Verbändereport AUSGABE 7 / 2011

Gemeinsam zum Erfolg

In einem breiten partizipativen Prozess hat sich der Deutsche Hebammenverband ein Leitbild erarbeitet.

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Nach fast 2 Jahren Entwicklungsarbeit war es im November letzten Jahres so weit: Der Deutsche Hebammenverband (DHV) hat nun ein Leitbild. Ohne viel Diskussion stimmte auf der Bundesdelegierten-Tagung eine überwältigende Mehrheit dafür. Doch dieser Erfolg kam nicht über Nacht, sondern war (auch) das Ergebnis eines sehr systematischen Erarbeitungsprozesses. Wieder einmal zeigte sich, dass eine frühzeitige und breite Beteiligung der Mitglieder zwar zunächst Arbeit und Zeit kostet, doch dass dieser Aufwand sich lohnt.

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) ist der größte Berufsverband der angestellten und freiberuflichen Hebammen und hat eine über 120-jährige Tradition. Er ist ein Bundesverband und setzt sich aus 16 Landesverbänden zusammen. In ihm sind freiberufliche und angestellte Hebammen, Lehrerinnen für Hebammenwesen, Familienhebammen sowie Hebammenschülerinnen und Studierende vertreten. Dank seiner erfolgreichen Arbeit konnte er seine Mitgliederzahl seit seiner Gründung von 300 auf gegenwärtig ca. 17.300 steigern. Damit wuchsen auch seine Aufgaben, die von der Interessenvertretung über Weiterbildungen bis zur individuellen Fach- und Rechtsberatung reichen.

Eine Reihe von Punkten machte die Erarbeitung eines Leitbildes als ein langfristiges Führungsinstrument für den DHV notwendig:

Wie eben geschildert, war es gerade die positive Entwicklung des Verbandes mit seinem Mitglieder- und Aufgabenwachstum sowie seiner immer stärkeren strukturellen Ausdifferenzierung und den damit verbundenen Interessengegensätzen, die eine gemeinsam getragene Zielperspektive notwendig machten.

Auch der gewaltige Umbruch in der Gesundheitspolitik sprach für eine langfristige Orientierung, die den laufenden Einzelentscheidungen eine klare Richtung gibt. Alle Verbände, eben auch der Deutsche Hebammenverband, stehen unter immer stärkerem Druck durch sich verändernde Bedingungen in ihrer Umgebung und müssen auf sich immer schneller ändernde Trends reagieren. Die Herausforderungen, denen die Hebammen in den nächsten zehn Jahren gegenüberstehen werden, sind groß: Veränderungen im Gesundheitswesen, in der Finanzierung, in der Ausbildung, in den fachlichen Anforderungen und in der Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen seien beispielhaft genannt.

Auch die Verbandslandschaft ändert sich, die Konkurrenz untereinander nimmt zu.

Handlungsdruck entstand  überdies durch ethische Debatten in der Gesellschaft, die Einfluss haben auf die Erwartungen der Frauen und deren Partner an eine „gute“ Geburt.

Die Auseinandersetzung mit diesen verschiedenen Aspekten spiegelte sich später auch in der Gliederung des Leitbildes wider. Ein im Rahmen des Leitbildprozesses sehr wichtiger mitdiskutierter und verabschiedeter Teil waren auch die Grundsätze einer Ethik für Hebammen. (Abbildung. 1 zeigt die jeweiligen Kapitelüberschriften.)

Breite Beteiligung, professionelle Begleitung

Den Startschuss bildete ein Präsidiumsbeschluss zur Erarbeitung eines Leitbildes für den DHV, d. h. für den Bundesverband und seine 16 Landesverbände Anfang 2009. Als erfahrener externer Partner wurde die B’VM Beratergruppe für Verbands-Management mit der Projektbegleitung beauftragt. Ein wesentlicher Anspruch des Projektes war es, den Prozess so zu gestalten, dass die vorhandene Vielfalt von Positionen und Interesse soweit irgend möglich, zusammengeführt und integriert werden kann, dass der starken Diskussionsfreudigkeit der Delegierten und Mitglieder Rechnung getragen und dass gleichzeitig sichergestellt wird, dass der Prozess in einem vernünftigen Zeitrahmen endet.

Zur Verwirklichung dieses Weges galt es, eine passende Projektstruktur zu entwerfen. Die Berater haben folgende Elemente dazu vorgeschlagen:

Einrichtung einer repräsentativ zusammengesetzten Projektgruppe zur Feinsteuerung des Prozesses und zur Erarbeitung des Leitbildes selbst.

Start des Projektes mit einer umfangreichen Analysephase zu den Stärken und Schwächen des Verbandes sowie zu den Chancen und Risiken zukünftiger Entwicklungen im Umfeld.

Breite Beteiligung der Landesverbände, der Organe und Gremien sowie der Mitglieder in mehreren Anhörungs- und nachfolgenden Überarbeitungsrunden.

Kontinuierliche Information zu Inhalten und Stand des Projektes mit unterschiedlichen Medien.

Die Projektgruppe

Die Einrichtung der heterogen zusammengesetzten Projektgruppe mit acht Teilnehmerinnen plus Berater, die den Hauptteil der inhaltlichen Arbeit leistete, hat sich im Laufe des Prozesses sehr bewährt:

Know-how und Sichtweisen aus den unterschiedlichsten Bereichen und Ebenen des Verbandes flossen ein: aus dem Bund und den Ländern, von angestellten und freiberuflichen Hebammen, von der Schülerinnen bis zu Hebammen mit langjähriger Erfahrung.

Durch die externe Moderation konnten auch kontroverse Debatten konstruktiv geführt und dann in prägnante, für alle Beteiligten stimmige Formulierungen umgesetzt werden.

Die Projektgruppe besaß quasi in der Gegenrichtung eine Multiplikatorenfunktion: Die Projektgruppenmitglieder trugen während der zweijährigen Arbeitsphase die neuesten Informationen an den verschiedensten Stellen in den Verband hinein und warben damit dafür. Gleichzeitig gaben sie wieder Feedback in die Projektgruppe hinein.

Durch die systematische Teilnahme möglichst vieler Projektgruppenmitglieder an den verschiedenen Veranstaltungen in der Anhörungsphase entstand ein echter Dialog und die Rückmeldungen konnten direkt in die Überarbeitung einfließen.

Die Projektgruppe selbst verantwortete auch die Gestaltung der Kommunikation zu den Mitgliedern. Sie stimmte jeweils Zeitpunkt und Inhalte ab und so erschienen u. a. während des Prozesses insgesamt drei Artikel in der Mitgliederzeitung „Hebammenforum“. In ihnen wurde nicht nur Sinn und Zweck eines Leitbildes, die inhaltliche Arbeit, sondern auch der Prozessablauf kontinuierlich dargestellt.

Analysephase: Stärken und Schwächen, Chancen und Gefahren

Um Ziele und Perspektiven des DHV für die nächsten fünf bis zehn Jahre entwickeln zu können, war es notwendig, zunächst die aktuellen Stärken und Schwächen des Verbandes selbst zu analysieren und daraus Veränderungsbedarf abzuleiten.

Ein zweiter wichtiger Analyseschritt war die Auseinandersetzung mit den zukünftigen Herausforderungen für die Mitglieder des Verbandes, also die Hebammen selbst. Zwei Fragen standen dabei im Mittelpunkt:

Welches sind die wichtigsten Trends der nächsten fünf bis zehn Jahre im Umfeld der Verbandsmitglieder, mit denen sich die Hebammen zukünftig auseinandersetzen müssen?

  • Trends im Gesundheitssystem und der Entwicklung des Berufsbildes der Hebammen
  • Trends in der Ausbildung und in der Qualitätssicherung
  • Trends zu zukünftigen Arbeitsfeldern und deren Finanzierung
  • Zukünftige Erwartungen von Frauen und deren Partner an eine gute Geburt
  • Trends im Markt: Nachfrage, Konkurrenz untereinander und zu anderen Berufsgruppen

Welche Herausforderungen ergeben sich dadurch für den Verband? Wo liegen die Chancen und Risiken der Verbandsentwicklung in den nächsten Jahren?

Beide Analysen wurden zunächst im Präsidium und dann im Hauptausschuss als dem zentralen Verbands-Organ zwischen den Delegiertenversammlungen in wechselnden Untergruppen diskutiert und miteinander abgestimmt.

Erster Leitbildentwurf und erste Anhörungsrunde

Die Ergebnisse der Analysephase bildeten die Basis für die inhaltliche Arbeit der Projektgruppe von Mai bis August 2009, in denen der erste Leitbildentwurf erarbeitet wurde.

Im Herbst 2009 startete dann die breite Diskussions- und Anhörungsrunde, die sich durch eine sehr detaillierte Erfassung aller Diskussionsergebnisse und eine Vielfalt der Beteiligungsmöglichkeiten auszeichnete:Für die Organe und Gremien:

  • Information und Diskussionsangebote für und in den 16 Landesverbänden
  • Diskussion und Feedback im Präsidium, im Hauptausschuss und auf der Bundesdelegiertentagung

Für die Mitglieder:

Einrichtung eines Internetforums auf der Homepage des Hebammenverbandes

Durchführung einer Mitgliederumfrage über das „Hebammenforum“, in dem der Leitbildentwurf mit Rückmeldemöglichkeit zu jeder einzelnen Aussage eingelegt war.

Die Diskussion in den Gremien wurde zum Teil sehr heftig geführt. Es gab viele Änderungsvorschläge und dadurch auch wirklich neue überzeugende Perspektiven, die anschließend in der Projektgruppe verarbeitet werden mussten. Die Beteiligung der Mitglieder hat unsere Erwartungen allerdings nicht erfüllt. Nur knapp 200 Hebammen haben den Fragebogen ausgefüllt.

Zweiter Leitbildentwurf und zweite Anhörungsrunde

B’VM übernahm die Auswertungsarbeit der verschiedenen Umfragen und Anhörungen und spielte die konzentrierten Ergebnisse in die Projektgruppen-Arbeit ein.

Dank dieser Unterstützung lagen die wichtigsten Informationen auf dem Tisch und die Gruppe hat im Winter 2009/2010 den zweiten Leitbildentwurf verfasst und dem Präsidium vorgestellt. Auch der Hauptausschuss befasste sich mit dem zweiten Entwurf und diskutierte Inhalte und Formulierungen. Der Änderungsbedarf war jedoch schon deutlich geringer als beim ersten Durchgang.

Um die direkte Beteiligung der Mitglieder zu steigern, haben wir den großen Hebammen-Kongress des DHV im Frühjahr 2010 genutzt, um über Plakate und in einer speziellen Kongress-Lounge über das Leitbild zu informieren. In die Kongressunterlagen wurde dann noch die aktuelle Version des Leitbildes wieder als Fragebogen mit eingefügt, der immerhin von 400 Hebammen ausgefüllt wurde. Die Zustimmung war jetzt schon zu fast allen Aussagen sehr hoch.

Der dritte Entwurf und der Beschluss

Die gewonnenen Informationen wurden wiederum aufbereitet und verdichtet in die Projektgruppe eingespeist und der dritte Entwurf konnte ausgearbeitet werden. Danach hatten die Landesvorstände noch einmal die Möglichkeit zur schriftlichen Rückmeldung. Aber hier zeigte sich bereits der positive Effekt der bisher geschilderten umfangreichen Beteiligung: Es gab fast keine Änderungsvorschläge mehr. Und genau derselbe Effekt zeigte sich, wie eingangs angesprochen, beim endgültigen Leitbild-Beschluss auf der Bundesdelegierten-Tagung 2010: Das allen schon bekannte, vielfach optimierte und deshalb akzeptierte Leitbild wurde rasch und ohne Disput beschlossen.

Abbildung 2 zeigt exemplarisch die verschiedenen Instrumente und Gremien der partizipativ angelegten Leitbild-Erarbeitung. Sie alle waren darauf ausgerichtet, einen erfolgreichen Beschluss auf der Bundesdelegierten-Tagung (BDT) Ende 2010 in Bremen zu erhalten, und steigerten deshalb im Laufe des Prozesses kontinuierlich Zustimmung und Akzeptanz.

Die Umsetzung

Das neue Leitbild ist für den DHV die prägende Positionierung nach innen und außen. Er kann jetzt deutlich machen, wofür der Verband und seine Mitglieder stehen, und er hat mit dem Leitbild gute Hintergrund-Materialien für Kampagnen, Pressearbeit und Interessenvertretung. Alle Mitglieder wissen, was sie verbindet und was die Gemeinschaft der Hebammen im DHV auszeichnet. Das Leitbild „schafft“ damit auch Identität und Gemeinschaftsgefühl.

Das Leitbild gibt allen Entscheidungsträgerinnen im Verband klare Zielperspektiven. Sie sind dabei, diese umzusetzen und zu konkretisieren: in einer Jahreszieleplanung, in der Weiterentwicklung der Strukturen und des Leistungsangebotes.

Die Grundsätze einer Ethik für Hebammen sind für das Image und die gesellschaftliche Akzeptanz von Hebammen von herausragender Bedeutung. Der DHV will möglichst viele seiner Mitglieder dafür gewinnen, ihr Verhalten daran auszurichten.           

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Autor

Claus Philippi

war Partner der B’VM|Beratergruppe für Verbandsmanagement. Bern. Linz. Stuttgart. Berlin. Als langjähriger Experte in der Verbandsberatung waren seine Schwerpunkte Mitgliederbefragungen, Leitbild- und Strategieentwicklung, Schnittstelle von Haupt- und Ehrenamt, Konfliktmanagement und die Begleitung bei komplexen Reorganisationsprozessen. Ende 2018 ist er aus dem aktiven Berufsleben ausgeschieden.

http://www.bvmberatung.net

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