Konjunkturbericht November 2005: Weltwirtschaft bleibt robust / Konjunktur im Euro-Raum zieht nur verhalten an
(Berlin) - Die Weltwirtschaft zeigte sich bis zuletzt in einer guten Verfassung. Die hohen Ölpreisesollten für sich genommen daran nur wenig ändern. Größere Konjunkturprobleme würden erst dann entstehen, wenn die Energieverteuerung zu nennenswerten Zweitrundeneffekten bei den Verbraucherpreisen führt. Mit moderaten Lohnabschlüssen könnte diese Gefahr jedoch entschärft werden. Sollte zudem die jüngste Beruhigung an den Ölmärkten längerfristig anhalten, ist 2006 mit einer Fortsetzung der lebhaften Weltkonjunktur zu rechnen.
Die Konjunktur im Euro-Raum hinkt der guten Entwicklung der Weltwirtschaft sichtlich hinterher. Ein wichtiger Grund für das magere Wirtschaftswachstum ist die hohe Arbeitslosigkeit. Aber auch zahlreiche Marktregulierungen, ein überfrachteter Staatssektor sowie die damit verbundenen Haushaltsprobleme belasten die wirtschaftliche Dynamik. Vor diesem Hintergrund ist auch für 2006 kein dynamischer Aufschwung in Sicht. Das Wirtschaftswachstum dürfte sich nur geringfügig beschleunigen von 1,3 Prozent in diesem Jahr auf voraussichtlich 1,6 Prozent im nächsten Jahr.
Die deutsche Wirtschaft hat die Stagnation aus dem zweiten Quartal überwunden. Die gute Entwicklung von Auftragszahlen und Stimmungsindikatoren deuten darauf hin, dass die Konjunktur auch über das dritte Quartal hinaus auf einem Erholungskurs bleibt. Große Schwierigkeiten bereitet aber weiterhin die schwache Entwicklung des privaten Konsums. Hier ist erst im Laufe des nächsten Jahres mit einer allmählichen Besserung zu rechnen. Die gesamtwirtschaftliche Leistung könnte dann 2006 um 1,3 Prozent steigen nach einem Plus von 0,9 Prozent im laufenden Jahr.
Mit der Rückkehr der deutschen Wirtschaft auf einen Wachstumspfad verbessern sich auch die Aussichten auf eine Stabilisierung am Arbeitsmarkt. Anfang 2006 könnte deshalb der Abbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung allmählich ein Ende finden. Für eine nennenswerte Zunahme der Beschäftigung in 2006 ist das prognostizierte Wirtschaftswachstum allerdings zu niedrig, zumal für eine nachhaltige Reduktion der Arbeitslosigkeit weitere Arbeitsmarktreformen erforderlich wären.
Die Inflationsrate wird in Deutschland und im Euro-Raum zurzeit ausschließlich von den Energiepreisen nach oben getrieben. Wegen der schwachen Binnennachfrage, der großen Beschäftigungsprobleme sowie des scharfen internationalen Wettbewerbs um Absatzmärkte und Produktionsstandorte bestehen gute Chancen, dass der Preisauftrieb nach einem vorübergehenden Ölpreisbuckel ab dem Frühjahr 2006 wieder nachlässt.
Die anziehende Inflationsrate und die kräftige Geldmengenexpansion erfordern eine erhöhte Wachsamkeit der europäischen Geldpolitik. Unmittelbarer Handlungsbedarf für eine Zinsstraffung besteht zurzeit aber nicht. Vielmehr sollte die Europäische Zentralbank noch abwarten, wie sich Energiepreise und Konjunkturdaten in der kommenden Zeit entwickeln werden und welche Signale die Lohnpolitik sendet.
Die Weltwirtschaft zeigte sich bis zuletzt in guter Verfassung. In China neben den USA zurzeit der zweite wichtige Motor der Weltkonjunktur wächst die wirtschaftliche Leistung sogar stärker als Anfang des Jahres erwartet wurde. Aber auch Indien und die übrigen asiatischen Schwellenländer entwickeln sich unverändert dynamisch. Außerdem haben sich die Konjunkturperspektiven für Japan merklich verbessert. Hinzu kommen kräftige Wachstumsimpulse aus einigen Öl exportierenden Ländern sowie eine recht robuste Wirtschaftslage in Mittel- und Osteuropa sowie Lateinamerika. Von den großen Wirtschaftsregionen hat allein der Euro-Raum bislang keinen rechten Anschluss an die gute Weltkonjunktur gefunden.
