Die Vertreibung aus dem 'kollektiven Freizeitpark'
(Berlin) - Die britische Zeitschrift The Economist verbreitete in einem Artikel im Juni 2004 Optimismus. Die Unterschiede im erwirtschafteten Bruttoinlandsprodukt diesseits und jenseits des Atlantiks seien je Beschäftigtenstunde gerechnet nur minimal. Europa so die frohe Botschaft sei im Wettbewerb mit den USA nicht zurückgefallen. Diese Botschaft hatte allerdings eine Einschränkung. Ausdrücklich wurde darauf verwiesen, dass dies nur für die EU ohne Deutschland gelte. Vor allem der Blick auf unseren Nachbarn Frankreich zeigt, dass dort die Produktivität je Beschäftigtenstunde das Niveau der USA erreicht, ja sogar überschritten hat. Im Jahr 2003 sind allerdings alle europäischen Länder deutlich hinter die USA zurückgefallen. Dies ist jedoch alleine das Ergebnis eines relativ hohen amerikanischen Wirtschaftswachstums bei geringem Beschäftigungszuwachs. Es ist nicht zu erwarten, dass damit ein neuer Trend begründet ist.
Der Umstand, dass die europäischen Länder - gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf - dennoch in den letzten dreißig Jahren die Lücke zu den USA nicht schließen konnten, liegt demnach nicht darin begründet, dass die Arbeitnehmer weniger produktiv sind als ihre amerikanischen Kollegen, sondern darin, dass die steigende Produktivität in Europa genutzt wurde, um die Arbeitszeit deutlich stärker zu verringern, als dies in den USA geschehen ist.
Eine hohe Freizeitpräferenz in Europa
In den letzten dreißig Jahren sind in allen europäischen Ländern - und nicht nur in Deutschland - die Arbeitszeiten drastisch gesunken. Die durchschnittliche effektive jährliche Arbeitszeit pro Arbeitnehmer lag in Deutschland nach OECD-Angaben im Jahr 2003 mit 1459 Stunden um fast 24 Prozent unter dem Niveau des Jahres 1970. In den Niederlanden sank im gleichen Zeitraum die Arbeitszeit sogar um mehr als 25 Prozent, in Irland um 22 Prozent, aber auch in Frankreich lag die Arbeitszeit um 23 Prozent unter dem Niveau des Jahres 1970. Zum Vergleich: Die amerikanischen Arbeitnehmer arbeiten heute nur knapp 5 Prozent weniger als damals.
aber unterschiedliche Wachstumserfolge
Diese Entwicklung der jährlichen Arbeitszeit in Europa muss man vor Augen haben, wenn nun in Deutschland wieder über die Verlängerung der Arbeitszeit gestritten wird. Denn ganz offensichtlich waren unsere Nachbarländer trotz einer Verkürzung der Arbeitszeit wirtschaftlich erfolgreicher als Deutschland. Sie haben gezeigt, dass eine hohe Freizeitpräferenz nicht notwendigerweise auch Verzicht auf Wachstum und Beschäftigung bedeutet. Denn mit Ausnahme Deutschlands ist es allen anderen europäischen Ländern gelungen, trotz sinkender jährlicher Arbeitszeit je Beschäftigten die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden zu erhöhen. Mit anderen Worten, der Verringerung der Arbeitszeit folgte zeitgleich ein zum Teil erheblicher Beschäftigungszuwachs. Konzentriert man die Analyse auf die letzten zehn Jahre und beginnt mit dem Rezessionsjahr 1993, dann liegt nur in Deutschland die Zahl der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden 4 Prozent unter dem damaligen Niveau. In den Niederlanden, wo die durchschnittliche jährliche Arbeitszeit eines Arbeitnehmers sogar noch niedriger ist als in Deutschland, lag die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden im Jahr 2003 um fast 18 Prozent höher als vor zehn Jahren. In den USA betrug der Anstieg im gleichen Zeitraum nur knapp 13 Prozent.
Ist Arbeitszeitverlängerung die richtige Antwort auf das Beschäftigungsproblem?
Bei einer ähnlichen Entwicklung der jährlichen Arbeitszeit pro Arbeitnehmer wie in Deutschland ist es unseren europäischen Nachbarn offenbar weitaus besser gelungen, das nationale Produktionspotenzial auszunutzen. Die Folgen für Wachstum und Beschäftigung hierzulande sind hinlänglich bekannt. Die Schlussfolgerung daraus ist einfach: Auch in Deutschland muss wieder mehr gearbeitet werden. Dabei sollte der Schwerpunkt der Bemühungen sicherlich auf der Schaffung neuer Arbeitsplätze liegen. Zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für neue Arbeitsplätze gehört zweifelsohne aber auch, dass die Menschen in Deutschland bereit sind, auf einen Teil ihrer üppigen Freizeit zu verzichten und wieder mehr zu arbeiten. Vor diesem Hintergrund macht die jüngste Diskussion um die Verlängerung der wöchentlichen Arbeitszeit ohne Lohnausgleich und eine Verkürzung des Jahresurlaubs durchaus Sinn.
Allerdings besteht die nicht zu unterschätzende Gefahr, dass dieses richtige Argument für eine falsche Diskussion genutzt wird, nämlich dass Lohnverzicht die Arbeitsplätze in Deutschland dauerhaft sichern könnte. Der Wohlstand in Deutschland kann aber nicht dadurch gesichert werden, dass wir in Lohnwettbewerb zu osteuropäischen und südasiatischen Ländern treten. Ganz im Gegenteil, erst die Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung durch die Auslagerung von Arbeitsplätzen hat in der Vergangenheit für wachsenden Wohlstand in Deutschland gesorgt und wird dies auch in der Zukunft tun.
