Verbändereport AUSGABE 2 / 2024

Neuer Name an der Tür

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Wer die Verbändewelt aufmerksam verfolgt, stellt fest, dass aktuell vieles in Bewegung ist – es gibt Fusionen, Allianzen und Neugründungen. Aber auch zeitgemäße Verbands­namen und neue Markenauftritte zeigen ein verändertes Selbstverständnis. Der Verbändereport hat einige Verbände befragt, welche Vorteile sie in ihrer Umbenennung sehen, woher die Initiative kam und wie man die Mitglieder in den Prozess einbindet.    

Neuer Name für mehr Vielfalt

Der Name ist wesentlicher Bestandteil der Verbandsidentität und zeigt in der Regel, wen man repräsentiert. Aus diesem Grund wurde im letzten Jahr z. B. aus dem Deutschen Hausärzteverband der Hausärztinnen- und Hausärzteverband. Rund 50 Prozent der in der hausärztlichen Versorgung Tätigen sind weiblich und auch im Verband sind Frauen in den vergangenen Jahren deutlich sichtbarer geworden: Der Bundesvorstand ist paritätisch besetzt, in vielen Landesverbänden sind Hausärztinnen an der Spitze. Auch wenn der Verband seit jeher gleichberechtigt die Interessen der Hausärztinnen und Hausärzte vertrete, sei es „ein richtiges und wichtiges Signal an unsere Mitglieder und die Öffentlichkeit, dass sich dies künftig auch im Namen widerspiegelt“, so Prof. Nicola Buhlinger-Göpfarth, erste stellvertretende Bundesvorsitzende. Der Zusatz „Deutscher“ fiel weg, um einerseits den Wiedererkennungswert zu schärfen und andererseits das „explizite Selbstbewusstsein“ des Verbandes zu unterstreichen, erklärte Bundesvorsitzender Dr. Markus Beier: Es sei klar, dass es neben dem Hausärztinnen- und Hausärzteverband keinen anderen gebe, sodass es diese Konkretisierung nicht brauche.

Ähnliche Überlegungen gab es auch beim Deutschen Musikverleger-Verband (DMV), aus dem der DMV – Verband Deutscher Musikverlage wurde. „Musikverleger ist eine Berufsbezeichnung in der männlichen Form. Nun haben wir auch zahlreiche Musikverlegerinnen im DMV und es war weniger eine Frage nach dem OB als eine Frage nach dem WANN und WIE. Den DMV gibt es seit 1829, er ist nach dem Börsenverein des deutschen Buchhandels der zweitälteste Berufsverband in Deutschland. In dieser fast 200-jährigen Geschichte des Verbandes ist es nicht die erste Namensänderung, aber sicher die, die am demokratischsten entstanden ist. Die Änderung, die von der Idee zur Umsetzung über zwei Jahre brauchte, ist mehr als nur eine formale Anpassung; sie ist ein Ausdruck unserer Werte und unseres Engagements für Gleichberechtigung und Vielfalt in unserer Branche“, meint Birgit Böcher, Geschäftsführerin des DMV.

Seit April 2024 ist der Verband Christlicher Pfadfinder*innen ganz offiziell mit seinem neuen Namen im Vereinsregister eingetragen. „Mit der Änderung unseres Namens versuchen wir Menschen im sprachlichen Ausdruck Sichtbarkeit zu verleihen, die sich nicht als Pfadfinder oder Pfadfinderin identifizieren. Die Namensänderung ändert dabei nichts an unserer Arbeit. Es ist auch eine politische Entscheidung. Wir zeigen so nach außen deutlich: Bei uns sind alle herzlich willkommen und sollen alle einen sicheren Raum finden“, erklärt Johanna Mixsa aus der Bundesleitung des Verbands.

Neuer Name zur Profilschärfung

Diese Liste von Namensänderungen in Verbänden, mit dem Ziel, mehr Gerechtigkeit und Vielfalt zu zeigen, ließe sich noch lang fortführen. Einige weitere Beispiele: Aus dem „Bundesverband Deutscher Unternehmensberater“ wurde der „Bundesverband Deutscher Unternehmensberatungen“. Der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland, LSVD, hat sich vor Kurzem in „LSVD+ – Verband Queere Vielfalt“ umbenannt. Der bdia heißt seit 2023 „bdia bund deutscher innenarchitektinnen und innenarchitekten e. V.“ usw. Etliche Verbände berichten, dass sie von einem solchen Namenswechsel profitiert haben.

