Noch ungenutzte Potenziale am Ausbildungsmarkt
(Köln) - Nach den Sommerferien beginnt wieder für viele junge Leute der Ernst des Lebens wenn sie ihre Lehrstelle antreten. Noch steht nicht fest, wie viele Jugendliche tatsächlich eine Ausbildung starten. Denn so mancher Firmenchef zögert, weil die wirtschaftliche Lage des Betriebs ein Engagement für den Nachwuchs nicht zulässt. Dabei gibt es für die Unternehmen viele gute Gründe, sich in Sachen Ausbildung zu engagieren.
Aus Nürnberg kommen derzeit nicht allzu frohe Botschaften dies gilt nach den jüngsten Daten der Bundesanstalt für Arbeit auch für den Ausbildungsmarkt: Ende Juni 2002 waren 132.000 offene Lehrstellen gemeldet das waren gut 21.000 oder 14 Prozent weniger als im Juni vergangenen Jahres. Die Zahl der registrierten Bewerber ist laut Berufsberatungsstatistik demgegenüber gestiegen, wenn auch nur in geringem Maße: Im Sommer 2002 suchten rund 263.000 junge Leute einen Ausbildungsplatz das waren gut 4.200 bzw. knapp 2 Prozent mehr als vor zwölf Monaten.
Damit droht dieses Jahr auf dem Lehrstellenmarkt erstmals wieder ein Engpass. Im vergangenen Jahr, als es teilweise mehr Stellen als Bewerber gab, hatten junge Leute noch häufig die Qual der Wahl. Keine Frage die Wirtschaftslage schlägt den Personalchefs in den Unternehmen aufs Gemüt, so manche ursprünglich eingeplante Lehrstelle bleibt erst einmal unbesetzt. Gerade für kleine und mittlere Betriebe ist dies ein wichtiger Grund, warum sie nicht im gleichen Umfang für Fachkräfte-Nachwuchs sorgen können wie in früheren Zeiten.
Die Berufsbildungs-Experten müssen also viele Register ziehen, um die Firmen von den Vorzügen der Qualifizierung zu überzeugen. Vor allem Betriebe, die sich bislang in Abstinenz übten, sollten ins Boot geholt werden: Laut Beschäftigtenstatistik der Bundesanstalt für Arbeit bilden hierzulande lediglich 23 Prozent aller Betriebe aus. Dabei wirft sich die Industrie am stärksten ins Zeug rund 37 Prozent der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe sorgen für Fachkräftenachwuchs. Gleich dahinter rangiert das Baugewerbe, wo sich gut jeder dritte Betrieb um einen oder mehrere künftige Poliere oder Maurer kümmert.
Am wenigsten aktiv ist der Dienstleistungssektor dass hier noch nicht einmal jeder fünfte Betrieb einen Azubi beschäftigt, liegt wohl auch daran, dass es in dieser Branche zahlreiche kleine Betriebe gibt, die wegen ihrer geringeren Mitarbeiterzahl keine Ausbildungskapazitäten haben. Vielfach stehen zudem keine geeigneten Berufsbilder und Ausbildungsordnungen zur Verfügung. So bilden größere Betriebe in der Regel im Volumen mehr aus, als dies kleine Unternehmen tun annähernd neun von zehn Firmen, die sich nicht um die Fachkräfte in spe kümmern, haben weniger als zehn Beschäftigte.
Oftmals ist nicht der Mangel am guten Willen das Problem auch die vom Berufsbildungsgesetz festgelegten formalen Gegebenheiten stimmen einfach nicht. So sind für einen geregelten Ausbildungsbetrieb geeignete Räume und die technische Ausstattung nötig, also etwa ein eigener Arbeitsplatz mit Computer. Daneben muss der Betrieb über Mitarbeiter verfügen, die sich fachlich wie pädagogisch eignen, die jungen Leute anzuleiten. Dazu müssen sie die Ausbilder-Eignungsprüfung abgelegt haben.
