Brauchen verlässliche Landesförderung der Arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit
(Stuttgart) - Trotz fast 10.000 unbesetzter Ausbildungsstellen in Baden-Württemberg blieben im Jahr 2024 mehr als 8.000 junge Menschen ohne Ausbildungsplatz. Das geht aus der aktuellen Statistik der Bundesagentur für Arbeit hervor. Besonders betroffen sind Jugendliche ohne oder mit niedrigem Schulabschluss. Anlässlich des Internationalen Tags der sozialen Gerechtigkeit (20.02.2026) fordern der Paritätische Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg und Träger der Jugendhilfe eine verlässliche und langfristig gesicherte Landesförderung der Arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit.
Die derzeit unsichere Finanzierung gefährde bewährte Unterstützungsangebote wie individuelle sozialpädagogische Begleitung, berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen und ausbildungsbegleitende Hilfen. Dadurch drohe insbesondere benachteiligten jungen Menschen der Zugang zu wichtigen Förder- und Qualifizierungsangeboten verloren zu gehen. Gerade in der sensiblen Übergangsphase von der Schule in den Beruf seien sie auf eine kontinuierliche und verlässliche Begleitung angewiesen. Nur so könne Chancengerechtigkeit gesichert und soziale Teilhabe nachhaltig ermöglicht werden, so die Verbände.
Ulf Hartmann, Vorstand des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Baden-Württemberg, fordert:
„Junge Menschen, die die Schule ohne oder mit einem schlechten Hauptschulabschluss verlassen, haben kaum Chancen auf einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben. Viele von ihnen kämpfen zusätzlich mit psychischen Belastungen, prekären Lebensverhältnissen oder Perspektivlosigkeit bei der Berufswahl. Gleichzeitig ist der Übergang von der Schule in den Beruf entwicklungspsychologisch eine besonders sensible Phase, in der Jugendliche weitreichende Entscheidungen für ihre berufliche Zukunft treffen müssen. Die Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit schließt die Lücke zwischen Schule, Jobcenter, Berufsberatung und Betrieben durch eine beständige, individuelle und vertrauensvolle Begleitung. Sie bietet Berufsorientierung, Bewerbungstraining, Krisenintervention, Beratung sowie niedrigschwellige Qualifizierungen in Jugendwerkstätten oder speziellen Bildungsstätten und eröffnet berufliche Perspektiven. Doch die Angebote werden nicht auskömmlich finanziert und in vielen Kommunen gar nicht mehr gefördert. Viele Träger sind auf Projektmittel aus verschiedenen Fördertöpfen angewiesen und können Fachkräfte nur noch befristet einstellen. Dabei lebt dieses Arbeitsfeld von Kontinuität und braucht deshalb dringend eine stabile Finanzierung durch eine dauerhafte Landesförderung. Denn alle jungen Menschen in unserem Land müssen – unabhängig von ihrem schulischen Abschluss – eine verlässliche berufliche Perspektive sowie eine gleichberechtigte Chance auf eine Ausbildung und einen Beruf erhalten.“
Marcus Bellemann, Vorstand Jugendagentur Heidelberg eG, kritisiert:
„Patchwork-Finanzierung bedeutet für uns im Alltag, dass wir Projekte der Arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit, wenn sie nicht gerade als Pilotprojekt vom Land gefördert werden, über mindestens zwei, bei uns in der Regel drei oder vier verschiedene Fördertöpfe gleichzeitig absichern müssen – immer nur für ein Jahr bewilligt und mit ständigem Antragsdruck. Dieses strukturelle Dauerprovisorium bindet Ressourcen, die eigentlich in die Arbeit mit jungen Menschen gehören, und macht eine verlässliche und nachhaltige Planung fast unmöglich. Für Fachkräfte heißt das: Unsicherheiten, die zu Abwanderungen aus einem ohnehin belasteten Arbeitsfeld führen können. Wir verlieren dadurch Beziehungskontinuität – und genau die ist für stark belastete Jugendliche entscheidend. Konkret mussten wir dank unseres starken Trägerverbundes im Rhein-Neckar-Kreis und Heidelberg noch keine Projekte beziehungsweise Angebote reduzieren, aber aufgrund der angespannten Haushaltslagen der öffentlichen Förderer sehen wir eine noch größere Unsicherheit auf uns zukommen. Diese Aussichten bereiten uns große Sorgen in einer Zeit, in der die Nachfrage und Bedarfslage nach verlässlicher und planbarer Arbeitsweltbezogener Jugendsozialarbeit steigt. Statt bedarfsgerecht auszubauen, verwalten wir Mangel. Das ist sozialpädagogisch widersinnig und gesellschaftlich teuer.“
Jutta Goltz, Bereichsleitung kit jugendhilfe, Tübingen, betont:
„Die Entscheidungen und Lebenswege junger Menschen in prekären Lebenslagen sind oft brüchig, nicht linear und von hochkomplexen Problemlagen wie Wohnungslosigkeit, Schulden, familiärer Verantwortungsübernahme, fehlenden Abschlüssen, psychischen Erkrankungen, sozialer Isolation und Einsamkeit gekennzeichnet. Diese Themen lassen sich nicht schnell bearbeiten oder durch eine 12-monatige Maßnahme beheben. Es braucht das Vertrauen der jungen Menschen in die sie begleitenden Fachkräfte. Sie müssen die Erfahrung machen, dass Zuständigkeiten nicht plötzlich enden oder sie nicht als nicht (mehr) passend für das Angebot deklariert werden. Das Vertrauen in institutionelle Unterstützungssysteme muss langsam wiederhergestellt werden und verlangt eine kontinuierliche Beziehungsarbeit. Fachkräfte müssen sich in diesem Prozess parteilich und verlässlich an die Seite der jungen Menschen stellen können.“
Dr. Katrin Hunsicker, Fachstellenleiterin, Regionale Jugendagentur Job Central e.V., Weinheim, erklärt:
„Unsere Mitarbeitenden begegnen zunehmend jungen Menschen, die durch das Raster fallen – sie sind weder in Schule noch in Ausbildung, oft nicht mal im Bezug von Leistungen, obwohl sie dazu berechtigt wären. Sie kämpfen mit Armut, psychischen Belastungen, Sucht, familiären Konflikten. Wenn wir nicht für sie da sind, ist da meist sonst keiner. Wie bei E., einer 21-Jährigen mit schweren Depressionen, die trotz mehrerer Klinikaufenthalte und Suizidversuche ihren Traum vom Studium der Sozialen Arbeit nicht aufgegeben hat. Oder T., 19 Jahre, der seine Ausbildung verlor, weil er nach der Einweisung seiner Mutter für die jüngeren Geschwister sorgen musste. Diese jungen Menschen brauchen Zeit, Vertrauen und Kontinuität. Wir bauen ohne Druck eine tragfähige Beziehung auf, begleiten sie durch Rückschläge – und bleiben auch nach erfolgreicher Vermittlung an ihrer Seite, damit Abbrüche verhindert werden können. Das funktioniert nur mit verlässlicher Finanzierung, nicht mit 12-Monats-Projekten.“
Quelle und Kontaktadresse:
Der Paritätische Wohlfahrtsverband - Landesverband Baden-Württemberg e.V., Hina Marquart, Leiter(in) Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Hauptstr. 28, 70563 Stuttgart, Telefon: 0711 2155-0
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