Das größte Risiko für die Weltwirtschaft stellen kurzfristig die hohen Ölpreise dar. Zwar spricht vieles dafür, dass die stark gestiegenen Energiepreise für sich genommen die weltweite Konjunktur nur mäßig dämpfen werden so ist zum Beispiel die Energieintensität des Wirtschaftswachstums in den letzten Jahren gesunken, und die Einnahmen der Ölexporteure werden inzwischen auch schneller in der Weltwirtschaft recycelt. Größere Probleme könnten jedoch entstehen, wenn die Energieverteuerung zu nennenswerten Zweitrundeneffekten führt, die gestiegenen Energiekosten also Preiserhöhungen an anderer Stelle auslösen. Die Folgen wären ein weltweit anziehender Inflationstrend und höhere Zinsen. Die Furcht vor diesem Szenario belastet gegenwärtig die Finanzmärkte.
Mittelfristig gehen ferner von den makroökonomischen Ungleichgewichten, insbesondere dem hohen Leistungsbilanzdefizit der USA, Risiken für die Weltwirtschaft aus. Gleichwohl ist aus heutiger Sicht für 2006 eine Fortsetzung der weltwirtschaftlichen Expansion mit einem nur geringfügig langsameren Tempo als in diesem Jahr die wahrscheinlichste Entwicklung. Das gilt erst recht, wenn die jüngste Beruhigung bei der Ölpreisentwicklung in den kommenden Monaten anhält.
Die Konjunktur im Euro-Raum hinkt der guten Entwicklung der Weltwirtschaft sichtlich hinterher. Während das Wirtschaftswachstum im vergangenen Jahr noch von einem günstigen Arbeitstageeffekt profitierte und mit rund 2 Prozent in etwa das Potenzialwachstum erreichte, wird das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr mit voraussichtlich 1,3 Prozent wieder deutlich schwächer expandieren. Die Produktionslücke, also der Abstand zwischen dem potenziellen und dem tatsächlichen Wirtschaftswachstum, dehnt sich damit wieder aus.
Eine zentrale Ursache für das magere Wirtschaftswachstum sind die ungelösten Beschäftigungsprobleme. Die Arbeitslosenquote pendelt seit drei Jahren zwischen 8 ½ und 9 Prozent. Vor allem die großen Euro-Staaten Deutschland, Frankreich und Italien konnten beim Abbau der Arbeitslosigkeit bislang keine Fortschritte erzielen. Darüber hinaus dämpfen aber auch zahlreiche Marktregulierungen, eine hohe Staatsquote, massive Haushaltsprobleme sowie die zunehmenden Finanzierungslasten der sozialen Sicherungssysteme das Wachstum. Umso bedauerlicher ist es, dass der Ansatz, mit einer umfassenden Liberalisierung der europäischen Dienstleistungsmärkte einen wichtigen Wachstumssektor besser zu erschließen, offenbar auf der Strecke bleibt. Mehr noch: In jüngster Zeit werden Rufe nach Subventionierungen international bedrohter Industriebranchen wieder lauter. Eine solche Politik kann aber keine Lösung für die Wachstumsprobleme im Euro-Raum sein.
2006 wird sich das Wirtschaftswachstum im Euro-Raum nur geringfügig beschleunigen. Selbst unter der Annahme weitestgehend konstanter Ölpreise dürften die Belastungen durch die hohen Energiepreise nur langsam abflauen. Dank einer leicht nachgebenden Arbeitslosenquote sollte der private Konsum dennoch etwas stärker expandieren als in diesem Jahr. Zudem ist bei den Anlageinvestitionen eine gewisse Beschleunigung möglich, wobei weiterhin das Ersatz- und Modernisierungsmotiv im Vordergrund stehen wird. Mit einer gesamtwirtschaftlichen Wachstumsrate von voraussichtlich 1,6 Prozent ist aber auch 2006 für den Euro-Raum kein dynamischer Aufschwung in Sicht.
