Pressemitteilung | Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. (DGHO)

Highlights der virtuellen Jahrestagung und gesundheitspolitische Herausforderungen

(Berlin) - Aufgrund der COVID-19-Pandemie fand die Gemeinsame Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Gesellschaften für Hämatologie und Medizinische Onkologie vom 9. bis 11. Oktober 2020 erstmals virtuell statt. In ihrer Pressekonferenz verdeutlichten die Vertreterinnen und Vertreter der teilnehmenden Gesellschaften die Herausforderungen und Chancen, die eine erstmalige virtuelle Jahrestagung an alle Beteiligten stellt. Gleichsam aber betonten sie die - trotz und gerade wegen COVID-19 bedingte - zentrale Rolle des wissenschaftlichen Diskurses und die notwendige Auseinandersetzung mit einer Vielzahl an für das Fachgebiet der Diagnostik und Therapie von Blut- und Krebserkrankungen relevanten neuen Daten, Fragen und Themen.

Hämatologie und Onkologie 2020: 
Herausforderungen, Chancen und Highlights des Programms
Mit Blick auf die Entscheidung im Frühsommer, von einer Präsenzveranstaltung zu einem virtuellem Format zu wechseln, betonte Prof. Dr. med. Markus G. Manz, Kongresspräsident, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Hämatologie (SGH/SSH) und Direktor der Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie am Universitätsspital Zürich, dass ein vollständiger Verzicht auf den Kongress zu keinem Zeitpunkt zur Disposition stand: "Die Hämatologie und Onkologie ist eines der innovativsten Fachgebiete in der Medizin, und der interdisziplinäre und interprofessionelle Diskurs ist essenziell für unsere lebendigen und leistungsstarken Fachgesellschaften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dabei ist die gemeinsame Jahrestagung ein Höhepunkt des ärztlichen und wissenschaftlichen Kalenders von den in der Hämatologie und Onkologie Tätigen."

In Folge des Formatwechsels musste das bereits geplante Programm komplett neugestaltet und verdichtet werden. Durch die Kombination von Livestreams und voraufgezeichneten, permanent abrufbaren Vorträgen konnte eine für alle Teilnehmenden attraktive Hybridveranstaltung konzipiert werden. "Natürlich wissen wir, dass der 'analoge' Austausch unter Kolleginnen und Kollegen eine ganz eigene und spezielle Qualität und auch interpersonelle Dynamik hat. Was wir in den vergangenen Monaten aber auch gelernt haben, ist, dass sich elektronischer und virtueller Informationsaustausch durch die enormen Fortschritte im Bereich der Kommunikationsmedien sehr gut und für die Beteiligten befriedigend realisieren lässt", so Manz weiter.

Highlights der virtuellen Jahrestagung sind neben den "Essentials SARS-CoV-2 / COVID-19"-Sitzungen u. a. die Plenarsitzungen zu den Themen "Evolution and Hallmarks of Cancer" (Samstag, 10. Oktober 2020) mit Prof. Peter Campbell (Cambridge), der zu "Clonal Evolution in Health and Disease" und Prof. Douglas Hanahan (Lausanne), der zu "Hallmarks of Cancer" spricht. In einer Keynote am Sonntag, 11. Oktober 2020 referiert Prof. George Coukos (Lausanne) zum Thema "T-Zell-Therapy Against Solid Tumors". Wie bereits in den vergangenen Jahren erfolgreich umgesetzt, findet auch im Rahmen der diesjährigen virtuellen Jahrestagung ein Pflegekongress statt. Themen sind u. a. CAR-T-Zelltherapie, COVID-19 und Krebs, Palliative Care, Hautreaktionen unter Tumortherapie, Zertifizierung oder Symptom-Management. "Ich bin stolz", so Manz, "dass wir unter den für alle belastenden Umständen ein hochattraktives Programm und eine Plattform konzipiert haben, die zwar hauptsächlich virtuellen, aber dafür nicht weniger intensiven Austausch ermöglicht."

COVID-19: Schnelle Anpassung des Systems
Krebsregister: Föderalismus als Hemmschuh
Bedingt durch die COVID-19-Pandemie galt es im Frühjahr zunächst, die Abläufe bei der ambulanten und stationären Diagnostik und Therapie von Patientinnen und Patienten mit hämatologischen und onkologischen Erkrankungen so zu organisieren, dass der besonderen Vulnerabilität dieser Patientenkohorte Rechnung getragen werden konnte, so Prof. Dr. med. Lorenz Trümper, Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie und Direktor der Klinik für Hämatologie und Medizinische Onkologie der Universitätsmedizin Göttingen. "In diesem Zusammenhang haben wir als DGHO von Beginn der Corona-Pandemie an deutlich gemacht, dass die Angst vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 die erforderliche Behandlung einer Krebserkrankung nicht verhindern darf, und dass die unmittelbare, qualitätsgesicherte Versorgung unserer Patientinnen und Patienten sichergestellt werden muss - insbesondere bei aktiven und lebensbedrohlichen Erkrankungen, bei kurativen Therapien, bei hohem Rezidivrisiko und bei belastenden Symptomen."

