Lehrermangel gefährdet die Bildungsqualität und den Bildungsreformprozess in Deutschland / Philologenverband schlägt dringend notwendige Gegenmaßnahmen vor
(Berlin) - In den nächsten 10 Jahren werden an Deutschlands Schulen rund 80.000 Lehrerstellen nicht oder nicht adäquat durch voll ausgebildete Lehrkräfte besetzt werden können, wenn nicht sofort Gegenmaßnahmen ergriffen werden.
Schon jetzt fehlen in diesem Schuljahr bundesweit 10.000 Lehrerinnen und Lehrer.
Die ausreichende Versorgung unserer Schulen mit qualifizierten Lehrkräften wird die entscheidende Frage bei der Sicherung und Verbesserung des Bildungsstandortes Deutschland in der Zukunft sein, die andere Probleme weitgehend in den Hintergrund drängen wird, betonte Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes (DPhV), auf einer Pressekonferenz in Berlin.
Besonders betroffen sind jetzt schon die strukturschwachen und ländlichen Gebiete insbesondere in den alten Bundesländern, wo der Lehrermangel inzwischen alle Schularten und fast alle Fächerverbindungen erfasst hat. Aber auch in den neuen Bundesländern, so der DPhV-Vorsitzende, fehlten Lehrer insbesondere in Mangelfächern.
In Bayern seien die Wartelisten weitgehend leergeräumt, dort gebe es an Realschulen, beruflichen Schulen und Gymnasien bei Krankheitsfällen praktisch keine Aushilfskräfte mehr. In Nordrhein-Westfalen könnten die 3.000 von der schwarzgelben Landesregierung versprochenen neuen Lehrerstellen nur mühsam oder gar nicht besetzt werden, wobei selbst das dortige Schulministerium von einer Versorgungslücke von 5.000 Lehramtsbewerbern allein in den nächsten fünf Jahren ausgehe.
An Berliner Grundschulen fehlen Hunderte von Lehrerinnen und Lehrern, - der Bildungssenator selbst geht von 10.000 Lehrern aus, die in den nächsten 10 Jahren in Berlin ersetzt und neu eingestellt werden müssten.
Aber auch in den neuen Bundesländern wie etwa in Thüringen und Sachsen gibt es zum Teil massiven Unterrichtsausfall und einen fachspezifischen Lehrermangel.
Deutschland steuert auf den dramatischsten Lehrermangel seit Ende der sechziger Jahre zu!, sagte Meidinger.
Grundproblematik: 80.000 fehlende Lehrer bis 2015
Nach aktualisierten Berechnungen des Deutschen Philologenverbandes werden rund 320.000 Lehrerinnen und Lehrer von 785.000 insgesamt in den nächsten zehn Jahren von 2005 bis 2015 aus dem aktiven Dienst ausscheiden, von denen selbst unter der Maßgabe zurückgehender Schülerzahlen mindestens 290.000 ersetzt werden müssen. Damit gehen in diesem Zeitraum aufgrund der ungünstigen Altersstruktur rund 40 Prozent der bundesdeutschen Lehrer in den Ruhestand. Im gleichen Zeitraum werden aber voraussichtlich nur 210.000 Lehramtsbewerber die Hochschulen und die Studienseminare verlassen und auf dem Lehrerarbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
Bedenklich sei, so Heinz-Peter Meidinger, dass nach einem vorübergehenden Anstieg der Studienanfängerzahlen im Lehramt im letzten Jahr ein Einbruch um über 6 Prozent stattgefunden habe. Aber selbst wenn sofort genügend neue Studenten für das Lehramt gewonnen werden könnten, würde eine Deckungslücke von über 80.000 Lehrerinnen und Lehrern in den nächsten 10 Jahren nicht geschlossen werden können, da eine Lehrerausbildung rund 8 Jahre dauere.
Den Landesregierungen warf der DPhV-Vorsitzende in diesem Zusammenhang eklatante Versäumnisse in der Vergangenheit vor:
Die Schuld an dieser Mangelsituation trägt zu einem großen Teil die Politik, die praktisch in keinem Bundesland zu einer vorausschauenden Personalpolitik in der Lage war. Anders als in der freien Wirtschaft ist der Personalbedarf an Schulen von bekannten Zahlengrößen abhängig, die statistisch relativ leicht erfassbar und aussagefähig sind wie etwa die Geburtenentwicklung, die Altersstruktur der Lehrerschaft und die Zahl der Lehramtsstudenten.
Kritik übte Meidinger auch an dem Versuch vieler Landesregierungen, durch mehrmalige Anhebung von Lehrerarbeitszeiten, Erhöhung von Klassenstärken und Unterrichtskürzungen den wahren Lehrerbedarf künstlich zu verschleiern. Doch inzwischen seien diese Stellschrauben restlos ausgereizt.
Die Weigerung der Länder, rechtzeitig neue Lehrer einzustellen, habe überdies dazu geführt, dass noch vor wenigen Jahren Junglehrer mit Prädikatsexamen nicht eingestellt worden seien, während man jetzt z.B. in Bayern bis zur staatlichen Grenznote einstellen müsse.
Unverständlich sei auch, dass eine Reihe von Ländern nach wie vor nicht für den Lehrerberuf werbe bzw. wie etwa das Bundesland Berlin in diesem und dem nächsten Jahr Referendarplätze streiche. Das ist so ziemlich das Verkehrteste, was man in der gegenwärtigen Situation tun kann, betonte der DPhV-Chef.