Insgesamt 59 Prozent der nicht ausbildenden Betriebe erfüllen die Voraussetzungen nicht, um Nachwuchs zu qualifizieren sei es, weil sie keine entsprechenden Ausbilder haben oder das nötige Equipment fehlt. Aber auch Unternehmen, die eigentlich ausbilden dürften, halten sich nach einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung fern die Befragten nannten dafür unterschiedliche Gründe:
Fast zwei Drittel der lehrberechtigten Betriebe, die nicht ausbilden, sind der Meinung, die Azubis sind zu selten im Betrieb. Jeweils weit über die Hälfte nennt als Bremse, dass sie keine qualifizierten Bewerber finden, die Kosten zu hoch sind oder bei der Ausbildung zu viele Vorschriften zum Tragen kommen.
Betriebe, die nicht ausbilden, geben darüber hinaus an, dass keine Zeit da ist, sich um die Azubis zu kümmern bzw. der Betrieb zu spezialisiert ist.
Alles in allem schätzen viele der abstinenten Unternehmen den Aufwand der Lehrlingsausbildung höher ein als den Nutzen, den sie davon erwarten können. Dabei liegen die Vorteile der hauseigenen Nachwuchsschmiede auf der Hand: Die meisten Betriebe, die selbst für Nachwuchs sorgen, finden es sehr gut, dass sie die jungen Leute auf die betrieblichen Anforderungen hin qualifizieren können.
Dass auf diese Weise der Fachkräfte-Nachwuchs sichergestellt ist, ist für 93 Prozent der Ausbildungs-Betriebe ein Argument für das Engagement. Für 74 Prozent der Unternehmen ist auch das Vermeiden hoher Fluktuation ein Pluspunkt weil ein fester Mitarbeiterstamm die Arbeitsabläufe im Griff hat und nicht ständig neue Leute eingewiesen werden müssen. Die Möglichkeit, die Besten nach der Lehre im Betrieb zu behalten, so dass sich das eigene Engagement auszahlt, schätzen 72 Prozent der Unternehmen hoch ein. Die Verbesserung der künftigen Wettbewerbsfähigkeit bewerten 64 Prozent der Betriebe positiv, und immerhin 60 Prozent halten es für wichtig, künftige Fachkräfte für die eigene Branche und Region zu qualifizieren. Immerhin für gut jede zweite Firma spielt auch die Aussicht darauf, den Arbeitskräftebedarf aus dem eigenen Haus decken zu können, eine große Rolle. Etwas weniger als die Hälfte der Betriebe, die ausbilden, betont, dass ein solches Engagement dem Image ihres Hauses gut tut. Doch nicht nur Firmen, die sich ohnehin engagieren, halten die Ausbildungsfahne hoch. Auch diejenigen, die nicht mitmachen, erkennen durchaus die guten Gründe für die Nachwuchsförderung an.
Bei diesen Firmen ließe sich die Bereitschaft, es selbst einmal mit dem Azubi-Training zu versuchen, sicherlich noch steigern. So lohnt es häufig, wenn Ausbildungsberater diejenigen Unternehmen, die sich bisher nicht engagieren, eingehender über mögliche öffentliche Hilfen bei der Einrichtung von Ausbildungsplätzen informieren und auf die Lehrgänge etwa der Kammern zur Erlangung der Ausbilder-Eignung aufmerksam machen.
Allein bei den am Tag des Ausbildungsplatzes am 10. Juni 2002 durchgeführten Vor-Ort-Besuchen haben die Berufsberater mehr als 11.000 zusätzliche Lehrstellen bei den Unternehmen geworben teils noch für dieses, teils für das nächste Jahr. Über 3.000 dieser Ausbildungsplätze konnten bei ostdeutschen Unternehmen und Behörden akquiriert werden. Nicht zuletzt dürfte der eine oder andere Firmenchef vielleicht umdenken, wenn er die Ausbildung nicht allein schultern muss, sondern dies in einem Ausbildungsverbund mit anderen Betrieben geschieht.
Dabei absolvieren die Azubis einzelne Ausbildungsabschnitte in anderen Betrieben oder bei Bildungsträgern. Möglich ist auch, dass ein Leitbetrieb für die Durchführung der gesamten Ausbildung verantwortlich zeichnet, die Ausbildungsverträge abschließt und die phasenweise Ausbildung bei den Partnerbetrieben organisiert. Auch hier können die Berater helfen und solche Firmen-Kooperationen anregen.
Quelle und Kontaktadresse:
Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW)
Gustav-Heinemann-Ufer 84-88
50968 Köln
Telefon: 0221/49811
Telefax: 0221/4981592