Pressemitteilung | Deutsches Komitee für UNICEF e.V.

UNICEF-Jahresbericht "Zur Situation der Kinder in der Welt 2004": 121 Millionen Kinder gehen nicht zur Schule / Die Mehrzahl sind Mädchen

(Köln) - Armut, Ausbeutung und AIDS können nach Einschätzung von UNICEF nur wirksam bekämpft werden, wenn endlich alle Kinder zur Schule gehen können. Anlässlich der Vorstellung seines Jahresberichts „Zur Situation der Kinder in der Welt 2004“ fordert UNICEF die Regierungen in Entwicklungs- und Industrieländern zu massiven Investitionen in die Grundbildung auf. UNICEF will bis zum Jahr 2005 insbesondere die anhaltende Benachteiligung der Mädchen beim Schulbesuch beenden.

Nach neuesten Schätzungen von UNICEF gehen weltweit 121 Millionen Kinder im Grundschulalter nicht zur Schule – 65 Millionen davon sind Mädchen. Dies bedeutet, dass jedes fünfte Mädchen im Grundschulalter keine Chance hat, Lesen und Schreiben zu lernen. Diese Mädchen sind besonders von Armut, Gewalt und Kinderarbeit bedroht. Sie werden früh verheiratet, sterben häufiger an frühen Schwangerschaften und haben ein erhöhtes AIDS-Risiko. 83 Prozent der Mädchen, die nicht zur Schule gehen, leben in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara Afrika und in Asien.

„Bis heute werden Mädchen als Letzte eingeschult und müssen als Erste die Schule wieder verlassen“, sagte UNICEF-Botschafterin Sabine Christiansen bei der Vorstellung des Berichts in Berlin. „Bildung für alle ist Armutsbekämpfung.“

„Mädchenbildung ist die ertragreichste Investition in die Entwicklung der Kinder und der Gesellschaft“, erklärte Mehr Khan, UNICEF Regionaldirektorin für Südostasien zu diesem Anlass. „Doch trotz vollmundiger Versprechen stellen Regierungen in Nord und Süd immer weniger Geld hierfür bereit.“

Nach neuesten Schätzungen von UNICEF gehen weltweit 65 Millionen Mädchen und 56 Millionen Jungen im Grundschulalter nicht zur Schule. Dabei gibt es große regionale Unterschiede. In Südasien beträgt die Kluft zwischen den Einschulungsraten von Mädchen und Jungen 15 Prozentpunkte. Allein im südlichen Afrika stieg ihre Zahl von 20 Millionen (1990) auf 24 Millionen (2002). Mädchen werden nicht nur seltener eingeschult, sondern brechen auch häufiger die Schule ab als Jungen.

Warum sind Mädchen beim Schulbesuch benachteiligt?

Hauptursachen für die anhaltende geschlechtsspezifische Bildungsmisere sind der niedrige Status von Mädchen und die wachsende Armut. Wenn Familien sich die Schulgebühren nicht mehr leisten können, müssen als Erste die Mädchen zu Hause bleiben. In mehr als 100 Ländern werden Schulgebühren erhoben, die oft ein Vielfaches des monatlichen Grundeinkommens armer Familien betragen. Hinzu kommen meist noch Kosten für Schuluniformen, Bücher und Prüfungen.

Unwissen kann tödlich sein

Die Benachteiligung der Mädchen beim Zugang zu Bildung kann sich tödlich auswirken. Mehr als zwei Drittel der 15-24jährigen Mädchen in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara wissen bis heute nicht, wie sie sich vor AIDS schützen können und stecken sich deshalb häufiger und früher an als ihre männlichen Altersgenossen. In Äthiopien, Malawi, Tansania, Sambia und Simbabwe ist der Anteil der neu infizierten Mädchen und jungen Frauen fünf bis sechsmal so hoch wie bei männlichen Heranwachsenden.

Mädchenbildung – die ertragreichste Investition

Der UNICEF-Bericht unterstreicht, dass keine andere Investition so weit reichende Auswirkungen für die gesamte Gesellschaft hat wie die Förderung der Mädchenbildung. So sinkt die Kindersterblichkeit mit jedem zusätzlichen Schuljahr der Mutter um bis zu zehn Prozent. Je höher der Bildungsgrad der Mutter, desto besser werden auch ihre Kinder ausgebildet. Bildung ist zudem das beste Verhütungsmittel: Frauen, die zur Schule gegangen sind, heiraten in der Regel später, bekommen weniger Kinder und können besser für sie sorgen. Gebildete Mädchen und Frauen können sich auch besser vor Ausbeutung, Misshandlung und AIDS schützen.

Der UNICEF-Bericht kritisiert das mangelnde Engagement der Regierungen in Nord und Süd für die Grundbildung. Nur acht Entwicklungsländer investieren mehr als 20 Prozent ihrer Haushalte in Bildung. Indien beispielsweise gibt drei Prozent seines Budgets für Bildung und 16 Prozent für Verteidigung aus; in Pakistan liegt das Verhältnis bei 1 Prozent zu 18 Prozent. Und auch die Entwicklungshilfe der Industrieländer für Grundbildung bleibt weit hinter den Ankündigungen zurück. Sie lag im Jahr 2000 bei weltweit 3,5 Milliarden Dollar – 30 Prozent niedriger als zehn Jahre zuvor.

Was sich ändern muss

Ressourcen verlagern: Damit bis zum Jahr 2015 alle Mädchen und Jungen zur Schule gehen können, müssen insgesamt rund 60 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe mobilisiert werden. Zum Vergleich: Die weltweiten Rüstungsausgaben lagen allein im Jahr 2002 bei fast 800 Milliarden Dollar. Gleichzeitig müssen die Regierungen der Entwicklungsländer selbst mehr in Grundbildung investieren.

Schulgebühren abschaffen: Die Abschaffung der Schulgebühren würde in kurzer Zeit Millionen Kindern den Schulbesuch ermöglichen. Das belegt die jüngste Erfahrung in Kenia: Dort meldeten sich nach der entsprechenden Entscheidung Anfang 2003 über 1,5 Millionen Kinder zusätzlich in den Schulen an.

Schulen kindgerecht machen: Für Mädchen und Jungen müssen Schulen sichere Orte sein, in denen sie vor Gewalt und Missbrauch geschützt sind. Deshalb sind getrennte sanitäre Einrichtungen für Mädchen wichtig, insbesondere mit Beginn der Pubertät. Schulen müssen in der Nähe der Wohnorte liegen, um lange und gefährliche Wege zu vermeiden. Lehrer und Lernmaterial dürfen keine geschlechtsspezifische Klischees vermitteln, sondern müssen auch Mädchen ermutigen, ihr Leben selbst zu gestalten.

Quelle und Kontaktadresse:
Deutsches Komitee für UNICEF e.V. Höninger Weg 104, 50969 Köln Telefon: 0221/936500, Telefax: 0221/93650279

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