Pressemitteilung | Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V.
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Friedenspreis 2008 an Anselm Kiefer

(Frankfurt am Main) - Der deutsche Künstler Anselm Kiefer ist gestern (19. Oktober 2008) mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Die Verleihung fand vor rund 1000 geladenen Gästen in der Frankfurter Paulskirche statt, unter ihnen Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, EU-Kommissar Ján Figel und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee. Der Feier wohnten auch die früheren Friedenspreisträger Ernesto Cardenal und Karl Dedecius bei. Der Kunsthistoriker Werner Spies hielt die Laudatio.

In seiner Rede erläuterte Anselm Kiefer sein Verständnis von Geschichte, Gesellschaft und die Verbindung von Literatur, Wissenschaft und Mythologie zur Kunst. Dabei ging der Preisträger auf fehlende Gedächtnisräume in Deutschland ein. "Nach dem Zusammenfall der beiden deutschen Staaten kam es zur Wiederholung des Zuschüttens, des Verstopfens von leerem Raum: wieder eine Stunde Null für alles, was sich vierzig Jahre im anderen Teil Deutschlands ereignet hatte", sagte Kiefer. Man hätte den Raum zwischen den beiden ehemaligen Staaten und Systemen leer lassen und regelmäßig pflügen sollen wie einen Zen-Garten. "Man hätte einen leeren Raum erhalten können, einen Meditationsraum der Geschichte, in den die Menschen hätten hinabsteigen können - hinabsteigen in sich selbst", so Kiefer.

Für Kiefer sind Grenzen auch Illusion. Sie seien aufgerichtet, um zu beruhigen und einen festen Ort vorzugaukeln. "Aber ohne Grenzen, ohne diese Illusion von Grenzen sind wir nicht lebensfähig, weder als einzelne, noch im Verhältnis zu den anderen", so Kiefer in der Paulskirche. Für ihn gäbe es eine besondere Grenze zwischen Kunst und Leben, die sich oft irrlichternd verschiebe. Doch ohne diese Grenze gäbe es keine Kunst, zumal das Kunstwerk umso interessanter sei, je mehr es vom Kampf um die Grenze zwischen Kunst und Leben gezeichnet sei.

Werner Spies zeichnete in seiner Laudatio den Werdegang Kiefers nach und betonte dabei dessen Passion zur Literatur, die in "Zweistromland", einer gigantischen Ansammlung von Büchern, explodiere. Deren Bleiummantelung wirke wie ein Schutzschild und erinnere an die Bücherverbrennung vor 75 Jahren. Für Spies gehört Kiefer zu jener Gruppe deutscher Künstler, die - nach jahrzehntelanger Gegenstandslosigkeit in der Kunst - sich in der Tradition von Max Beckmann oder Otto Dix wieder als "Akteure einer für die Deutschen unentbehrlichen Auseinandersetzung mit Geschichte" verstehen. "Wie kein anderer band er sein Werk an Orte der jüngsten Geschichte. Er brauchte dazu die Genauigkeit der Orte, die vom Fanatismus missbraucht worden waren. Er tat es nicht als Zeithistoriker, sondern beschwor das Unheilvolle der Schauplätze des Grauens so, als wucherte es an ihnen weiter. Es ging darum, die Verbrechen des Nationalsozialismus keineswegs als ein metaphysisches, unerklärliches Unheil darzubieten, sondern in einem aufdringlichen, beängstigenden Hier und Jetzt", sagte Spies. "Kiefer hat, in dem er diese unkomfortable Position bezogen hat, sicherlich mehr als manch anderer für den Frieden getan."

"Bilder, deren Kraft ausreicht, um unsere Zeit beim Namen zu nennen, zeichnen kein Bild des Friedens, noch nicht einmal beschwören sie - wie die Kunst vergangener Zeiten - die Hoffnung auf Verheißung. Würde die Kunst unserer Zeit dies versuchen, so wohl nur um den Preis der Lüge", sagte Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, in seiner Begrüßung. Anselm Kiefer jedoch habe als bildender Künstler der ambivalenten Macht der Bilder, ihren Tiefen und Untiefen, ihrem Sinn und ihren Grenzen nachgespürt wie kaum ein anderer. Er stehe beispielhaft für die Absicht des Börsenvereins, aus Verantwortung der eigenen Geschichte gegenüber mit der Verleihung des Friedenspreises die Wahrheit erschließende und Verstehen ermöglichende Kraft des Wortes und des Bildes zu ehren.

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Preisträger waren unter anderem Albert Schweitzer, Theodor Heuss, Astrid Lindgren, Václav Havel, Siegfried Lenz, Susan Sontag, Orhan Pamuk und im vergangenen Jahr Saul Friedländer. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Weitere Informationen sind abrufbar unter: www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Quelle und Kontaktadresse:
Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. Claudia Paul, Pressesprecherin, Presse und Öffentlichkeitsarbeit Großer Hirschgraben 17-21, 60311 Frankfurt am Main Telefon: (069) 1306-0, Telefax: (069) 1306-201

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