Schwächen im Regelwerk zu Secondhand bestätigt
(Bonn) - Eine neue SWR-Recherche belegt SÜDWIND-Position: Der Secondhand-Boom allein ist kein Heilsbringer für die Modebranche. Umfassende politische Regulierung ist dringend nötig.
Aktuelle Investigativ-Recherchen des SWR zeigen: Der wachsende Secondhand-Markt für Kleidung ist kein Garant für mehr Nachhaltigkeit oder soziale Gerechtigkeit. Die Recherche mit versteckten Bluetooth-Trackern legt offen: Kleidung landete nach der Abgabe an die Online-Plattform Sellpy (H&M Group) in Ländern wie Indien oder Pakistan. Für diese Länder ist die Praxis des Verbrennens der Kleidung sowie Menschenrechtsverletzungen im Recycling bekannt. Nur ein Bruchteil der abgegebenen Kleidung wird tatsächlich wieder getragen. Viele Stücke landen in globalen Altkleiderströmen und legen eine absurd hohe Kilometerzahl allein schon im Transport zurück.
Die Ergebnisse unterstreichen die Relevanz der aktuellen Veröffentlichungen des SÜDWIND-Instituts zum Sektor.
Secondhand verlängert Lebensdauer – spiegelt aber aktuell zugleich die systemischen Probleme wider.
„Secondhand allein sorgt nicht dafür, dass die Modeindustrie zirkulär, nachhaltiger oder gerechter gestaltet ist“, betont das SÜDWIND-Institut in einem aktuellen Diskussionspapier, welches den Secondhand-Boom umfassend analysiert. Dabei werden auch Anbieter wie Momox oder Vinted in den Blick genommen. Zwar verlängert der Weiterverkauf die Nutzungsdauer von Kleidung, doch ohne eine Reduktion der Überproduktion und ohne Maßnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen entlang der Wertschöpfungskette bleibt der Effekt begrenzt.
Die Ideen hinter dem Konzept der Kreislaufwirtschaft führen bisher nicht zum gewünschten Ergebnis. Durch die neue Recherche erhärtet sich der Verdacht, dass sogar das Gegenteil vom Erwünschten eintreten kann: Der Sektor reagiert auf neue Regeln wie das Vernichtungsverbot unverkaufter Ware, das in Deutschland ab Juli 2026 greift, offenbar mit neuen ausbeuterischen und klima- und umweltschädlichen Geschäftspraktiken.
Politische Halbherzigkeit ist keine Option
Die Bundesregierung plant zusätzlich ein neues Textilgesetz, das Hersteller und Handel stärker an Entsorgungs- und Recyclingkosten beteiligen soll. Doch ohne eine ganzheitliche Ausgestaltung drohen die Maßnahmen zu Symbolpolitik zu verkommen. „Die Bundesregierung muss konsequent handeln und auch die Gefahr der Menschenrechtsverstöße mitdenken, sonst führt das Gesetz zu weiterer Ausbeutung und Umweltzerstörung“, warnt Dr. Jiska Gojowczyk vom SÜDWIND-Institut. Notwendig sind Maßnahmen
• die Überproduktion und Fast Fashion unattraktiv machen,
• Hersteller und Handel für die sozialen und ökologischen Folgen ihrer Geschäftsmodelle spürbar in die Verantwortung nehmen,
• Transparenz für alle Stufen einfordern und
• Mitsprachemöglichkeiten für ausgegrenzte Interessengruppen in Produktions- und Altkleider-Importländern schaffen.
Dr. Jiska Gojowczyk fordert außerdem:
„Secondhand ist kein Freifahrtschein. Wir brauchen weniger, aber besser produzierte Kleidung – und politisch eine klare Lenkungswirkung hin zu mehr globaler Gerechtigkeit. Sonst werden die Kosten neuer Anforderungen einfach wie gehabt auf Natur und Menschen weltweit ausgelagert.
Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie mit dem Entwurf eines Textilgesetzes im Sommer eine gut durchdachte Grundlage für einen gerechten Umbau der Modeindustrie schafft.“
Quelle und Kontaktadresse:
SÜDWIND e.V. – Institut für Ökonomie und Ökumene, Kaiserstr. 201, 53113 Bonn, Telefon: 0228-763698-14
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