Handwerk: Tausende von Lehrstellen nicht besetzt
(Stuttgart) - Auch im neuen Ausbildungsjahr fanden nach den aktuellen Zahlen der Landesarbeitsagentur wieder viele junge Menschen keinen Ausbildungsplatz. Auf der anderen Seite sucht das baden-württembergische Handwerk händeringend nach qualifiziertem Nachwuchs. Im Rahmen einer Sonderumfrage des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT) meldeten die Betriebe mehr als 8.000 offene Lehrstellen.
Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle sprach heute (12. Oktober 2006) in einer Pressekonferenz von einer paradoxen Situation: Auf der einen Seite laufen sich unsere Lehrstellenwerber die Hacken ab, gleichzeitig werden die unter großen Anstrengungen bereit gestellten Ressourcen vielfach gar nicht genutzt.
Zum 30.September 2006 waren im Handwerk rund 19.500 neue Lehrverträge registriert. Möhrle zeigte sich optimistisch bis zum Jahresende wieder das Niveau des Vorjahres zu erreichen. Hinter dieser Zahl stecke eine gewaltige Ausbildungsanstrengung. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre sei die Zahl der Schulabgänger um 25 Prozent gestiegen, im gleichen Zeitraum die Zahl der Beschäftigten um 128.000 gesunken. Parallel dazu seien in den letzten drei Jahren 3.300 Ausbildungsbetriebe durch Insolvenz dem Lehrstellenmarkt verloren gegangen. Möhrle: Diese Entwicklung auch nur annähernd aufzufangen, ist vor dem Hintergrund der konjunkturellen Situation ein Erfolg. Während im Rahmen des Ausbildungspaktes, der jetzt nach drei Jahren endet, im Handwerk 3.400 neue Ausbildungsplätze eingeworben werden sollten, seien es am Ende doppelt so viele geworden. Aber das Handwerk, betonte Möhrle, wolle und könne sich auf diesen Lorbeeren nicht ausruhen: Dafür gibt es angesichts der vielen jungen Menschen, die irgendwo in meist schulischen Warteschleifen feststecken, auch keinen Grund.
Jeder dritte Betrieb wünscht Mittlere Reife
Nach dem Ergebnis der BWHT-Sonderumfrage unter tausend Betrieben bilden gegenwärtig 42,6 Prozent der Handwerkbetriebe aus. Im September gaben rund sieben Prozent der befragten Betriebe an, zumindest eine unbesetzte Lehrstelle zu haben. Jeder fünfte Betrieb erklärte außerdem, er habe Probleme, ausreichend qualifizierte Bewerber zu finden, hob Möhrle hervor. Jeder dritte Handwerksbetrieb wünscht sich einen Bewerber mit Mittlerer Reife. Den höchsten Anspruch stellt dabei das Gesundheitsgewerbe: rund zehn Prozent erwarten eine Hochschulreife und fast 60 Prozent den mittleren Bildungsabschluss. Auch im Kfz-Handwerk erwartet mehr als die Hälfte der Betriebe die Mittlere Reife. Im Nahrungsmittel-, im Bauhaupt- und im Ausbaugewerbe dagegen haben Bewerber mit Hauptschulabschluss gute Chancen.
Qualifizierte Bewerber fehlen
Anspruch und Wirklichkeit liegen allerdings ein gutes Stück auseinander. Möhrle: Das große, ungenutzte Potenzial im Handwerk steht und fällt eindeutig mit der Qualität der Bewerber. Natürlich spiele auch das geänderte Ausbildungs- und Berufswahlverhalten junger Menschen eine Rolle. Wer über den direkten Weg die Hochschulreife nicht erwerben könne, versuche es über die Vollzeitschulen, insbesondere die Berufskollegs. Das Hauptproblem liege aber woanders: Schulabgänger, die in der dualen Ausbildung als Leistungsträger dringend benötigt werden, meiden diese, während diejenigen, die in die duale Ausbildung gehen, hierfür oft nicht geeignet sind. Dies gelte vor allem für den gewerblich-technischen Bereich. Handwerksbetriebe, die ihren Nachwuchs auch heute noch zu großen Teilen aus der Hauptschule requirieren, würden überdurchschnittlich oft mit der mangelnden Ausbildungsreife vieler Bewerber konfrontiert. Ausbildungsabbrecher, erfolglose Prüfungen, fehlende Weiterbildungsbereitschaft seien die Konsequenzen. Das Handwerk könne aber nicht der Reparaturbetrieb sein für diejenigen, die in der Vollzeitschule nicht unterkämen.
Frust in den Betrieben steigt
Auch wenn im Zentrum aller Anstrengungen, die gesicherte Zukunft junger Menschen stehen müsse, so dürften doch die Belange der Betriebe nicht ganz außer Acht gelassen werden, mahnte Möhrle. Die Landesregierung habe zwar in ihrer Koalitionsvereinbarung das Thema Übergang von der Schule in den Beruf explizit angesprochen. Aber auch hier werde der Schwerpunkt auf leistungsschwache Schüler gelegt. Anstatt in der Hauptschule für Verbesserungen zu sorgen, gebe es immer neue Varianten für die Zeit danach: Vom berufspraktischen Jahr über das Berufsvorbereitungs- oder Berufseinstiegsjahr wird immer wieder ein neuer Baustein angehängt. Möhrle forderte den raschen Ausbau der Ganztagesschulen und stimmige pädagogische Konzepte. Jugendbegleiter seien durchaus eine hilfreiche Ergänzung, aber sie könnten professionelle Fachkräfte nicht ersetzen. Es reiche nicht aus, an bestehende Angebote lediglich Betreuungspakete anzudocken. Mit Blick auf die anstehenden Verhandlungen zur Weiterführung des Ausbildungspaktes betonte Möhrle: Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Landesregierung endlich konkret erklären muss, wie sie die Ausbildungsreife der Schulabgänger sicher stellen will. Gleichzeitig müsse die duale Ausbildung wieder attraktiver werden, forderte Möhrle weiter. Dazu gehöre die Berufsorientierung in den Schulen und in der Lehreraus- und fortbildung ebenso wie der Fachhochschulzugang für Gesellen.
Durch die Überfrachtung der dualen Ausbildung mit benachteiligten Jugendlichen steige der Frust in den Betrieben, sagte der Landeshandwerkspräsident. Die Versuchung sei deshalb groß, aus der Ausbildung auszusteigen. Möhrle bezeichnete Bildung als die derzeit größte politische Baustelle: Das Handwerk wird sich auf dieser Baustelle weiterhin deutlich zu Wort melden.
Quelle und Kontaktadresse:
Baden-Württembergischer Handwerkstag (BWHT)
Eva Hauser, Referentin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Heilbronner Str. 43, 70191 Stuttgart
Telefon: (0711) 26 37 09-0, Telefax: (0711) 263709-100
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