Verbändereport AUSGABE 4 / 2004

Studie: Erfolgreiche Gewerbevereine haben eine Strategie

BDS-Landesverband und FH-Aalen stellen Studie zur Zukunft von Gewerbevereinen vor

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„Der Gewerbeverein der Zukunft braucht eine klare Strategie und muss geführt werden wie ein Unternehmen“ und „Mitglieder fragen stärker als bisher nach einem handfesten Nutzen.“ Das sind die drei wichtigsten Ergebnisse einer Studie zur Zukunft von Gewerbevereinen, die der BDS-Landesverband und die Fachhochschule Aalen präsentiert haben.

Für die Studie wurden über 200 der etwa 1.600 Vorstandsmitglieder von Handels- und Gewerbevereinen aus Baden-Württemberg nach Stärken und Schwächen, Mitgliederentwicklung, Kommunikationsstruktur und Inhalten der Arbeit befragt. „Ziel war es, erfolgreiche und weniger erfolgreiche Vereine zu vergleichen und herauszufinden, was erfolgreiche Gemeinschaften besser machen. Ein solches Benchmarking zwischen Gewerbevereinen gab es bislang noch nicht“, betont BDS-Präsidentin Dorothea Störr-Ritter, die gleichzeitig eine Checkliste mit Handlungsempfehlungen für die 320 BDS-Mitgliedsvereine vorstellte.

Die Studie hat erhebliche Defizite bei den meisten Vereinen herausgearbeitet. Demnach müssen sich die Gemeinschaften viel stärker als bisher nach den Interessen ihrer Mitglieder richten. Sie verlangen einen höheren Nutzwert und bessere Angebote; die Mitgliedschaft soll sich auszahlen. Hauptergebnis: So wie die Mitglieder ihre eigenen Geschäfte leiten, muss auch der Gewerbeverein geführt werden — mit einer klaren Ziel- und Maßnahmenplanung, Zeitplänen, festen Verantwortlichkeiten und einer thematischen Positionierung, die sich auch von anderen Vereinigungen abgrenzt. Vereine, die den Mitgliederschwund stoppen und neue Interessenten dazu gewinnen wollen, müssen jetzt umsteuern“, so Prof. Holger Held von der Fachhochschule Aalen.

„Lediglich rund 20 Prozent der befragten Vereine verfügen über eine konkrete Ziel- und Maßnahmenplanung“, gibt Held eines der Hauptprobleme wider. „Dabei ist dies ein wichtiger Erfolgsfaktor wie der Vergleich zwischen den Vereinen zeigt. Von den 82 Ortsvereinen, die über keine Ziel- und Maßnahmenplanung verfügen, erwarten nur 13 Vereine steigende Mitgliederzahlen, 33 Ortsvereine glauben jedoch, dass sich die Mitgliederzahl negativ verändern wird. Erfolgreiche Vereine dagegen fühlen sich strategisch besser aufgestellt: Von den 40 Ortsvereinen, die über eine konkrete Ziel- und Maßnahmenplanung verfügen, gehen 17 von einer steigenden Mitgliederzahl aus, lediglich fünf Vereine prognostizieren eine negative Mitgliederentwicklung.

Teufelskreis: Passive Mitglieder

Ein weiteres Problem vieler Gewerbevereine sind passive Mitglieder. Dies entwickelt sich schnell zum Teufelskreis, da sich daraus zwangsläufig eine Überlastung der aktiven Mitglieder ergibt; Zeitmangel ist die Folge. Den wenigen Machern fehlt die Energie. Die Passivität der Mitglieder steigt.

Gemeinschaftsgefühl, gemeinsame Aktionen, Arbeitsteilung

Es gibt nicht den Erfolgsfaktor, die einzelnen Vereinigungen sind zu unterschiedlich“ so Held. Die ‚Best-practice-Auswertung’ zeigt aber verschiedene Erfolgsbausteine: Erfolgreich sind Vereine mit einem hohen Gemeinschaftsgefühl und einer großen Kooperation der Vereinsmitglieder untereinander. In erfolgreichen Vereinen funktioniert auch die gegenseitige Information besser. Gemeinsame Leistungsschauen, Gewerbeausstellungen und verkaufsoffene Sonntage stärken das Wir-Gefühl und haben positiven Einfluss auf die Mitgliederentwicklung. „Öfters mal einen Vorstandswechsel, so wird Belebung erzielt. Vor allem müssen jüngere Mitglieder integriert werden“, gibt Held eine Erkenntnis aus der Untersuchung wider.

Regionalkonferenzen und Zukunftswerksatt

Ziel der BDS-Präsidentin Störr-Ritter ist es, die Dienstleistungen für Gewerbevereine auszubauen. „Mit den Ergebnissen haben wir nun eine solide Basis, um unseren Vereinen bei ihrer Arbeit zu helfen und den Nutzen für die Mitglieder zu erhöhen. Viele Vereine und insbesondere ihre ehrenamtlich arbeitenden Vorsitzenden sind damit überfordert. Wir werden helfen, auch Vereinsarbeit professionell zu betreiben“. Zunächst werden die Ergebnisse auf Regionalkonferenzen vorgestellt und diskutiert. Beim Landesverbandstag im Juli wird eine Muster-Zukunftswerkstatt stattfinden, bei der beispielhaft für einen Gewerbeverein eine strategische Neuausrichtung erarbeitet wird. „Diese Zukunftswerkstatt bieten wir dann den Ortsvereinen an“, so Störr-Ritter.

Der Bund der Selbständigen ist der Dachverband von über 300 Handels- und Ge-werbevereinen / BDS-Ortsvereinen in Baden-Württemberg mit insgesamt über 23.000 Mitgliedern.

Fakten zur Studie in Kürze

  • Schriftliche Befragung von 216 Vorstandsmitgliedern von Gewerbevereinen
  • Der „typische“ BDS-Ortsverein verfügt über ca. 80-90 Mitglieder und besteht aus 27 Prozent Einzelhandel, 32 Prozent Handwerk, 5 Prozent Industrie, 12 Prozent Freiberufler/Dienstleister, 17 Prozent Sonstige Die Mitgliederstruktur ist sehr heterogen.
  • Lediglich ca. 20 Prozent der befragten Ortsvereine verfügen über eine strategische Ziel- und Maßnahmenplanung für die kommenden Jahre. Bei ca. 40 Prozent der befragten Ortsvereine ist eine derartige Planung zukünftig nicht vorgesehen.
  • Aktionen, Events und Marktveranstaltungen sowie die Durchführung von Leistungsschauen respektive HGV-Ausstellungen gehören eindeutig zu den Aufgabenschwerpunkten. An dritter Stelle stehen Informationsveranstaltungen.
  • Der Mitgliedergewinnung und —betreuung sowie der internen Kommunikation kommen eher nachrangige Bedeutung zu.
  • Insgesamt wird die Partnerschaft mit anderen Institutionen als gut bis befriedigend eingestuft. Während jedoch die Kammern — IHK und Handwerkskammer — nur eine durchschnittliche Bewertung erfahren, wird die Zusammenarbeit mit dem BDS-Landesverband (Durchschnittsnote 2,3) und mit der Gemeinde- / Stadtverwaltung (Durchschnittsnote 2,2).insgesamt im „guten Bereich“ eingestuft
  • Die Argumentation einer (allgemeinen) Gemeinsamkeit und Gemeinschaft in Verbindung mit einem hohen Maß an „Wir-Gefühl“ und gemeinsamer Identifikation steht an oberster Stelle bei der Argumentation für eine Mitgliedschaft in einem BDS-Ortsverein. Neben vielen Einzelgründen steht darüber hinaus die Kosteneinsparung durch Gemeinschaftswerbung sowie die Argumentation einer gemeinsamen Kommunikationsplattform und der Informationsaustausch im Vordergrund der Argumentation.
  • Bei etwa 41 Prozent der befragten Ortsvereine wird davon ausgegangen, dass sich das Aufgabenspektrum in der Zukunft nicht sehr stark verändern wird, obwohl Veränderungen notwendig wären. Dieser Wert stimmt bedenklich, da in diesem Wert eine gewisse Passivität und fehlendes Innovationsvermögen zum Ausdruck kommen. 28 Prozent der befragten Ortsvereine sehen zusätzliche Aufgaben auf die Ortsvereine zukommen.
  • Insgesamt wird die regelmäßige Informationsversorgung als ausgesprochen positiv bewertet. Es fällt jedoch auf, dass „konservative“ Medien (unter anderem Versammlungen, Fax) deutlich gegenüber Internet/eMail bevorzugt werden. 46 Prozent der Vereine verfügen über keine eigene Internet-Homepage.
  • Die Ergebnisse machen deutlich, dass insbesondere die teilweise vorhandene Passivität der Mitglieder das entscheidende Problemkriterium darstellt. Durch diese Situation ergibt sich fast zwangsläufig eine Überlastung der aktiven Handlungsakteure, „Zeitmangel“ ist die Folge.
  • Nur etwa ein Fünftel der befragten Ortsvereine sieht in den bestehenden Strukturen keine Schwächen, jedoch immerhin ca. die Hälfte ist der Meinung, dass kein direkter und konkreter Handlungsbedarf hinsichtlich der Strukturen besteht. Möglicherweise auch deshalb, weil entsprechende Handlungsalternativen fehlen. Immerhin 40 Prozent der befragten Ortsvereine sehen jedoch die Notwendigkeit und ca. 17 Prozent machen hierzu auch konkrete Einzelnennungen.

Checkliste für erfolgreiche Gewerbevereine der Zukunft

  • Ziel- und Maßnahmenplanung schriftlich dokumentiert
  • Konkrete Maßnahmen- und Zeitpläne
  • klaren Verantwortlichkeiten festgelegt
  • klare Positionierung
    • Aufgabenschwerpunkte in den kommenden Jahren
    • Wie und von wem werden notwendige Tätigkeiten in den Bereichen City- und Stadtmarketing sowie Wirtschaftsförderung bewerkstelligt?
    • Was soll vom BDS-Ortsverein nicht angegangen werden?
    • Kommunikationsstrategie festgelegt und etabliert
  • klare und nachvollziehbare Positionierung gegenüber den Mitgliedern.
  • konkreter Nutzen Mitglieder festgelegt:
    • Mitglieder aus dem Einzelhandel
    • Mitglieder aus dem Handwerk
    • Mitglieder aus der Industrie
    • Freiberufler/Dienstleister
  • Entspricht dieser Nutzen einem optimalen „Preis-Leistungs-Verhältnis“?
  • Breite Einbindung aller Mitglieder durch
    • regelmäßige Abfrage der Erwartungen und Wünsche der Mitglieder vor Ort, ggf. durch Mitgliederbefragungen.
    • regelmäßige Kommunikation und Information, insbesondere auch auf der Basis neuer Medien. Das Medium Internet/Email sollte hierbei wesentlich stärker genutzt werden.
    • Gezielte Verteilung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten.
  • Konsequentes Einfordern von externen Unterstützungsleistungen (z.B. Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, Schulungen, Vorträge, Seminare)
    • vom BDS-Landesverband
    • von der Gemeinde
    • von den Kammern
  • Zukunftswerkstatt durchgeführt
  • Selbstkritische Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Analyse (="SWOT)" erarbeitet

und

  • Vereinsstrategien schriftlich dokumentiert
  • Projektmanagements eingeführt mit Zeitplänen und Verantwortlichkeiten zur Umsetzungskontrolle.
  • Regelmäßiger Austausch mit anderen BDS-Ortsvereinen

Leitbild: Der BDS-Ortsverein / Gewerbeverein der Zukunft

  • Ein zukunftsorientierter BDS-Ortsverein verfügt über eine schriftlich dokumentierte Ziel- und Maßnahmenplanung. Diese wird unter Einbindung der Mitglieder erarbeitet und verbindlich verabschiedet. Konkrete Maßnahmen- und Zeitpläne mit klaren Verantwortlichkeiten sichern hierbei die Umsetzung!
  • Ein zukunftsorientierter BDS-Ortsverein strebt eine klare und für andere Institutionen und Partner eindeutig nachvollziehbare Positionierung in einem Gesamtnetzwerk an. Es müssen klare Antworten gegeben und kommuniziert werden:
    • Welche Aufgabenschwerpunkte möchte der BDS-Ortsverein in den kommenden Jahren angehen?
    • Wie und von wem werden notwendige Tätigkeiten in den Bereichen City- und Stadtmarketing sowie Wirtschaftsförderung bewerkstelligt?
    • Was soll vom BDS-Ortsverein nicht angegangen werden?
    • Wie soll eine stetige Kommunikation untereinander — also zwischen Verwaltung, Politik, Kammern und Unternehmen — erzielt und etabliert werden?
  • Ein zukunftsorientierter BDS-Ortsverein versucht eine klare und nachvollziehbare Positionierung gegenüber den Mitgliedern einzunehmen. Hierzu müssen ebenfalls klare Antworten gefunden und kommuniziert werden:
    • Welchen konkreten Nutzen können wir für
      • Mitglieder aus dem Einzelhandel
      • Mitglieder aus dem Handwerk
      • Mitglieder aus der Industrie
      • Freiberufler/Dienstleister schaffen?
    • Entspricht dieser Nutzen einem optimalen „Preis-Leistungs-Verhältnis“?
  • Ein zukunftsorientierter BDS-Ortsverein strebt eine breite Einbindung aller Mitglieder an.
    Hierzu hilfreich sind folgende Instrumente:
    • regelmäßige Abfrage der Erwartungen und Wünsche der Mitglieder vor Ort, ggf. durch Mitgliederbefragungen.
    • regelmäßige Kommunikation und Information, insbesondere auch auf der Basis neuer Medien. Das Medium Internet/Email sollte hierbei wesentlich stärker genutzt werden.
    • Gezielte Verteilung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten.
  • Ein zukunftsorientierter BDS-Ortsverein verwendet insbesondere folgende Instrumente, um die oben dargestellten Aufgaben zu bewerkstelligen:
    • Konsequentes Einfordern von Unterstützungsleistungen, die in zahlreicher Form auch vom BDS-Landesverband angeboten werden, unter anderem Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, Schulungen, Vorträge, Seminare.
    • Durchführung einer „Zukunftswerkstatt“, bei der — ggf. unter Mitwirkung eines externen Moderatoren — Strategien auf der Basis einer konsequenten und selbstkritischen Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Analyse (="SWOT)" erarbeitet und dann schriftlich dokumentiert werden.
    • Einführung eines Projektmanagements mit Zeitplänen und Verantwortlichkeiten zur Umsetzungskontrolle.
    • Stärkere Kooperation mit anderen BDS-Ortsvereinen und Institutionen, letztlich werden so auch organisatorische Fragestellungen (unter anderem „Professionalisierung von Strukturen“) eher lösbar.
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