Im Rahmen der Corona-Pandemie gab es aber durchaus Anpassungen im therapeutischen Setting. So wurde am Universitätsklinikum Göttingen sowie in anderen Kliniken in Deutschland während der Hochphase der Pandemie beispielsweise die Intensität von Erhaltungstherapien bei Patientinnen und Patienten, die eine komplette Remission bei malignen Lymphomen aufwiesen, reduziert. Wo es medizinisch sinnvoll und verantwortbar war, wurden Patientinnen und Patienten statt alle zwei bis drei Monate auf alle vier bis sechs Monate Rituximab umgestellt, um potenziell mit einem Infektionsrisiko verbundene Klinikbesuche zu verhindern. "Gemeinsam mit unseren Schwestergesellschaften aus Österreich und der Schweiz haben wir zur notwendigen Adaption der Behandlung eine Onkopedia-Leitlinie entwickelt, die mittlerweile in der 16. Version vorliegt und sehr gut angenommen wird", so Trümper.

Hinsichtlich der Anzahl neu diagnostizierter Krebserkrankungen konnte im Zeitraum von März bis Mai eine signifikante Abnahme festgestellt werden, was sich auf eine pandemiebedingte Verzögerung der Diagnosestellung zurückführen lässt. Mit Beginn des Juli wird nun eine kleine 'Bugwelle' an Neudiagnosen verzeichnet. "Ob sich die zeitlichen Verschiebungen bei der Stellung von Neudiagnosen auf die Behandlungsergebnisse auswirken, können valide nur die klinischen Krebsregister beantworten. Unser Problem ist aber: Die Bundesländer wurden bereits im Jahr 2013 verpflichtet, entsprechende Register einzurichten. Die föderale Struktur der Bundesrepublik Deutschland hat nun dazu geführt, dass es völlig unterschiedliche Entwicklungen der regionalen Krebsregister gegeben hat, und dass uns eben keine aussagekräftigen Daten vorliegen. In Sachen Zusammenführung der bundesland-spezifischen Krebsregisterdaten auf nationaler Ebene muss hier dringend nachgesteuert werden", erläuterte Trümper den dringenden Handlungsbedarf.

Zugang zu innovativen Arzneimitteln
Mit Blick auf den Zugang zu innovativen Arzneimitteln bei der Behandlung von Blut- und Krebserkrankungen erklärte Prof. Dr. med. Wolfgang Hilbe, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (OeGHO) und Vorstand der I. Medizinischen Abteilung - Zentrum für Onkologie und Hämatologie mit Ambulanz und Palliativstation aus Wien, dass sich in allen Bundesländern in Österreich unterschiedliche Formen von Restriktionen bei der Bewilligung von innovativen Therapien formieren. "Wir nehmen an, dass durch die Corona-Pandemie eine Begrenzung finanzieller Mittel erfolgt und somit der Zugang zu innovativen Arzneimitteln für unsere Patientinnen und Patienten weiter erschwert wird." In diesem Zusammenhang hat die OeGHO eine Mitgliederbefragung durchgeführt, mit deren Hilfe u. a. untersucht werden sollte, mit welchen praktischen Herausforderungen sich hämatologisch und onkologisch tätige Ärztinnen und Ärzte konfrontiert sehen. "In der Online-Umfrage konnten wir für unseren Fachbereich einen 'föderalen Flickenteppich' zeigen. In den verschiedenen Bundesländern gelingt es unseren Kolleginnen und Kollegen nur mit unterschiedlich starkem bürokratischem Aufwand, ihren Patientinnen und Patienten Zugang zu innovativen Arzneimitteln zu ermöglichen.", so Hilbe. Basierend auf den Ergebnissen der Online-Umfrage hat die OeGHO eine "Innovations-Ampel entwickelt. Diese zeigt, dass in Österreich ein signifikanter Unterschied beim Zugang zu innovativen Arzneimitteln existiert. "Wir wollen auch weiterhin einen niederschwelligen und gesicherten Zugang zu innovativen Medikamenten für unsere Patientinnen und Patienten haben. Der Frage der Kosten-Nutzen-Thematik müssen wir uns als Fachgesellschaft aber auch intensiv stellen. Hier können Assessment-Scores helfen, um für die Patienten eine State-of-the-Art Behandlung auf Basis von gesicherter Evidenz zu gewährleisten", so Hilbe weiter.

Quelle und Kontaktadresse:
Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. (DGHO) Kirsten Thellmann, Pressereferentin Alexanderplatz 1, 10178 Berlin Telefon: (030) 27876089-0, Fax: (030) 27876089-18

(ds)

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