Hier, wo Arbeit vorhanden ist, vernichtet sie die Politik durch ihre Sparmaßnahmen
(Berlin) - Der Berufsverband der Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen e. V. (BdA) beteiligt sich an der Protestaktion in Berlin, weil die derzeitige gesundheitspolitische Entwicklung Praxisinhabern wie PraxismitarbeiterInnen das Arbeiten extrem schwer macht. Das gesamte Team trägt die Last der Bürokratisierung und Überreglementierung durch den Gesetzgeber, die Krankenkassen lassen Patientenbetreuungszeit zu Verwaltungszeit werden.
Gleichzeitig hören wir: Unser Gesundheitswesen ist leistungsfähig und hoch qualifiziert. Ende vergangenen Jahres ist das vom Beeske-Institut sogar wissenschaftlich belegt worden. Auf solche positiven Aussagen sind die Politiker stolz. Es sind jedoch fremde Federn, mit denen sie sich schmücken. Denn unser Gesundheitswesen ist leistungsfähig, weil wir - und damit meine ich das ganze Team - täglich diese Leistungen erbringen.
Unser Gesundheitswesen ist auch deshalb hoch qualifiziert, weil wir uns ständig weiter qualifizieren.
In ihrer Regierungserklärung spricht unsere Kanzlerin von einem Herz für Schwache. Kranke sollen sich auf ein zuverlässiges Gesundheitswesen verlassen können. Unsere Patienten erhalten Menschlichkeit und Herzlichkeit und spüren die Zuverlässigkeit des medizinischen Personals. Dass sie dies schätzen, zeigen seit vielen Jahren Umfragen, bei denen Berufe im Gesundheitswesen große Anerkennung erfahren.
Unsere Kanzlerin hat auch ein Herz für Leistungen. Sie spricht von Dankbarkeit, die wir verdienen und die wir von den Patienten auch erhalten egal, ob in der ambulanten Praxis oder im Krankenhaus. Leider wird man/frau von dieser Dankbarkeit nicht satt. Wir erbringen Leistungen, die seit Jahren nicht adäquat honoriert werden.
Für die Ärzte werden andere Vertreter sprechen.
Ich möchte näher auf die Situation der Praxismitarbeiterinnen eingehen. Insgesamt sind es rund 500.000 Arzthelferinnen und Zahnmedizinische Fachangestellte, die im Gesundheitswesen arbeiten. Zu Ihrem Arbeitsgebiet gehört mehr als Karteikarten sortieren oder telefonieren. Sie bereiten die Sprechstunde vor und nach, nehmen Blut ab, schreiben EKGs. Sie sind verantwortlich für einen reibungslosen Praxisablauf, für Verwaltungsarbeiten, sie müssen das Hygienemanagement ebenso beherrschen wie die Bestellung von Sprechstunden- und Praxisbedarf. Außerdem sind diese Frauen oftmals auch für die Patienten wichtige Verbündete. Ihnen kann man von den Ängsten erzählen, man kann nachfragen, wenn man etwas nicht verstanden hat.
Und schließlich haben die Mitarbeiterinnen neben den Verwaltungs- und Kommunikationsaufgaben - je nach Praxis auch unterschiedlichste medizinische Anforderungen zu erfüllen.
Diese kurze Auflistung gilt analog natürlich auf für die Mitarbeiterinnen in den Zahnarztpraxen.
Beide Berufe der der Arzthelferin und der der Zahnmedizinischen Fachangestellten - standen auf der Wunschliste junger Frauen schon immer ganz oben. Die wenigsten von ihnen wissen aber, dass das Tarifgehalt einer Vollzeitbeschäftigten selbst nach
Berufsverband der Arzt-, Zahnarzt- und Tierarzthelferinnen e. V. (BdA)
Sabine Rothe, Präsidentin des BdA, anlässlich der Protestkundgebung am 18. Januar 2006 in Berlin
zehnjähriger Berufserfahrung mit entsprechender Qualifikation bei rund 1.600 Euro brutto liegt. Dafür stehen sie in der Regel ab 7.00 Uhr in der Praxis und gehen erst nach Hause, wenn lange nach dem letzten Patienten die Arbeit getan ist. Es ist auch kaum bekannt, dass immer mehr unserer Kolleginnen in den Praxen mit Mini-Jobverträgen oder nur Teilzeit arbeiten und das nicht unbedingt freiwillig. Besonders seit dem 2004 in Kraft getretenen Gesundheitsmodernisierungsgesetz hat die Zahl der Änderungskündigungen mit Stunden- und damit Gehaltskürzungen dramatisch zugenommen. Und im Teilzeitjob bleiben dann kaum mehr als 600 Euro netto übrig. Da darf die Frage erlaubt sein, wie viel ist unserer Gesellschaft die Arbeit für den Menschen wert?
Die Arzthelferinnen und Zahnmedizinischen Fachangestellten sind es aber auch, die zuerst Wut und Enttäuschung zu spüren bekommen z. B. wenn es um die 10-Euro-Praxisgebühr oder zu lange Wartezeiten geht. Das ist eine Aufgabe, die in keinem Arbeitsvertrag vereinbart wurde: der tägliche Versuch, den durch die Politik verlore-nen Vertrauensverlust aufzufangen.
Und: Die Praxismitarbeiterinnen sind der Teil der Betriebsausgaben, der bei fehlen-dem Honorar als erstes gestrichen wird. Das traurige Ergebnis zeigt unsere Arbeits-losenstatistik: Die Zahl der Arbeitslosen hat seit Dezember 2003 in bisher nicht ge-kanntem Ausmaß zugenommen: Während sie bei den Arzthelferinnen um 27 Prozent stieg, nahm sie bei den Zahnmedizinischen Fachangestellten sogar um 40 Prozent zu insgesamt rund 10.000 Frauen haben in diesen Berufen ihren Arbeitsplatz verlo-ren. Durch die geringen Gehälter ist die finanzielle Lage für arbeitslose Frauen äu-ßerst prekär. Dabei können wir davon ausgehen, dass die Zunahme noch weitaus höher ausfallen würde, wäre die Ausbildung nicht so angelegt, dass die Berufsange-hörigen auch in anderen Bereichen einen Job finden.
Doch was nützt diese Abwanderung für das Gesundheitswesen? Politiker verspre-chen eine gute Versorgung für alle. Wie soll diese aber mit immer weniger Personal in den Praxen realisiert werden? Entlassene Mitarbeiterinnen bedeuten weniger Un-tersuchungen oder eingeschränkte Sprechzeiten.
Arbeitet die Praxis mit weniger Personal, dann wird die Behandlungs- und Untersu-chungsintensität der Patienten notwendigerweise eingeschränkt, denn ein Arzt allein ist keine Praxis! Die verbleibenden Kolleginnen müssen ein erhörtes Arbeitspensum erledigen. Bereits heute kommen im Osten 206 Patienten auf eine Praxismitarbeite-rin, im Westen sind es 164.
Doch davon wollen die verantwortlichen Gesundheitspolitiker nichts wissen. Christian Friedrich Hebbel sagte einmal: Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu än-dern, als ihr treu zu bleiben.
Wir fordern die Politiker auf, endlich einmal den Mut zu haben und der Bevölkerung die Wahrheit zu sagen.
Die finanzielle Situation unseres Gesundheitswesens liegt nicht an der Verschwen-dung der Leistungserbringer, sondern an der schlechten Einnahmesituation, bedingt durch die hohe Arbeitslosigkeit.
Quelle und Kontaktadresse:
Verband medizinischer Fachberufe e.V. (BdA)
Pressestelle
Bissenkamp 12-16, 44135 Dortmund
Telefon: (0231) 5569590, Telefax: (0231) 553559
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