Nach einer Stagnation im zweiten Quartal 2005 hat die deutsche Wirtschaft im dritten Quartal wieder auf einen Wachstumspfad zurückgefunden. Die kräftige Produktionsausdehnung im Industriesektor von Juni bis September stieg die Industrieproduktion saisonbereinigt um rund 1 Prozent ist hierfür ein klares Indiz. Da sich zudem Stimmungsindikatoren und Bestellungen in der Tendenz wieder nach oben bewegen, sollte die deutsche Wirtschaft auch zum Jahresende auf einem Erholungskurs bleiben. Insgesamt ist 2005 daher mit einem realen Wirtschaftswachstum von 0,9 Prozent zu rechnen. Hinter der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland verbirgt sich eine tief gespaltene Konjunkturlage: Einem starken Exportwachstum steht unverändert eine schwache Binnennachfrage gegenüber. Im zweiten Halbjahr 2005 dürften die etwas anziehenden Ausrüstungsinvestitionen die inländische Nachfrage zwar stützen, gleichzeitig belasten die hohen Energiekosten jedoch den privaten Konsum. Im gesamten Jahr 2005 dürfte der private Konsum gegenüber dem Vorjahr deshalb leicht schrumpfen.
2006 sollte sich der wirtschaftliche Erholungsprozess in Deutschland bei einer weiterhin robusten Weltkonjunktur grundsätzlich fortsetzen. Aus heutiger Sicht wird er jedoch nur wenig an Tempo gewinnen. Wichtigste Wachstumsstütze bleiben voraussichtlich die Exporte. Analog zur Prognose für den Euro-Raum sollten ferner die abklingenden Ölpreiseffekte und das Ende des Beschäftigungsabbaus dem privaten Konsum etwas Auftrieb geben. Auch erscheint eine allmähliche Bodenbildung in der Bauwirtschaft möglich.
Noch offen sind zurzeit die Auswirkungen der Wirtschaftspolitik auf die konjunkturelle Entwicklung im nächsten Jahr. Sollte die neue Bundesregierung ein klares und verlässliches Reformkonzept vorlegen, könnte dies den Zukunftserwartungen von Bürgern und Unternehmern Halt geben. Problematisch wäre es allerdings, wenn die dringend erforderliche Haushaltskonsolidierung über Steuererhöhungen statt über Ausgabenbeschränkungen angestrebt würde. Ein solcher Schritt würde die Wachstumsperspektiven sogar belasten.
Die Arbeitsmarktdaten in Deutschland müssen wegen zahlreicher Änderungen in der Statistik zurzeit sehr sorgfältig interpretiert werden. So ist der kräftige Anstieg der Arbeitslosigkeit zum Jahresbeginn ausschließlich auf die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zurückzuführen. Vor dieser Umstellung wurde ein Großteil der arbeitsfähigen Sozialhilfeempfänger die nun das neue Arbeitslosengeld II erhalten nicht als arbeitslos registriert. Der leichte Rückgang der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit im Jahresverlauf 2005 ist hingegen maßgeblich auf die Ausweitung der so genannten Ein-Euro-Jobs zurückzuführen und stellt deshalb noch keine materielle Besserung am Arbeitsmarkt dar.
Mit der Rückkehr der deutschen Wirtschaft auf einen Wachstumspfad steigen die Chancen auf eine Stabilisierung am Arbeitsmarkt. Dies liegt auch daran, dass durch die bereits umgesetzten Arbeitsmarktreformen und die moderate Lohnpolitik der letzten Jahre die Beschäftigungsschwelle des Wirtschaftswachstums gesunken ist. Inzwischen dürfte nach zwei bis drei Quartalen mit Wachstumsraten von jeweils rund 0,3 Prozent gegenüber der Vorperiode auch der Abbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung ein Ende finden. Aus heutiger Sicht wäre damit in den ersten Monaten 2006 zu rechnen.
Für einen nennenswerten Beschäftigungsaufbau wird das Wirtschaftswachstum aber auch im nächsten Jahr nicht ausreichen. Zudem sind für eine nachhaltige Reduktion der Arbeitslosigkeit weitere Arbeitsmarktreformen unverzichtbar. Neben einer größeren Flexibilisierung der gesetzlichen und tarifvertraglichen Regelungen müssen vor allem die Lohnzusatzkosten sinken. Die schrittweise Anhebung des gesetzlichen Rentenversicherungsalters wäre hier ebenso ein Ansatzpunkt wie eine größere Eigenvorsorge und mehr Wettbewerb in der gesetzlichen Krankenversicherung. Durch Effizienzsteigerungen in der Arbeitslosenverwaltung und die kritische Überprüfung der aktiven Arbeitsmarktpolitik könnte in der Arbeitslosenversicherung bereits kurzfristig der Beitragssatz sinken.
Die Inflationsrate ist in den letzten Monaten sowohl in Deutschland als auch im gesamten Euro-Raum spürbar gestiegen. Mit aktuell 2,5 Prozent liegt die jährliche Teuerungsrate in der Euro-Zone wieder merklich über der von der Europäischen Zentralbank angestrebten Marke von knapp 2 Prozent. Ursache für die anziehende Inflationsrate sind allerdings fast ausschließlich die hohen Energiepreise. Blendet man die Energiekosten aus, dann liegt die Teuerungsrate in der Währungsunion seit Jahresanfang durchschnittlich bei 1,4 Prozent.
