Deutsches Schulbarometer belegt: Jedes vierte Kind psychisch belastet
(Berlin) – Die Ergebnisse der Schülerinnen- und Schülerbefragung des Deutschen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung liefern einen ernüchternden Befund: 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen zeigen psychische Auffälligkeiten – ein leichter, aber signifikanter Anstieg gegenüber dem Vorjahr (21 Prozent) und erstmaliger Anstieg seit der Pandemie. Dass diese Bilanz nicht isoliert steht, belegt ein Blick auf die Schulbarometer-Lehrkräfte-Befragung des vergangenen Sommers: Fast ein Drittel der Lehrerinnen und Lehrer berichtete ebenso von regelmäßiger Erschöpfung – psychische Belastung betrifft somit beide Seiten im Klassenzimmer und ist ein schwerwiegendes aktuelles Problem.
Vor diesem Hintergrund liefert die Studie auch ausdrücklich ermutigende Befunde, die den Kern gymnasialer Professionalität bestätigen und den täglichen Einsatz von Lehrkräften würdigen: Die von den Lernenden wahrgenommene konstruktive Unterstützung durch ihre Lehrkräfte ist der mit Abstand stärkste positive Einflussfaktor auf das schulische Wohlbefinden – er allein erklärt über 40 Prozent der messbaren Unterschiede. Je wertschätzender und unterstützender Lehrkräfte wahrgenommen werden, desto besser geht es den jungen Menschen. „Feedback, individuelle Hilfestellungen, emotionale Begleitung und die Schaffung eines positiven Klassenklimas sind Kernbestandteile professionellen Unterrichtens von gut aus- und fortgebildeten Lehrkräften“, so DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing. Die Studie gibt ihr Recht: Guter Unterricht, der Lernleistungen fördert und das Wohlbefinden stärkt, beinhaltet keinen Widerspruch, sondern beides gehört zusammen, bedarf aber aktuell und strukturell mehr Ressourcen.
Solche strukturellen Baustellen zeigt das aktuelle Schulbarometer auf. Diese dürfen von der Politik nicht länger ignoriert werden. So offenbart sich eine erhebliche Versorgungslücke: Nur an etwa drei Viertel aller Schulen sind Angebote der Schulsozialarbeit und Schulpsychologie vorhanden – der tatsächliche Bedarf wird von Schulleitungen auf das Doppelte geschätzt. Der DPhV fordert daher flächendeckend psychologisch geschultes Fachpersonal an jeder Schule. Lin-Klitzing: „An jede Schule gehört ein Schulpsychologe! Psychisch belastete Schülerinnen und Schüler brauchen professionelle Unterstützung und Lehrkräfte brauchen verlässliche Partner aus der Schulsozialarbeit. Damit Lehrkräfte weiterhin qualitativ hochwertigen Unterricht geben können, fordern wir erneut eine Absenkung des Stundendeputats, insbesondere für ältere Kolleginnen und Kollegen, sowie ein sofortiges Ende der in immer mehr Ländern praktizierten Streichung von Altersermäßigungen!“
Als erfreulich sieht der DPhV, dass Eltern von Kindern an Gymnasien das schulische Klima besonders positiv bewerten: 64 Prozent bescheinigen der Schule ihres Kindes ein friedliches und freundliches Miteinander, 72 Prozent attestieren, dass gegen physische und psychische Gewalt aktiv vorgegangen wird – Spitzenwerte im Schulartvergleich. Zugleich zeigen die Daten aber ein strukturelles Defizit bei der Klassenleitungsstunde: 40 Prozent der Gymnasiastinnen und Gymnasiasten geben an, seltener als einmal im Monat oder gar keine solche Stunde zu haben – der höchste Wert aller Schulformen. Es braucht daher selbstverständlich die strukturelle Verankerung von Klassenleitungsstunden auch am Gymnasium als ein niedrigschwelliges, aber wirksames Instrument zur Stärkung des Klassenklimas, zur Früherkennung von Problemen und zur Entlastung von Lehrkräften, die sonst zu wenig institutionalisierte Gelegenheiten bekommen, auf die Anliegen der Schülerinnen und Schüler in ihrer Klasse einzugehen.
Darüber hinaus richtet die Bosch-Studie ein deutliches Schlaglicht auf das Thema Partizipation. Schülerinnen und Schüler erleben ihre Mitbestimmungsmöglichkeiten als gering. Bemerkenswert ist dabei, dass die Studie einen klaren Zusammenhang zwischen Partizipation und schulischem Wohlbefinden sowie Lebensqualität belegt: Mehr Mitbestimmung korreliert signifikant mit besserem Befinden. „Wer Regeln für junge Menschen aufstellt, ohne sie zu hören, untergräbt genau das Vertrauen in Institutionen, das demokratische Gesellschaften dringend brauchen. Partizipation ist kein pädagogischer Selbstzweck, sie ist der Anfang eines Kreislaufs: Nur wer gehört wird, vertraut, und nur wer Vertrauen hat, nimmt konstruktiv teil und gestaltet mit.“
Abschließend appelliert die DPhV-Bundesvorsitzende insbesondere an die Bildungspolitikerinnen und -politiker: „Wir können nicht Jahr für Jahr Studien nur zur Kenntnis nehmen, die belegen, dass unsere Kinder sich psychisch immer stärker belastet fühlen und dass Lehrkräfte alleingelassen werden – wer verantwortungsbewusst Politik betreibt, muss damit aufhören, Schule als Reparaturbetrieb für gesellschaftliche und politische Defizite ohne ausreichende menschliche und materielle Ressourcen zu behandeln, und endlich anfangen, sie als das auszustatten und zu finanzieren, was sie ist: das Fundament unserer eigenen Zukunft.“
Quelle und Kontaktadresse:
Deutscher Philologenverband e.V. (DPhV), Caroline Franke, Pressesprecher(in), Friedrichstr. 169-170, 10117 Berlin, Telefon: 030 40816781
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