Pressemitteilung | Deutsches Komitee für UNICEF e.V.

Internationaler Gedenktag zum zehnten Jahrestag des Völkermords in Ruanda / Das Trauma überwinden / UNICEF fordert mehr Hilfe für die überlebenden Kinder und Jugendlichen

(Köln) - Die Vereinten Nationen rufen am 7. April um 12 Uhr zu einer Schweigeminute für die Opfer des Völkermords in Ruanda auf, der vor zehn Jahren begann. Anlässlich dieses Gedenkens an den schlimmsten Massenmord seit dem Zweiten Weltkrieg fordert UNICEF verstärkte Hilfe für die überlebenden Kinder und Jugendlichen. UNICEF geht davon aus, dass noch heute jedes fünfte Kind in Ruanda durch den Tod von Eltern oder Angehörigen oder die Gewalt, die es miterleben musste, traumatisiert ist. Mehr als 600.000 Kinder und Jugendliche wachsen ohne Vater oder Mutter auf – weil diese ermordet wurden oder nach dem Krieg an AIDS und anderen Krankheiten starben. Über 100.000 Kinder und Jugendliche leben ohne Beistand durch Erwachsene in Kinderhaushalten. Ihnen hilft UNICEF gemeinsam mit lokalen Organisationen. Gemeinden erhalten Unterstützung, damit sie dafür sorgen, dass die Kinder zur Schule gehen können und medizinisch betreut werden. Jugendliche erhalten eine handwerkliche Ausbildung oder Starthilfe, damit sie das von ihren Eltern ererbte Ackerland bearbeiten können.

„Wenn Hass, Gier und Aggression einmal außer Kontrolle geraten sind, kommen die Vereinten Nationen zu spät. Um Tragödien wie in Ruanda in Zukunft zu verhindern, müssen deren tiefer liegende Ursachen entschiedener bekämpft werden: Armut, Überbevölkerung und Vorurteile“, sagte Reinhard Schlagintweit, Vorsitzender von UNICEF Deutschland.

Die Vereinten Nationen haben den 7. April zum internationalen Gedenktag für die Opfer des Völkermords in Ruanda erklärt. In nur 100 Tagen wurden damals über 800.000 Menschen von ihren Landsleuten umgebracht, darunter mehr als 300.000 Kinder.

Eine traumatisierte Generation
Interviews mit Heranwachsenden in Kinderhaushalten und Waisenheimen zeigen wie stark die Überlebenden des Völkermords noch nach zehn Jahren unter dieser traumatischen Erfahrung leiden. In UNICEF-Umfragen zwei Jahre nach dem Ende des Völkermords 1996 gaben 90 Prozent der befragten überlebenden Jugendlichen an, dass sie damals damit rechneten, selbst umgebracht zu werden. 41 Prozent sahen, wie ihre eigene Mutter oder ihr Vater ermordet wurden. 35 Prozent mussten sich unter Leichen verstecken.

Die Heranwachsenden, die sich ohne Beistand durch Erwachsene durchschlagen müssen, leiden am stärksten unter so genannten posttraumatischen Belastungsstörungen. Auch wenn die Jugendlichen materielle Unterstützung erhalten, fehlt ihnen meist Hilfe bei der Überwindung ihrer seelischen Wunden. Im Alltag versuchen sie ihre Verzweiflung zu unterdrücken, doch die Erinnerung arbeitet in ihnen weiter.

Viele haben Angst davor, dass sich ein Gewaltausbruch wie 1994 wiederholen könnte. Nachdem Täter nach und nach aus den überfüllten Gefängnissen entlassen werden, müssen Opfer und Täter oft wieder in ihren Dörfern zusammenleben.

Kinder ohne Eltern
Kinderhaushalte werden oft von der Gemeinschaft ausgegrenzt. Viele der Jugendlichen mussten erleben, wie ihnen nach dem Tod ihrer Eltern ihr zu Hause oder das Land weggenommen wurde. Sie leben in einfachen selbst gebauten Hütten und schlagen sich als billige Arbeitskräfte auf Plantagen oder in privaten Haushalten durch. Die meisten gehen nicht zur Schule. Die älteren Mädchen tragen in 80 Prozent der Kinderhaushalte die Hauptverantwortung für die jüngeren Geschwister. Oftmals müssen sie sich prostituieren, um das Überleben ihrer „Familie“ zu sichern.

Auch die Zahl der Straßenkinder ist in Ruanda stark angestiegen. Schätzungsweise 7.000 Kinder schlagen sich auf der Straße durch, die Hälfte von ihnen in der Hauptstadt Kigali. Immer wieder sind sie Übergriffen durch die Polizei ausgesetzt, die sie aus der Öffentlichkeit vertreiben will.

Minderjährige Täter
Weiterhin offen ist die Frage, was mit den Kindern und Jugendlichen geschehen soll, die vor zehn Jahren selbst an Gräueltaten beteiligt waren. Zehn Jahre nach dem Völkermord sind immer noch über 3.000 von diesen mittlerweile jungen Erwachsenen im Gefängnis, viele warten weiter auf eine Anklage. Manipuliert und durch Erwachsene und Medien aufgeputscht, waren sie an Mordaktionen beteiligt, plünderten oder führten Milizen zu den Verstecken ihrer Opfer.

UNICEF hat sich intensiv dafür eingesetzt, dass minderjährige Häftlinge in den Gefängnissen getrennt von Erwachsenen untergebracht werden. Bis Ende 2001 wurden alle angeklagten Kinder, die zum Zeitpunkt ihrer Taten unter 14 Jahre alt waren, zu ihren Angehörigen zurückgebracht. Kleinkinder, die mit ihren Müttern im Gefängnis saßen, wurden bei Verwandten untergebracht.

Ruandas Kinder brauchen Hilfe
Die Bevölkerung in Ruanda ist heute weiter auf Hilfe von außen angewiesen. Zehn Jahre nach dem Völkermord lebt jeder dritte Ruander in absoluter Armut. Ruanda zählt zu den Ländern mit der höchsten Kindersterblichkeit. Von 1.000 Kindern erleben 183 ihren fünften Geburtstag nicht. Nahezu 14 Prozent der Bevölkerung im Alter von 15 bis 49 Jahren ist HIV-infiziert. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 40 Jahren. Lediglich 68 Prozent der Kinder besuchen eine Grundschule.

Quelle und Kontaktadresse:
Deutsches Komitee für UNICEF e.V. Angelika Söhne, Pressestelle Höninger Weg 104, 50969 Köln Telefon: 0221/936500, Telefax: 0221/93650279

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