Neue Bundesländer als Verlierer im Verteilungswettlauf?
Durch den massiven Schülerrückgang in den letzten zehn Jahren scheint sich die Problemlage in den neuen Bundesländern anders darzustellen. Doch zeige die Praxis, so der DPhV, dass der von den dortigen Schulbehörden behauptete rechnerische Lehrerüberhang vor Ort gar nicht bestehe. Dazu komme die massive Abwanderung von Lehrern in die alten Bundesländer, die mit ganzen Beamtenstellen locken. Meidinger prognostizierte: Mit erzwungenen Teilzeitverträgen, fehlender Verbeamtung, nicht vorhandenen Leistungsanreizen wie etwa Beförderungsmöglichkeiten und überhöhten Stundendeputaten werden die neuen Bundesländer in den nächsten zehn Jahren die großen Verlierer des bundesdeutschen Wettlaufs um die noch vorhandenen Lehramtsanwärter sein. Umgekehrt werde aber die Abwanderungsbewegung in die alten Bundesländer keinesfalls ausreichen, dem dortigen Mangel in größerem Umfang abzuhelfen.
Ursachen für das schwindende Interesse am Lehrerberuf
Besorgnis erregend ist die Tatsache, dass zuwenig junge Menschen in Deutschland Lehrer werden wollen. Im Gegensatz zu Finnland, wo 10 Bewerber auf einen Lehramtsstudienplatz kommen, ging das Interesse am Lehrberuf im letzten Jahr sogar noch zurück. Nach Einschätzung des Philologenverbandes können dafür folgende Ursachen benannt werden:
- das schlechte Lehrerimage in Deutschland, bedingt durch mangelnde gesellschaftliche Anerkennung und öffentliche Diskreditierung
- die zunehmende Belastungssituation dieses Berufs, verursacht durch eine übersteigerte Erwartungshaltung der Gesellschaft und eine schwieriger gewordene Schülerschaft
- unzureichende Berufsaussichten und Aufstiegschancen, was insbesondere karriere- und leistungsorientierte junge Erwachsene vom Lehrberuf fernhält
Gegenmaßnahmen: Vorschläge des Deutschen Philologenverbandes
Grundsätzlich und langfristig kann nur eine Steigerung der Attraktivität des Lehrerberufs und eine deutliche Verbesserung seiner Arbeitsbedingungen einen wirksamen Beitrag dazu leisten, dass sich wieder mehr junge Menschen für diesen schönen Beruf entscheiden!, sagte Meidinger.
Eine große Image- und Werbekampagne der Kultusministerkonferenz gemeinsam mit den Lehrergewerkschaften für den Lehrerberuf könne dabei ein wichtiger Baustein sein. Der DPhV-Vorsitzende verwies auch auf den Vorschlag seines Verbandes, endlich eine bundesweite Lehrerstellenbörse einzuführen und die unterschiedlichen Einstellungstermine und modalitäten der einzelnen Bundesländer besser aufeinander abzustimmen, um die Mobilität zu verbessern.
Kurz- und mittelfristig werde man aber um ein ganzes Bündel an Notmaßnahmen nicht herumkommen, um einen massiven Unterrichtsausfall an deutschen Schulen in den nächsten Jahren zu vermeiden. Dabei müsse es nach Auffassung des DPhV das oberste Ziel sein, die Bildungsqualität abzusichern und nicht leichtfertig aufs Spiel zu setzen.
Als solche kurz- und mittelfristig wirksamen Maßnahmen schlägt der Philologenverband vor:
- die Schaffung von Anreizen für einen Studiengangwechsel (z.B. Diplom auf Lehramt) und schnellere Studienabschlüsse (Freischussmöglichkeiten)
- Modelle effektiver und qualitätsorientierter Nachqualifizierung von Seiteneinsteigern
- Programme zur Rückgewinnung früher abgewiesener Lehramtsbewerber, um z.B. voll ausgebildete Lehrerinnen, die in die Hausfrauenrolle gedrängt wurden, wieder schrittweise an die Schulen zurückzuholen
- beurlaubte Lehrkräfte zur Rückkehr animieren, z.B. durch Maßnahmen der gleitenden Wiedereingliederung
- verbesserter Planstellentausch zwischen den Bundesländern (Überhang Ost / Mangel West)
- freiwillige, individualisierte Arbeitszeitkonten
- Sicherung und Erhöhung der Ausbildungskapazitäten an den Universitäten und an den Studienseminaren
- attraktivere Mehrarbeitsvergütungen
- Anwerbung von Lehrern aus dem Ausland (z.B. Österreich)
Gar nichts hält der Philologenverband von dem Versuch, mittels billiger und im Schnellverfahren ausgebildeter Bachelor-Lehrer das Problem in den Griff zu bekommen. Die Professionalität und die hohe Qualifikation der Lehrerbildung muss weiter gewährleistet sein. Ein Bachelor-Lehrer genügt diesen Anforderungen in keiner Weise!, erklärte Meidinger.
Quelle und Kontaktadresse:
Deutscher Philologenverband e.V. im DBB
Eva Hertzfeldt, Pressesprecherin
Friedrichstr. 169-170, 10117 Berlin
Telefon: (030) 40816781, Telefax: (030) 40816788
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