Helfen macht glücklich / Tagung zum Beitrag von Bildung zur Bürger- und Sozialkultur im ländlichen Raum
(Berlin) - Bildungsangebote und freiwilliges Engagement tragen wesentlich zu einer funktionierenden Bürger- und Sozialkultur in ländlichen Räumen bei. Sie erhöhen die Lebensqualität, steigern die Attraktivität ländlicher Gebiete für die Bürger und bedürfen deshalb einer besonderen Aufmerksamkeit und Förderung. Wesentlich für eine intakte Sozialkultur ist die Förderung der Beziehungsfähigkeit der Bürger, ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich für das Gemeinwesen einzusetzen. Anhaltspunkte dafür finden sich in Forschungsergebnissen aus Soziologie, Neurobiologie und Psychologie, die im Rahmen einer interdisziplinären Tagung Die Bedeutung von Bildung für die Bürger- und Sozialkultur im ländlichen Raum des Verbands der Bildungszentren im ländlichen Raum e.V. (VBLR) am vergangenen Dienstag in Berlin vorgestellt wurden.
Alles was dazu führt, dass sich die Beziehungsfähigkeit von Menschen verbessert, ist gut für das Gehirn und gut für die Gemeinschaft, in der diese Menschen leben, so Franz Loth, Vorsitzender des VBLR in seiner Begrüßungsrede. Dafür biete der ländliche Raum besonders gute Voraussetzungen, denn er verfüge über eine Vielzahl sozialer Räume wie Vereine, Kirchen sowie Gemeinde- und Bildungszentren. Doch es reiche nicht aus, nur eine Infrastruktur zu stellen: Es bedarf eines besonderen Bildungsansatzes um ein gelingendes Leben, Arbeiten und Lernen im ländlichen Raum zu gewährleisten, so Loth. Angesichts der gesellschaftlichen, sozialen, beruflichen und technischen Veränderungen im ländlichen Raum bedürfe es der Unterstützung, Förderung und der Bildung zur Beziehungsfähigkeit. Die Bildungszentren sind wie Knoten im Netzwerk ländlicher Räume. Sie sind besondere Orte der Begegnung, so Loth.
Hermann Kues, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesfamilienministerium und Schirmherr der Veranstaltung, lobte den interdisziplinären Ansatz der Veranstaltung. Wir brauchen neue Bilder von gemeinschaftlicher Verantwortung und Ideen, wie Beziehungsstrukturen vor Ort, in den Familien und Gemeinden, aussehen können, so Kues. Die Frage der Bildung sei eine der Schlüsselfragen für den ländlichen Raum. Die Bildungszentren trügen maßgeblich dazu bei, eine funktionierende Bürgergesellschaft auf den Weg zu bringen.
Ein positives Bild der Sozialkultur auf dem Lande zeichnete Dr. Thomas Gensicke vom Institut TNS Infratest Sozialforschung in München, der die Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2004 des Bundesfamilienministeriums vorstellte. Während die kulturellen und ökonomischen Unterschiede und Lebensweisen zwischen Stadt und Land immer geringer würden, böte der ländliche Raum viele Vorzüge für die dort lebenden Menschen. Vor allem das soziale Kapital sei auf dem Lande sehr viel ausgeprägter. Dies zeige sich im starken sozialen Zusammenhalt, aber auch in dem hohen Maß an freiwilligem Engagement. Das Bürgerengagement vor allem in den Vereinen sei von besonderer Bedeutung für die gute Lebensqualität auf dem Lande, so Gensicke, und bedürfe deshalb der besonderen Förderung zum Beispiel durch Weiterbildungsangebote.