Die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland sollte in der Regel Vorteile für beide Länder mit sich bringen. Das McKinsey Global Institute hat in einer Studie errechnet, dass jeder Dollar, der von einem amerikanischen Unternehmen für die Verlagerung eines Arbeitsplatzes ins Ausland ausgeben wird, das Bruttoinlandsprodukt um netto 13 Cent steigen lässt, also auch zu einem Gewinn an Arbeitsplätzen führt. In Deutschland hat man dagegen eher die Erfahrung gemacht, dass Produktivität exportierbar ist. Das heißt, Tochterunternehmen beispielsweise in Osteuropa erreichen auf Grund des hohen Ausbildungsstands der dortigen Belegschaft ein ähnlich hohes Produktivitätsniveau wie der heimische Betrieb bei deutlich niedrigeren Lohnstückkosten. Anders als in den USA ist es in Deutschland bislang aber nicht gelungen, den unternehmerischen Vorteil in Form kostengünstigerer Zulieferungen und damit einer Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit auch in einen volkswirtschaftlichen Vorteil zu verwandeln. Denn die Schaffung neuer, höher qualifizierter Arbeitsplätze für die Arbeitnehmer, deren Arbeitsplätze verlagert wurden, ist bislang nur unzureichend gelungen. Nur wenn dies geschieht, ist die Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung für beide Seiten von Vorteil.
Vor diesem Hintergrund ist der Versuch, die durch Abwanderung bedrohten Arbeitsplätze in Deutschland durch längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich - sprich Lohnsenkungen - zu verteidigen, nur ein bedingt taugliches Mittel. Eine Rückkehr zu 40-Stunden Woche verschafft lediglich eine Atempause, wird aber das Grundproblem fehlender Arbeitsplätze nicht lösen.
Damit keine Missverständnisse aufkommen: Wir müssen in Zukunft in Deutschland bereit sein, wieder länger und für weniger Geld zu arbeiten. Denn der Vergleich mit unseren Nachbarn zeigt, dass die Einführung der 35-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich der untaugliche Versuch war, mehr Freizeit zu erhalten, ohne auf Einkommen zu verzichten. Aus der überfälligen Umkehr lassen sich auch positive Beschäftigungseffekte ableiten. Aber der Ansatz für die Überwindung der Wachstumsschwäche und der Langzeitarbeitslosigkeit liegt woanders.
Dauerhaftes Wirtschaftswachstum und internationale Wettbewerbsfähigkeit sind für ein hoch entwickeltes Industrieland wie Deutschland davon abhängig, inwieweit es gelingt, sich dem internationalen Kostenwettbewerb zu entziehen. Der Wohlstand in Deutschland war und ist deshalb darauf gebaut, kontinuierlich innovative Produkte zu entwerfen und hoch qualifizierte Arbeitsplätze mit einer überdurchschnittlichen Wertschöpfung zu schaffen. Die Existenz und die Anzahl der weniger produktiven Arbeitsplätze wird vor allem von diesen Arbeitsplätzen abhängen. Diese Zusammenhänge sind nicht unbekannt. Es sei daran erinnert, dass die Einführung der Greencard im IT-Bereich damit begründet wurde, dass durch diese hoch qualifizierten Fachkräfte zusätzliche Arbeitsplätze in Deutschland entstehen würden. Vorrangig geht es also um die Stärkung der Innovationskraft und die Umsetzung in Arbeitsplätze.
Was die Langzeitarbeitslosen oder die Arbeitskräfte mit niedriger Produktivität anbelangt, so ist auf zwei Dinge zu achten - die Höhe des Mindestlohnes und die Funktionsfähigkeit des Arbeitsmarktes. Die Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich hat keinen Einfluss auf den Mindestlohn, der in Deutschland vom Sozialhilfeniveau bestimmt wird. Allein die Zusammenlegung der Sozialhilfe und der Arbeitslosenhilfe zum Arbeitslosengeld II wird hier zu einer Senkung führen und den Anreiz zur Aufnahme von Arbeit erhöhen. Neue Arbeitsplätze werden in größerer Zahl jedoch nur entstehen, wenn der Arbeitsmarkt hinreichend flexibel ist, d.h. die Tarifverträge den Unternehmen einen großen Spielraum zur Anpassung der Arbeitszeit lassen und vor allem der Kündigungsschutz die Einstellung von Arbeitskräften nicht bereits verhindert.
Fazit
Die wirtschaftliche Krise in Deutschland ist nur zu meistern, wenn alle mehr arbeiten. Dies ins Bewusstsein der Bevölkerung gerufen zu haben ist sicherlich ein Verdienst der gegenwärtigen Auseinandersetzung um die Wochenarbeitszeit. Einen erfolgreichen Beitrag zur Überwindung der wirtschaftlichen Krise wird diese Initiative jedoch nur dann leisten können, wenn gleichzeitig die Transformation des Arbeitsmarkts zu einem funktionsfähigen Markt erfolgt. Unsere europäischen Nachbarn waren bei gleicher Freizeitpräferenz wie wir nur erfolgreich, weil sie diese Notwendigkeit früher erkannt haben.
Quelle und Kontaktadresse:
Bundesverband deutscher Banken e.V. (BdB)
Burgstr. 28, 10178 Berlin
Telefon: 030/16630, Telefax: 030/16631399
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen

