:

  • Arbeitgebervereinigung Gesamtmetall
  • Arbeitgebervereinigung Nahrung und Genuss (ANG)
  • Hauptverband der Deutschen Bauindustrie

Die sozialpolitischen Verbände sind nicht nur Verhandlungspartner der Gewerkschaften, sondern auch in anderen sozialpolitischen Bereichen tätig (z.B. der bisherigen Bundesanstalt für Arbeit, den Berufsgenossenschaften etc.). Sie spielen auch eine wichtige Rolle bei der beruflichen Ausbildung. Sozialpolitische Verbände werden auf dem Gebiete der Tarifpolitik tätig, wo sie Tarifautonomie (Selbstgesetzgebung) in Form von normativen Tarifverträgen besitzen. Aufgrund der Transformationsprozesse in der Wirtschaft ist das Institut des „Flächentarifvertrages“ in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten; dennoch hat dies - in Westdeutschland, anders als in Ostdeutschland - nicht zu der prognostizierten „Flucht aus den Tarifverträgen“ geführt.

Um den Mitgliedern mehr Wahlmöglichkeiten einzuräumen, haben innerhalb der die sozialpolitischen Belange ihrer Mitglieder wahrnehmenden Verbände so genannte ‚OT-Verbände‘ herausgebildet, die also auch eine Mitgliedschaft ohne die sonst übliche Tarifbindung offerieren (OT = ‚ohne Tarifbindung‘).

Während sich Unternehmen in Wirtschaftsverbänden als Wettbewerber begegnen, treten sie in sozialpolitischen Verbänden als Vertreter gemeinsamer Interessen gegenüber den Sozialpartnern qua Verbände wie in Berufsverbänden auf (Gewerkschaften, Berufsgenossenschaften etc.). Formelmäßig verkürzt könnte man also feststellen: Wirtschaftsverbände werden durch das Wettbewerbsprinzip reguliert, Arbeitgeberverbände durch das Solidarprinzip.

Wissenschaftlich-technische Verbände
Zu den wissenschaftlich-technischen Verbänden zählen unter anderem Normungseinrichtungen, wie das Deutsche Institut für Normung (DIN) in Berlin, ferner Verbände wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und ähnliche Institutionen. Neben der Standardisierung zählen zu ihren Aufgaben die Bewertung von neuen Technologien und ihre Begleitung bei der Umsetzung in die Praxis.

Wahrnehmungsverbände
Zu den Wirtschaftsverbänden im weiteren Sinne zählen auch die so genannten Wahrnehmungsverbände, die Autoren- und Urheberrechte geltend machen. Hierzu zählen beispielsweise die GEMA, die Gesellschaft für musikalische Aufführungsrechte, sowie die Verwertungsgesellschaft Wort, die Autorenrechte wahrnimmt und sich teilweise aus der Kopier- und Bibliotheksabgabe finanziert.

Mischformen sind üblich
In der Praxis sind Mischformen zwischen Wirtschafts-, Arbeitgeber- und technischen Verbände üblich. So sind viele Wirtschaftsverbände zugleich als Arbeitgeberverbände organisiert oder behandeln in technischen Ausschüssen technisch-wissenschaftliche Fragen.

Aufbauschema für Wirtschaftsverbände
Der Aufbau und die Vernetzung von Wirtschaftsverbänden lässt sich wie folgt beschreiben:

  • National
  • Regionaler Fachverband
  • Bundesebene Fach- oder Spartenverband (Beispiel Deutscher Brauerbund)
  • Bundesebene Sektoralverband (Beispiel Verband des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA))
  • Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)

Aufgaben von Verbänden oder: Was leisten Wirtschaftsverbände?
Wirtschaftsverbände erbringen üblicherweise folgende Dienstleistungen:

Vertretungsleistungen
Diese reichen vom klassischen parlamentarischen Lobbying über die Vertretung bei Behörden und gegenüber den Medien bis hin zur Interessenvertretung bei internationalen Institutionen (EU-Kommission, WTO, WHO, FAO). Wirtschaftsverbände sind also sowohl in den Gesetzgebungsprozess als auch die die nachfolgenden Probleme des Normenvollzugs involviert.