Den direkten Zusammenhang zwischen demographischem Wandel und bürgerschaftlichem Engagement zog Dr. Claudia Neu vom Institut für Soziologie und Demographie der Universität Rostock. Die soziale und kulturelle Infrastruktur auf dem Land stünde zur Disposition. Ihr Rückgang befördere die Abwanderung junger und gut ausgebildeter Menschen. Gerade diese Menschen bildeten jedoch den Kern der bürgerschaftlich Engagierten. Bürgerschaftliches Engagement ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für Lebensqualität nicht nur im ländlichen Raum, so Neu. Wir konnten in unseren empirischen Untersuchungen beobachten, dass bürgerschaftliches Engagement oftmals zum einzigen Haltepunkt für Menschen im ländlichen Raum wird. Neu hatte im Rahmen ihrer Studie mehrere Dörfer mit einer intakten Sozialkultur in Ostdeutschland untersucht und dabei festgestellt, dass sich alle Dörfer durch eine ausgeprägte Kultur der Eigenverantwortung auszeichneten. Diese sei von der Erkenntnis geprägt, dass ein bestimmtes Angebot an sozialen Leistungen nur zustande käme, wenn man sich persönlich engagiere. Neu skizzierte eine Reihe von Maßnahmen, die notwendig seien, um das bürgerschaftliche Engagement auf dem Land zu stärken. Dazu gehörten in erster Linie die Erhaltung und Schaffung sozialer Orte wie Vereine, Schulen, Kindergärten und Bildungszentren als Orte der zwischenmenschlichen Kommunikation und Begegnung. Weitere entscheidende Faktoren seien die verstärkte soziale Anerkennung und professionelle Unterstützung der engagierten Bürger sowie die Ansprache Nicht-Aktiver. Letztendlich muss es darum gehen, die Bürger durch Investitionen in soziale und kulturelle Infrastruktur in die Lage zu versetzen, auch in Zukunft eigenverantwortlich handeln zu können und ihre Arbeit im Sinne einer funktionierenden Zivilgesellschaft fortsetzen zu können, so Neu.
Die Neurobiologie hat mit naturwissenschaftlichen Methoden nachgewiesen, dass sich soziales Engagement positiv auf die seelische und körperliche Gesundheit des Menschen auswirkt. Das zeigen die Ergebnisse neurobiologischer Untersuchungen, die Prof. Dr. Hans J. Markowitsch von der Universität Bielefeld vorstellte. Soziales Engagement schlägt sich im Gehirn nieder, so Markowitsch. Es steigere das Wohlbefinden. Soziale Isolation hingegen führe zum Abbau von Nervenzellen. Die Neurowissenschaften hätten inzwischen eine Reihe von Belegen gefunden, die zeigen, dass gewisse Hirnregionen dafür spezialisiert seien, kooperatives Verhalten zu steuern und auf soziale Belohnungen anzusprechen, beispielsweise durch die Freisetzung von Glückshormonen. Altruistisches also uneigennütziges Verhalten bilde sich insbesondere in intakten sozialen Gemeinschaften aus und erhöhe langfristig deren Stabilität. Diese Erkenntnisse unterstrichen die Bedeutung sozialen Engagements für die Gesellschaft und die Wichtigkeit, vor allem Kindern und Jugendlichen die Vorteile eines sozialen Engagements nahe zu bringen, um sie an eine ihnen und der Gemeinschaft dienliche Sozialkultur heranzuführen, so Markowitsch.
Die Bedeutung von Bindungs- und Beziehungsbedürfnissen des Menschen skizzierte der Diplom-Psychologe Bernd Kreuzburg aus Heidelberg. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das von Geburt an Bindung und Beziehung benötigt, so Kreuzburg. Darin begründeten sich sein Streben nach zwischenmenschlichen Kontakten, Anerkennung, Wertschätzung und Sicherheit. Die Befriedigung dieser Bedürfnisse sei maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich ein Mensch wohlfühle. Wir wissen, dass Menschen psychisch und körperlich erkranken können, wenn sie in ihren Grundbedürfnisse immer wieder eingeschränkt sind und diese auf Dauer unterdrücken, so Kreuzburg. Bildung könne wesentlich dazu beitragen, diese Beziehungs- und Bindungsbedürfnisse des Menschen zu befriedigen, denn sie sei gleichzeitig eine Schulung in sozialer Kompetenz sowie in gemeinwohlorientiertem Denken und Handeln.
Eine umfangreiche Dokumentation der Tagung ist in Kürze beim Verband der Bildungszentren im ländlichen Raum e.V. erhältlich.
Quelle und Kontaktadresse:
Verband der Bildungszentren im ländlichen Raum e.V.
Pressestelle
Claire-Waldoff-Str. 7, 10117 Berlin
Telefon: (030) 31904530, Telefax: (030) 31904539
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen

