Alle Schulkinder haben ein Recht auf Erholung / BLLV-Präsident Wenzel: Die Schulbücher im Schrank lassen / Über 35.000 Schüler erreichen das Klassenziel nicht / Neuer Leistungsbegriff gefordert
(München) - Schulkinder müssen in den Ferien ausspannen dürfen. Sie haben ein anstrengendes Jahr bewältigt und ein Recht auf Erholung, erklärte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, anlässlich der bevorstehenden Sommerferien und der Zeugnisvergabe am 27. Juli. Kinder sollten die Ferien möglichst unbelastet verleben und unbeschwerte Wochen genießen dürfen. Eltern, deren Kinder vor dem Übertritt in eine weiterführende Schule stehen, sollten das Thema in den Ferien vermeiden. Der Übertrittszeitpunkt ist ohnehin viel zu früh angesetzt, kritisierte Wenzel. Bei manchen Schülern kann heftiger Druck entstehen. Er schadet und kann zu Lernhemmungen oder gar Lernversagen führen. Kinder müssen Kräfte sammeln können, damit sie nach den Ferien mit Freude und Zuversicht das neue Schuljahr beginnen. Freilich fällt dies schwer und klingt beinahe zynisch, denn Schüler und Eltern wissen, dass für das schulische Fortkommen nur eines zählt: die Note, stellte Wenzel fest und forderte, Schulen müssen endlich zu Orten werden, an denen sich Schüler wohl fühlen und entfalten können. In diesem Schuljahr erreichen voraussichtlich über 35.000 Schüler das Klassenziel nicht.
Abgesehen von den extremen Kosten, die Wiederholer Jahr für Jahr verursachen, führt das Sitzenbleiben den Schülern ihr persönliches Versagen vor Augen. Sie empfinden es als demütigend und gehen alles andere als motiviert ins neue Schuljahr, erklärte Wenzel und sprach sich für die Abschaffung des Sitzenbleibens aus. Mit dem eingesparten Geld sollten Schüler vielmehr individuell gefördert werden.
Wenzel: Schüler, Eltern und Lehrer leiden gleichermaßen unter einem Schulsystem, das auf strenge Auslese und Zuteilung von Noten fixiert ist. Wenn bei Kindern und Jugendlichen ein genereller Anstieg der psychischen Belastung festzustellen ist, wenn allein in Bayern jedes fünfte Kind psychisch auffällig ist und 5000 junge Menschen unter 15 Jahren jährlich wegen psychischer Probleme und Verhaltensauffälligkeiten stationär behandelt werden müssen, wenn als Auslöser häufig Belastungen und Stress im Schul- und Familienalltag genannt werden (Zahlen:
Techniker Krankenkasse, Juni 2007), müssen kritische Fragen, die das derzeitige Schulsystem betreffen, erlaubt sein.
Wenn gleichzeitig pro Schuljahr rund 14.200 Schüler vorzeitig das Gymnasium verlassen, knapp 6.000 Schüler von der Realschule auf die Hauptschule wechseln, 4,1 % der Schüler eine Klasse wiederholen und über 10.800 Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen, dann muss auch die Feststellung erlaubt sein, dass das bestehende Schulsystem so nicht funktioniert.
Zu den systemischen Schwächen unseres Schul- und Bewertungssystems meinte Wenzel :
Ich habe 34 Jahre Noten verteilt und mir wurde von Zeugnistermin zu Zeugnistermin unwohler dabei. Denn es ist nicht möglich, Leistungen und Entwicklungsfortschritte von jungen Menschen in Ziffern zu pressen. Die meisten der praktizierten Formen der Leistungsmessung und Leistungsbewertung sind nicht objektiv und damit ungerecht. Deswegen fordert der BLLV nicht nur eine neue Lern- und Leistungskultur sondern auch sinnvolle und seriöse Methoden der Leistungserhebung.
Solange unser veraltetes System aber Realität an Bayerns Schulen ist, wird die Schulzeit von vielen Kindern und Eltern nicht als eine erfüllende Zeit des Lernens empfunden. Schule wird als Sortieranstalt wahrgenommen, in dem es nicht in erster Linie um das Wohl der Schüler geht, sondern um Noten. Eine mit teuerer Nachhilfe erkaufte Note Zwei zählt mehr als eine Vier, die sich ein Schüler selbst hart erarbeitet hat.
Eltern können diese pädagogisch fragwürdige Situation entschärfen, indem sie ihren Kindern Aufmerksamkeit schenken und liebevoll mit ihnen umgehen. Wichtig ist es, Kinder nicht unter Druck zu setzen. Pädagogen wissen, dass Strafen und Vorwürfe bei schlechten Leistungen nicht weiterhelfen. Schlechte Noten nagen ohnehin am Selbstwertgefühl junger Menschen. Auch gute Leistungen erfordern Zuwendung: Sie sollten anerkannt und keinesfalls als selbstverständlich hingenommen werden.
In den Ferien sollten sich Kinder, wann immer es das Wetter zulässt, im Freien aufhalten, mit Gleichaltrigen spielen und sportlichen Betätigungen nachgehen. Die Schulbücher sollten bei einem geplanten Familienurlaub in jedem Fall zu Hause bleiben, rät Wenzel. Vielen Kinder tut es jedoch gut, sich am Ende der Ferien auf das neue Schuljahr vorzubereiten, die Schulsachen in Ordnung zu bringen, die Schultasche zu packen und noch mal anzusehen, was in den letzten Wochen vor den Ferien gelernt wurde. In der Regel reichen diese Vorbereitungen völlig aus.
Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)
Andrea Schwarz, Pressereferentin
Bavariaring 37, 80336 München
Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155
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