Pressemitteilung | Deutscher Philologenverband e.V. (DPhV)
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Philologenverband zur G8-Diskussion: Schluss mit überstürzten Schulreformen ohne Einbeziehung der Betroffenen

(Berlin) - Nach Ansicht des DPhV-Bundesvorsitzenden Heinz-Peter Meidinger rächt es sich jetzt bitter, dass sich die verantwortlichen Politiker seinerzeit bei der überstürzten Einführung der gymnasialen Schulzeitverkürzung über alle Bedenken und Ratschläge der Bildungsfachleute, der eigenen Ministerialverwaltungen und der Lehrer- und Elternverbände hinweggesetzt hätten, um den Forderungen aus der Wirtschaft nach jüngeren Hochschulabsolventen entgegenzukommen.

„Als der Philologenverband damals auf die inhaltlichen, finanziellen und belastungssteigernden Konsequenzen einer Schulzeitverkürzung hingewiesen hat, ist er als ewiger Bedenkenträger abqualifiziert worden. Dabei musste jedem, der etwas von Schule versteht, klar sein, dass die damalige Zukunftsvision der einstigen baden-württembergischen Kultusministerin Schavan, ‚man werde mehr Abiturienten in kürzerer Zeit zu besseren Abschlüssen führen´, eine bloße Illusion bleiben wird“, so der Verbandsvorsitzende. Er fügte hinzu, er wundere sich, dass heute oft dieselben Politiker, Manager und auch manche Elternvertreter, die vor der Einführung der Schulzeitverkürzung über den angeblichen Leerlauf am Gymnasium gespottet hätten, nunmehr über den angeblich unzumutbaren Schulstress am G 8 jammerten!

Warnung vor Reformschnellschüssen auf Kosten der Qualität

Unverständnis äußerte Meidinger gegenüber Ankündigungen, die gymnasialen Lehrpläne nochmals „gründlich zu entrümpeln“. Er betonte: „Von Ausnahmen abgesehen gibt es in den Lehrplänen kaum mehr Streichungsmöglichkeiten, aber auch Stundentafelkürzungen wären kontraproduktiv. Der Umfang des verlangten Grundwortschatzes in den Fremdsprachen ist so gering wie noch nie in der Nachkriegsgeschichte, in manchen Bundesländern sogar geringer als an Realschulen – in einzelnen Ländern hören die Schüler in Geschichte nichts mehr über den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und die US-Unabhängigkeitserklärung, und auch Differenzialgleichungen sind aus vielen Lehrplänen herausgeflogen. Drei Wochenstunden in Mathematik oder einer Fremdsprache, wie sie im G 8 von München bis Rostock und von Bonn bis Leipzig in der Mittelstufe üblich sind, machen es Schülern und Lehrern jetzt schon schwer, deutliche Lernfortschritte zu erzielen. Wir dürfen nicht vergessen, dass mit rund 9.500 Vollzeitstunden in fast keinem anderen OECD-Land so wenig Unterrichtsstunden bis zum Abitur erteilt werden wie in Deutschland. In Frankreich und England sind es über 11.500! Bereits durch die Einführung von G 8 sind in allen alten Bundesländern zwischen 12 und 20 Jahreswochenstunden ersatzlos weggefallen. Eine weitere Aufweichung der bestehenden 265-Stundenregelung bis zum Abitur wäre ein Armutszeugnis und ein qualitativer Offenbarungseid der Kultusminister!“

Der DPhV-Vorsitzende wies darauf hin, dass deutsche Abiturienten sich in einem globalen Bildungswettbewerb befänden, so dass sich „provinzielle Lösungen“ auf Kosten der Abiturqualität von vornherein verbieten. „Weitere Stoffkürzungen gefährden die Studierfähigkeit, die angesichts hoher Studienabbruchquoten eher gestärkt als geschwächt werden muss“, fuhr Meidinger fort. Er bezeichnete die Ankündigungen einzelner Landespolitiker als Ausdruck von Hilflosigkeit, über Stoffdichte zu klagen und gleichzeitig weitere Stundenkürzungen anzukündigen: „Wer Unterrichtsstunden kürzt, verdichtet den Stoff anstatt ihn zu entzerren.“

Das G 8 endlich mit dem zusätzlichen Betreuungspersonal ausstatten, das seine Schüler brauchen

Im Grunde genommen gebe es nach Ansicht des Deutschen Philologenverbandes nur zwei befriedigende Lösungen, um das Gymnasium wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bekommen, so Meidinger: „Entweder entschließt sich die Politik, in einem zugegebenermaßen großen finanziellen Kraftakt in allen Bundesländern, die Gymnasien mit dem zusätzlichen Betreuungspersonal auszustatten, welches diese für die Integration von Hausaufgaben, Förderkursen, Wahlangeboten und Betreuungszeiten in einen neu rhythmisierten stressfreien Schulalltag brauchen und das auch in allen Nachbarländern mit Ganztagsunterricht üblich ist, oder wir kehren zurück zur neunjährigen Form des Gymnasiums, die sich jahrzehntelang hervorragend bewährt hat.“ Um ein neuerliches Reformchaos an den Schulen zu vermeiden, setze er als Verbandsvorsitzender vor allem auf die erste Lösung. Sinnvoll könne es aber auch sein, wenn der Staat im Zuge einer stärkeren Eigenverantwortlichkeit der Schulen diesen das Recht einräume, sich für die achtjährige oder für die neunjährige Form des Gymnasiums unter Einbeziehung aller Betroffenen frei entscheiden zu können.

„Jede Landesregierung, die meint, die bestehenden G8-Probleme mit Stoffkürzungen, Stundenstreichungen oder kosmetischen Korrekturen lösen zu können, befindet sich in einem großen Irrtum. Qualitätsabstriche beim Abitur würden letztendlich die Schüler selbst ausbaden müssen, wenn sie mit ihrem Abi light an den Universitäten chancenlos dastehen. Die Lehre aus der verbockten G8-Reform muss lauten: Keine Schulreformen mehr ohne Einbeziehung der Betroffenen. Das gilt auch für die anstehenden Nachbesserungen!“, stellte der DPhV-Vorsitzende fest.

Quelle und Kontaktadresse:
Deutscher Philologenverband e.V. im DBB Eva Hertzfeldt, Pressesprecherin Friedrichstr. 169-170, 10117 Berlin Telefon: (030) 40816781, Telefax: (030) 40816788

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