Andere Verbände zielen mit der Änderung des Namens darauf ab, ihr Profil zu schärfen. Zu diesem Zweck hat etwa der DWV Anfang 2024 seinen Namen gekürzt. Statt Deutscher Wasserstoff- und Brennstoffzellen-Verband e. V. heißt er jetzt – wieder – Deutscher Wasserstoff-Verband (DWV) e. V., nachdem er im Jahr 1996 exakt mit diesem Namen gegründet, aber später umbenannt worden war. Nach eigener Aussage belegt der Verein mit der Namensanpassung „seine Technologieoffenheit und die Diversität unter den Mitgliedsunternehmen“.

Der Deutsche Derivate Verband hat 15 Jahre nach seiner Gründung den Begriff „Derivate“ aus dem Namen gestrichen. „Mit der Umbenennung von Deutscher Derivate Verband (DDV) in Bundesverband für strukturierte Wertpapiere (BSW) präzisieren wir, wofür der Verband steht: für die Interessenvertretung und das Produktangebot von strukturierten Wertpapieren für private Anlegerinnen und Anleger und generell für die Förderung der Wertpapierkultur. Wir ersetzen mit dem neuen Namen die technische Bezeichnung Derivate und nehmen jetzt nicht mehr Bezug auf die Bausteine unserer Produkte, sondern referieren auf die bekannten positiven Eigenschaften von Wertpapieren“, erklärt Christian Vollmuth, Geschäftsführender Vorstand, die neue Verbandsbezeichnung.

Bei der angestrebten Profilschärfung helfen soll auch der neue Name des BWVL Bundesverband für Eigenlogistik & Verlader e. V. – vormals BWVL Bundesverband Wirtschaft, Verkehr und Logistik. Laut Hauptgeschäftsführer Markus Olligschläger sind „mit dem neuen Namen nun das Alleinstellungsmerkmal und die ‚Verbands-DNA‘ des BWVL greifbarer – seit seiner Gründung 1955 vertritt der BWVL die Interessen von Unternehmen, die ihre Logistik, insbesondere den Transport, vor allem im Werkverkehr als ‚eigene‘ betreiben oder in ihrer Eigenschaft als Verlader vollumfänglich oder teilweise an Logistikdienstleister outsourcen“.

Wer ergreift die Initiative?

Bei den Hausärzten kam der Anstoß zum neuen Namen von den Mitgliedern. Die Delegierten beauftragten den geschäftsführenden Vorstand damit, Vorschläge für eine entsprechende Namensänderung zu erarbeiten.

Auch bei den Pfadfinder*innen wurde der Antrag von einem Mitglied im Jahr 2022 an die Bundesversammlung gestellt und dann vom gesamten Verband beschlossen. Allerdings hat der Prozess der Namensänderung rund zwei Jahre gedauert. „In dem Jahr (der Antragstellung) war die Bundesversammlung noch nicht bereit, die Entscheidung zu treffen, und hat diese auf das kommende Jahr verschoben. So sollte genug Zeit sein, dass alle Länder über ihre Gremien die Ortsebene und unsere Mitglieder mitnehmen können und diese sich nicht übergangen fühlen. Auf der Bundesversammlung 2023 wurde die Änderung dann beschlossen, die Änderung im Vereinsregister hat noch einmal fast ein Jahr gedauert.“

Bei den Musikverlagen wurde die Initiative zur Namensänderung von der AG Next Generation angeregt, in der sich der Musikverlagsnachwuchs im DMV organisiert. „Die Arbeitsgruppe setzt sich auch für die Förderung von Vielfalt und Inklusion innerhalb des DMV ein. Auf der Jahrestagung 2022 erklärte die AG, dass die bisherige Namensgebung in männlicher Form nicht die Geschlechtervielfalt der Musikverlagslandschaft widerspiegelte. Aber auch bei ‚älteren‘ Mitgliedern kam der Vorstoß zur Namensänderung gut an, sodass die AG 2022 den Auftrag der Mitgliederversammlung erhielt, zur nächsten Versammlung einen tragfähigen Vorschlag zu entwickeln“, fasst Birgit Böcher zusammen.

Beim Bundesverband für strukturierte Wertpapiere (BSW) war es ebenfalls ein längerer Prozess, der der Umpositionierung vorausging, macht Vollmuth klar. „Die Entscheidung, das Profil zu schärfen, wurde nicht spontan gefällt, sondern bereits seit mehreren Jahren mit Mitgliedern – den Emittenten strukturierter Wertpapiere – und Fördermitgliedern diskutiert. Ziel war es, die Interessen aller Mitglieder umfassend zu berücksichtigen, aber auch, dass der neue Verbandsname bei Stakeholdern richtige Erwartungen setzt.“

Beim BWVL wurde die Veränderung aus einem gemeinsamen Beschluss der Hauptgeschäftsführung und des Vorstandes initiiert. „Wesentlicher Grund für die Namensänderung war, dass sich der bisherige Name als zu allgemein und damit erklärungsbedürftig erwiesen hat. Der Name hat zwar die Heterogenität der im BWVL versammelten Branchen abgebildet, jedoch inhaltlich die Repräsentation der ‚Eigenlogistik und Verlader‘ nicht hinreichend deutlich gemacht“, erläutert Markus Olligschläger.