Informationsleistungen
Hierzu zählt intern vor allem die rechtzeitige Bereitstellung von branchenwichtigen Informationen, die Berichterstattung über verbandsrelevante Gesetzgebungs- und Verordnungsvorhaben sowie die Beschaffung von speziellen Informationen auf Anforderung aus dem Mitgliederkreis. Extern werden Politik, Marktpartner, Behörden, wissenschaftliche Einrichtungen und Medien informiert.

Politikberatung
Die Einbeziehung des Sachwissens von Wirtschaftsverbänden im Vorfeld von Gesetz- und Verordnungsvorhaben ist eine Alltagsaufgabe von Verbänden. Die Geschäftsordnungen der Bundes- und Länderparlamente und —regierungen sehen hierzu formalisierte Verfahren vor (z.B. Anhörungen). Darüber hinaus unterhält jeder Wirtschaftverband auf nationaler und europäischer Ebene enge Fachkontakte zu den zuständigen Referenten.

Branchen-PR
Nahezu alle Wirtschaftsverbände (z.B. Verband der Chemischen Industrie - VCI mit der Kampagne „High Chem“) sind mit Aufgaben der Branchen-PR befasst, für die mitunter erhebliche Mittel bereitgestellt werden. Teilweise werden diese Aufgaben auch auf eigens hierfür gegründete PR-Verbände ausgelagert (z.B. auf das IZE-Informationszentrum der Elektrizitätswirtschaft).

Koordinationsleistungen
Typische Koordinationsleistungen der Verbände sind die Herbeiführung von konsensfähigen Branchenmeinungen, von Richtlinien und Normen sowie die Definition von Schnittstellen (etwa im Datenaustausch Industrie/Handel).

Tarifpolitik, Tarifverhandlungen
Grundgesetzlich garantierte Tarifautonomie (Art. 9 GG) in Form der positiven und negativen Koalitionsfreiheit. Beispiel für Tarifpolitik: Flexibilisierung von Arbeitszeiten bei gleichzeitig relativ hohem Lohnniveau.

Vertretung in Berufsgenossenschaften
Paritätisch besetzte Selbstverwaltungseinrichtungen auf dem Gebiete der Arbeitssicherheit: Aufgabe von Berufsgenossenschaften: Freistellung der Arbeitgeber von berufsbedingten Haftungsansprüchen (Berufserkrankungen, Wegeunfälle) und Bereitstellung entsprechender Versicherungsleistungen sowie Reha-Maßnahmen.

Branchenstatistiken
Zu den Standardaufgaben zahlreicher Verbände gehört die Erhebung branchenbezogener Statistiken, die detaillierter als die amtliche Statistik sind.

Betriebsvergleiche
Für die Bewertung der betrieblichen Leistungsfähigkeit werden vielfach auch Branchen-Betriebsvergleiche durch Verbände organisiert. Diese lassen für die angeschlossenen Mitglieder Rückschlüsse auf Stärken und Schwachstellen zu.

Beratungsleistungen
Die Beratung der Mitglieder hat sich zu einem immer wichtigeren Feld der Verbandsarbeit entwickelt. Daten aus der Verbändeforschung belegen zwar, dass die „Vertretungsleistungen“ wichtigster Grund für den Verbandsbeitritt sind, wenn es indes zu Verbandsaustritten kommt, sind hierfür in aller Regel Mängel im Dienstleistungsbereich der Grund.

Ausbildungs- und Fortbildungsleistungen
Verbände wirken an der Festlegung von staatlichen (zum Beispiel in den handwerklichen Ausbildungsberufen) oder privaten Ausbildungsplänen (zum Beispiel in der Werbewirtschaft) mit oder sind ihre Urheber. Sie führen in eigener Regie auch Ausbildungs- und Fortbildungsprogramme durch. Hierzu unterhalten Verbände — meist als wirtschaftliche Geschäftsbetriebe ausgegliederte - Akademien (Beispiel: DGVM-Akademie oder die „VDR-Akademie“ des Verbandes Deutsches Reisemanagement).

Organisationsleistungen
Messen, Seminare, Kongresse, Ausschüsse, Arbeitsgruppen, Jahrestagungen bilden einen wichtigen Teil des verbandlichen Alltags. Die „Selbstinszenierung der Branche“ bei Jahrestagungen und ähnlichen Anlässen ist für die Bindung an den Verband nicht zu unterschätzen. Das richtige Gremienmanagement (Aufgaben, Zusammensetzung der Gremien) ist für den Verbandserfolg nicht zu unterschätzen.