Da die höheren Energiekosten inzwischen zu Preisanpassungen im Transportsektor führen und der seit Jahresbeginn gesunkene Eurokurs die Teuerung ebenfalls etwas nach oben drückt, ist kurzfristig kaum mit einer nennenswerten Entlastung bei der Preisentwicklung zu rechnen. Die Inflationsrate wird daher aller Voraussicht nach sowohl in Deutschland als auch in der Währungsunion in den nächsten Monaten über der 2 Prozent-Schwelle verharren.
Ungeachtet dessen sind die mittelfristigen Preisperspektiven nach wie vor günstig. So sind für die Unternehmen die Möglichkeiten eng begrenzt, die Energiekosten in Preiserhöhungen weiterzugeben. Ähnliches gilt für die Lohnpolitik: Auch hier schränken der internationale Wettbewerb um Produktionsstandorte sowie die Arbeitsmarktschwäche den Lohnerhöhungsspielraum der Tarifparteien ein.
Eine moderate Lohnpolitik und eine Beruhigung an den Ölmärkten vorausgesetzt, bestehen daher gute Chancen, dass die Energiepreise in der Inflationsrate lediglich zu einem vorübergehenden Ölpreisbuckel führen. Die Inflationsrate im Euro-Raum dürfte dann ab dem Frühjahr 2006 wieder sinken. Im Jahresdurchschnitt 2006 wäre unter diesen Voraussetzungen für die Währungsunion sogar eine Preissteigerungsrate von knapp 2 Prozent möglich, nach 2,2 Prozent im laufenden Jahr. Sofern es in Deutschland zu keiner Mehrwertsteuererhöhung kommt, könnte die Teuerungsrate hier zu Lande von 2,0 Prozent in diesem Jahr auf 1,6 Prozent im nächsten Jahr zurückgehen.
Die Europäische Zentralbank hält den Leitzins seit fast zweieinhalb Jahren bei 2 Prozent. Die Geldpolitik ist damit expansiv und stützt für sich genommen die Konjunktur. Angesichts der bis zuletzt recht moderaten Preisperspektiven und dem unter der Potenzialrate liegenden Wirtschaftswachstum erscheint dieses Zinsniveau als sachgerecht.
Gleichwohl bedarf die zuletzt gestiegene Inflationsrate der erhöhten Wachsamkeit der Geldpolitik. Die Inflationserwartungen im Euro-Raum bleiben nur dann auf einem akzeptablen Niveau, wenn die Ölpreishausse keine nennenswerten Zweitrundeneffekte nach sich zieht. Große Verantwortung liegt in diesem Zusammenhang bei der Lohnpolitik. Sie kann mit weiterhin moderaten und beschäftigungsorientierten Tarifabschlüssen einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, dass keine gefährliche Lohn-Preis-Spirale losgetreten wird und die Aussichten für Preisstabilität günstig bleiben.
Ein Grund zur erhöhten Aufmerksamkeit der europäischen Währungshüter ist aber auch das starke Geldmengen- und Kreditwachstum im Euro-Raum. Grundsätzlich erhöht eine so starke Liquiditätsausdehnung die Inflationsrisiken. Auf der anderen Seite wird die Geldmengenexpansion aber noch immer von der flachen Zinsstrukturkurve beeinflusst und das Kreditwachstum basiert vornehmlich auf dem Immobilienboom in einigen Euro-Ländern. Da sich für die Immobilienmärkte im gesamten Euro-Raum ein sehr differenziertes Bild ergibt, sollte eine Reaktion der gemeinsamen Geldpolitik auf regionale Entwicklungen der Immobilienmärkte wohlüberlegt und begründet sein.
Nimmt man alles zusammen, dann besteht für die Europäische Zentralbank zurzeit kein unmittelbarer Handlungsdruck für eine Zinsstraffung. Vielmehr können die europäischen Währungshüter noch abwarten, wie sich Energiepreise und Konjunkturdaten in der kommenden Zeit entwickeln werden und welche Signale die Lohnpolitik sendet. Zudem sollte eine Zinswende im Euro-Raum sehr behutsam und mit einer sorgfältigen Einstimmung der Marktakteure eingeleitet werden, um Überreaktionen an den Märkten zu vermeiden.
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