Neuer Name – neues Ziel

Ende 2023 ist die Fusion der beiden Pharmaverbände Bundesverband der Arzneimittelher­steller (BAH) und Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) nach monatelanger Vorbereitung erneut gescheitert. Ein erster Fusionsversuch war bereits 2019 misslungen. Nun will sich der BAH allein zum Leitverband der Pharmaindustrie entwickeln. Ein kurzes Gespräch mit der neuen Hauptgeschäftsführerin Dorothee Brakmann.

Verbändereport: Aus dem Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) wird Pharma Deutschland. Warum?

Dorothee Brakmann: Die Pharmabranche ist, gemessen an ihrer Bedeutung für das Gesundheitswesen und ihrem Anteil an der deutschen Wirtschaftskraft politisch und gesellschaftlich nicht angemessen vertreten. Das wollen wir ändern. Die naheliegendste Lösung wäre eine Fusion mit einem kleineren, aber vergleichbar aufgestellten Verband. Im Rahmen der Fusionsidee hatten uns unsere Mitglieder ganz klar den Auftrag erteilt, Leitverband zu werden. Trotz gescheitertem Zusammenschluss nehmen wir das sehr ernst und haben beschlossen, selbst diesen Auftrag zu übernehmen. Diese Neuausrichtung des Verbandes und die damit verbundene Umbenennung in „Pharma Deutschland“ wurden Mitte März 2024 auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung mit überwältigender Mehrheit beschlossen. (Anmerkung: Das formale Verfahren zur Eintragung des neuen Namens ins Vereinsregister läuft noch / Stand 15. Mai.)

Woher kam die Initiative zur Veränderung?
Die Initiative kam von unseren Mitgliedern, fand aber auch bei Unternehmen, die nicht Mitglieder in unserem Verband sind, großen Anklang. Viele Pharmaunternehmen bedauern es seit Jahren, dass die wirtschaftliche Größe, die Systemrelevanz und die Innovationskraft der Branche so schlecht zu erkennen sind. Pharma Deutschland hat sich fest vorgenommen, das innerhalb der nächsten Jahre zu ändern, und wird sich auch daran messen lassen.

Welche Hürden gibt es zu überwinden?
Für Veränderung braucht es mehr als einen kraftvollen Beschluss dazu. Der Vorstand des Verbandes befindet sich deshalb mitten in einer Strategiediskussion darüber, mit welchen Maßnahmen und welchen zentralen Themen Pharma Deutschland die politischen Veränderungen treibt. Klar ist schon jetzt: Um wichtiger Ansprechpartner für Branche, Politik, Medien und Öffentlichkeit zu allen Pharmafragen zu werden, müssen wir die politische Arbeit und die PR stärken und unsere Exzellenz zur Entwicklung, Herstellung und zum Vertrieb von Pharma-Produkten besser zur Geltung bringen.

Auch die Landesverbandsstruktur wurde neu aufgestellt und Sie sind dem VCI beigetreten. Mit welchen Zielen?
Wir sehen den VCI einerseits als Partner, weil wir eine nicht unwichtige Branche im VCI-Spektrum vertreten. Andererseits sind wir als Verband Mitglied geworden, weil der VCI insbesondere mit seiner regionalen Verankerung helfen kann, unsere eigenen Ziele zu erreichen. Bei der Gründung unserer Landesverbände kommen beide Motive zum Tragen. Die VCI-Landesverbände werden stärker und schlagkräftiger, wenn sie die wichtigsten Pharmaunternehmen der Region unter ihren Mitgliedern haben. Gleichzeitig helfen uns die regionale Organisation und das regionale Netzwerk des VCI, schnell stabile Landesstrukturen aufbauen zu können. Grundsätzlich glauben wir an die Kraft von Allianzen und werden über den VCI hinaus bemüht sein, weitere strategische Partnerschaften einzugehen.

Was sind Ihre nächsten Schritte in Richtung neue Ausrichtung?
Eine wichtige große Aufgabe wird es sein, uns als Marke „Pharma Deutschland“ bekannt zu machen. In der Politik, bei den Medien, in der interessierten Öffentlichkeit und nicht zuletzt im gesamten Gesundheitssektor. Klar ist schon jetzt, dass wir lauter, präsenter und pointierter die Anliegen der Branche vertreten wollen. Wir gehen diese Aufgabe mit der Innovationskraft, Hartnäckigkeit und Kreativität an, die Pharma insgesamt auszeichnet.


Neuer Name, neue Marke

Seit dem 01.01.2024 firmiert der bisherige Genossenschaftsverband – Verband der Regionen e. V. als Genoverband e. V. Die Umbenennung unterstreicht laut Verband „die Transformation der Verbandsfamilie vom klassischen Prüfungsverband zu einer modernen Dienstleistungs- und Beratungspartnerfamilie“. Dahinter steckt eine strategische Neuausrichtung der beiden Kernmarken der Verbandsfamilie, Genoverband und Awado, die nun auch nach außen gemeinsam auftreten. „Als Genoverband und Awado-Gruppe arbeiten wir heute eng zusammen, bilden bei Beratungsmandaten häufig firmenübergreifende Teams, sodass die neue einheitliche Markenwelt unsere gemeinsame Identität spiegelt. Mit dem neuen Namen Genoverband unterstreichen wir unser Selbstverständnis als modernes Prüfungsunternehmen und Dienstleister für unsere Mitglieder“, so Ingmar Rega, Vorstandsvorsitzender beim Genoverband.

Auf eine Namensänderung folgen zumeist ein neues Logo und ein neuer Webauftritt. Auch hier lassen sich strategische Ziele sichtbar machen. Die Subline „gemeinsam nachhaltig mehr bewegen“ als neuer Bestandteil des BWVL-Logos soll verdeutlichen, dass sich der Verband an der notwendigen und erforderlichen Transformation ausrichtet. Laut Olligschläger eine Transformation, die „weit über die zahlreichen Veränderungen für Einzelunternehmen hinausgeht und aus unserer Sicht eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist“.

Der BSW hat im Rahmen der Umbenennung sein Corporate Design ebenfalls geändert und arbeitet an einer neuen Website, auf der künftig auch neue Inhalte präsentiert werden sollen. „Da wir mit unseren Produkten und nunmehr auch mit unserem Namen für eine gelebte Wertpapierkultur eintreten, stehen neben den zahlreichen regulatorischen Themen Bereiche wie finanzielle Bildung und Altersvorsorge, aber auch Nachhaltigkeit ganz oben auf unserer Agenda und im Fokus unserer Kommunikation“, berichtet Christian Vollmuth.

Absolutes Muss: Mitglieder früh einbinden

Große Einigkeit herrscht bei den befragten Verbänden darüber, wie wichtig es ist, bei einer Namensänderung die Mitglieder frühzeitig mitzunehmen und einzubinden. „Wenn man nach 15 Jahren einen Namenswechsel anstrebt, sind Rückfragen logisch und wertvoll – Positionierungsfragen sind immer wichtig. Wir haben den Schritt kommunikativ gut vorbereitet und Mitglieder und Fördermitglieder in Präsenz- und Online-Präsentationen informiert. Wichtig war uns die Klarstellung, dass wir die Aufgaben, Dienstleistungen und die Zielsetzungen unseres Verbands durch die Umbenennung nicht verändern – und das auch extern so kommunizieren“, erklärt Vollmuth.

Auch beim Verband Christlicher Pfadfinder*innen wollten die Delegierten ihre Landesverbände mitnehmen in der Entscheidung. „Es wurde darüber diskutiert, welche Form der Namensänderung am geeignetsten ist, um unsere Offenheit für alle auszudrücken und gleichzeitig eine Variante zu finden, die auch in Zukunft noch aktuell ist. Also im Kern: Auf welche Weise gendern wir unseren Namen? Schlussendlich wurde sich für die Variante des Genderns mit Sternchen entschieden, die wir seit 2017 in unserer Kommunikation nutzen. Inzwischen haben sich auch schon viele unsere Landesverbände umbenannt und die Entscheidung somit noch einmal bekräftigt“, fasst Johanna Mixsa den Prozess zusammen.

Die größten Hindernisse lagen beim DMV in der Findung eines neuen Namens, ohne dabei das Kürzel DMV zu verlieren. „Das Kürzel hat sich nicht nur in der Öffentlichkeit (und der Politik) eingeprägt, ein kompletter Namenswechsel hätte auch enorme Folgekosten mit sich gebracht. Angefangen bei der URL der Homepage über das Logo bis hin zum Briefpapier. Und angesichts der angespannten Budgetsituationen sollte das vermieden werden. Die Krux bei unserem Namen liegt darin, dass nicht die Personen – also Musikverlegerinnen und Musikverleger – Mitglied sind, sondern das Unternehmen, der Musikverlag. Die gefundene Lösung stieß auf eine breite Zustimmung, der Name wurde auf der Mitgliederversammlung mit einer Zustimmung von 99 Prozent angenommen. Mit dem neuen Namen passt auch die alte Abkürzung: DMV Verband Deutscher Musikverlage“, so Birgit Böcher.

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