Wahrnehmung staatlicher Aufgaben
Mitunter überträgt der Staat eigene Aufgaben auf Verbände Beispiele hierfür sind der TÜV, dem staatliche Aufgaben der technischen Überwachung und die Führerscheinprüfungen übertragen worden sind. Den Kammern sind beispielsweise wesentliche Teile des Ausbildungs- und Prüfungswesens vom Staat übertragen worden. Neuerdings machten Verbändevereinbarungen zur Liberalisierung des Strom- und Gasmarktes Schlagzeilen.)

Genese von Verbänden
Wirtschaftsverbände entstehen, weil und sofern es wirtschaftlicher ist, bestimmte Dienstleistungen zentral — also nicht individuell durch jede einzelne Firma — erbringen zu lassen, oder weil bestimmte Dienstleistungen nur zentral erbracht werden können (‚Kollektivgüter‘ wie zum Beispiel Branchenstatistiken).

Typischer Aufbau einer Wirtschaftsverbands-Geschäftsstelle
Präsidenten kommen, Präsidenten gehen, Geschäftsführungen bleiben bestehen. Dies ist der natürliche Zusammenhang von Ehren- und Hauptamt; denn ehrenamtlich Tätige werden meist für die Dauer von 2 bis 3 Jahren gewählt (roulierendes Prinzip), während die hauptamtlich Tätigen unbefristet eingestellt werden (Kontinuitätsprinzip). Üblicherweise weist die Geschäftsstelle eines Wirtschaftsverbandes die folgenden Aufgabenbereiche auf, wobei bei kleinen und mittleren Verbänden die Aufgaben auch in Personalunion wahrgenommen werden können:

  • Hauptgeschäftsführung (Außenvertretung, Gesetzgebung, internationale Kontakte)
  • Ökonomie (Branchenbeobachtung, Fachstatistiken, Betriebsvergleiche)
  • Justitiariat (Rechtsfragen der Branche, Rechtsberatung)
  • Technik (technisch-wissenschaftliche Fragen, Produktion, Umwelt)
  • Presse und Öffentlichkeit

Rollenerwartungen an Verbandsgeschäftsführer
Für die Verbandsgeschäftsführung sind arbeitsame, eher extrovertierte, kommunikative, zu Konsens motivierende Menschen gut geeignet; ein guter Schuss (im Verbandsberuf erworbener) Fachkenntnis muss hinzukommen; desgleichen ist schriftliche und rhetorische Ausdrucksfähigkeit notwendig. Der Typus des ‚Linienmanagers‘ wird dagegen erfahrungsgemäß den wechselnden Rollenerwartungen an einen Verbandsmanager weniger gerecht; er fühlt sich in einer Verbandslaufbahn auch kaum wohl. Wer die Welt aus den Angeln heben will, sollte nicht zu Verbänden gehen, sondern nur diejenigen, die wollen, dass sich die Welt auch danach noch dreht.

Zusammengefasst muss ein Verbandsmanager die folgen Rollenerwartungen erfüllen:

  • Sachbearbeiter: Expertenwissen unerlässlich bis in die Details
  • Advokat: Interessen gewusst wie durchsetzen
  • Diplomat: interner und externer Konsensmanager

Aktuelle Probleme von Wirtschaftsverbänden
Abschließend ein kurzer Blick auf einige aktuelle Probleme, denen sich Wirtschaftsverbände konfrontiert sehen:

Wie fest ist der verbandliche Kitt? oder: Verbände als Auslaufmodell?
Gesellschaftliche Bindungen brechen auf. Dies ist ein allgemeingesellschaftliches Problem und spiegelt die Individualisierung aller Lebensbereiche wieder. Ralf Dahrendorf hat hierauf schon Mitte der 70-er Jahre hingewiesen („Verschwinden von traditionellen Ligaturen“). Davon sind auch Verbände betroffen; hinzukommen verbandsspezifische Probleme, die Fragen der Mitgliederbindung in den Mittelpunkt der Verbandsstrategie rücken:

Branchen- und Unternehmensdiversifizierung:
Auf mehreren Verbandshochzeiten tanzen?
Durch die Unternehmensdiversifizierung, die sich oft als eine Funktion des Unternehmenswachstums darstellt, werden die Schnittmengen zwischen Verbänden größer. Da mehrere Fachverbände zumindest teilweise die gleichen Felder bearbeiten, können heute Unternehmen oft zwischen mehreren Verbänden wählen. Damit stehen Verbände vermehrt untereinander in Wettbewerb. Beobachtungen zeigen: Multibranchenunternehmen neigen zudem zu einer Stärkung der Dachverbände, die alle oder mehrere Geschäftsfelder repräsentieren, während Einbranchenunternehmen eher zur Stärkung der Branchenfachverbände neigen.

Interessenhomogenität vs. Interessenpluralität: Abspaltung als Folge?
Mit der Diversifizierung innerhalb von Branchen pluralisieren sich die Interessen der Mitglieder. Da sich verbandliche Interessen um so besser vertreten lassen, je homogener sie sind, besteht eine Tendenz zur verbandlichen Verselbständigung von homogenen Teilinteressen. Eine mögliche Reaktionsweise, um verbandliche Abspaltungen zu vermeiden, ist die Bildung von Fachgruppen oder Subverbänden innerhalb des Verbandes, die in der Verfolgung von Sonderinteressen (Interessenvertretung) autonom sind.

Entsolidarisierung zwischen multinationals und nationals, zwischen groß und klein
Zwei Beispiele: International tätige Unternehmen können Gewinne eher in Niedrigsteuerländern anfallen lassen; mittelständische Unternehmen sind hier notwendigerweise standorttreu. Eine Hochsteuerpolitik im Heimatland verschafft multinationalen Unternehmen daher Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren rein nationalen Konkurrenten. Die immer schärferen gesetzlichen Auflagen in Bezug auf die Umwelt sind von Großunternehmen leichter zu erfüllen. Die Schnittmenge gemeinsamer Interessen wird daher tendenziell zwischen diesen Unternehmensformen kleiner.

Verteilungskampf zwischen Verbänden: Unsicherheit um die Allokation der Mittel
Unternehmen fragen, wo die Beiträge für Verbände am wirkungsvollsten eingesetzt werden können. Sollten eher Dachverbände oder Fachverbände finanziert werden? Sollten mehr Mittel zu den EU-Verbänden nach Brüssel fließen, wo je nach Branche bis zu 80 Prozent der relevanten Vorschriften erlassen werden (Nationalstaaten als bloße Notifikare von EU-Recht)? Sollten die Mittel statt beim Regionalverband (im nationalen Verbändesystem) eher beim (bundesweiten) Spartenverband eingesetzt werden? Sollten Verbände auf Sparflamme gesetzt und stattdessen mehr in konkrete Kampagnen oder Projekte investiert werden?

Unternehmer- oder Unternehmensverbände?
Ist es wichtiger, dass Unternehmen ihre gemeinsamen Interessen durch Verbände zusammenschließen oder sollten Unternehmer das persönliche Gespräch untereinander suchen, wie dies verstärkt in den Berufsverbänden der freien Berufe der Fall ist? Zugespitzt ausgedrückt: Liegt die Zukunft eher beim Club statt dem herkömmlichen Verband?

Round Tables und Kamingespräche: VW statt Automobile
Wer direkten Zugang zu den Entscheidern hat, setzt mehr auf diese Schiene denn auf die verbandliche Interessenvertretung. Round Tables sind in Brüssel üblich geworden, gewinnen aber auch bei uns Freunde. Damit droht auch in Deutschland der Klientelismus, also die demokratisch nicht legitimierte kumpanhafte do-ut-des-Politik, noch wichtiger zu werden.

Aufbau und Integration osteuropäischer Verbände in das europäische Verbände-Network
Der Aufbau von Verbänden in den ehemaligen Ostblockstaaten im Rahmen einer ‚Zivilgesellschaft‘ und ihre Integration in den EU-Meinungsbildungsprozess ist eine erst ansatzweise gelöste Aufgabe. Die Osterweiterung setzt hier die westeuropäischen Verbände unter einen erheblichen Tempodruck.

© 2002 Verbändereport
Erschienen im Verbändereport 06/02, am 16.09.2002
Nachdruck - auch auszugsweise - nur mit Genehmigung des Verlages