Pressemitteilung | BVMW e.V. - Bundesverband mittelständische Wirtschaft Unternehmerverband Deutschlands - Bundesgeschäftsstelle

Ausbildungskrise: Bei den Lehrstellen wird mit gezinkten Karten gespielt

(Berlin) - Wie in jedem Herbst klagen Polit- und Verbandsfunktionäre einträchtig über angeblich Zehntausende noch fehlende Lehrstellen und appellieren lautstark an die Unternehmer, ihre „Ausbildungsverpflichtung zu übernehmen“. Haben denn die Unternehmer wirklich eine Ausbildungsverpflichtung? Ist die Wirtschaft überhaupt schuld daran, dass zu wenige Lehrstellen zur Verfügung gestellt werden?

Das Mittelstandsinstitut in Hannover hat in einer Blitzumfrage Unternehmer befragt, warum sie nicht mehr Auszubildende einstellen. Fasst man die Antworten sachlich zusammen, dann ergeben sich einige zentrale Argumente, mit denen die Unternehmer ihre Reduzierung von Ausbildungsplätzen begründeten:

- Mit jeder Unterschrift unter einen Lehrvertrag verpflichtet sich ein Unternehmer zu durchschnittlich 25.000 Euro Zusatzkosten, also zu mehr Kosten für den Betrieb, als der Lehrling selbst erwirtschaftet. Solche Zusatzkosten können sich die Betriebe immer weniger leisten, je schlechter es um ihre Auftragslage und um ihre Gewinne steht. Vor allem können sie solche Zusatzkosten nicht rechtfertigen, wenn gleichzeitig andere Mitarbeiter entlassen werden müssen.

- Die Kosten der Lehrlingsausbildung sind vor allem dadurch gestiegen, dass das Verhältnis von der Mitarbeit im Betrieb zu den vom Betrieb zu bezahlenden Gesamtkosten des Lehrlings immer ungünstiger geworden ist. Der Staat und die Staatspädagogen haben immer stärker nach der Lehrlingsausbildung gegriffen, weil sie der Auffassung sind, der Lehrling könne mehr von ihnen in der Schule lernen als im Betrieb vom Meister. Inzwischen ist der Lehrling deshalb nur zur Hälfte der verfügbaren Arbeitszeit überhaupt noch im Betrieb. Ein Unternehmer: Wenn die Lehrer immer mehr Zugriff auf unsere Lehrlinge haben wollen, sollen sie diese auch bezahlen.

- Sozial- und Arbeitsverwaltung haben inzwischen die Ausbildungsformalien zu hoch geschraubt, haben die Pflichten, Auflagen und Kontrollen für die Betriebe immer höher getrieben und die bürokratischen Formalien der Lehrlingsausbildung immer stärker zementiert, haben jedes und alles geregelt - aber nicht bedacht, dass die Unternehmer sich solcher Ausbildungsbürokratisierung nicht mehr zu unterwerfen bereit sein könnten. 54 Prozent der vom Mittelstandsinstitut befragten Betriebe nannten die Ausbildungsbürokratie der Lehrlingsausbildung als Ablehnungsgrund.

Es gab noch weitere, hinter diesen vorrangigen Gründen zählende Argumente:

- Der Lehrlingsvertrag ist unkündbar. Hat man also einen Fehlgriff mit dem Auszubildenden gemacht, so hat man drei Jahre lang zu den Kosten auch noch Ärger und arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen.

- Die Haftung für die Mitarbeiter ist für Unternehmer ständig gesteigert worden; das bedeutet aber, dass dadurch praktisch keine Einstellung bzw. Ausbildung mehr gewagt werden kann, wenn der Bewerber keinen Schulabschluss hat, der deutschen Sprache nicht mächtig ist oder weder lesen noch schreiben noch rechnen kann und deshalb wohl kaum einen Gesellenabschluss schaffen würde. Immerhin haben wir in Deutschland nach neuesten Veröffentlichungen etwa drei Millionen Analphabeten, für die angesichts der heute herrschenden Unternehmerhaftung der Abschluss eines Lehrvertrages ein nicht mehr tragbares Risiko darstellt.

- Nach Ansicht einiger Unternehmer ist nur in den neuen Bundesländern das noch verfügbare Angebot an Auszubildenden qualitativ zufrieden stellend. In Westdeutschland dagegen nehmen nach Ansicht der befragten Unternehmer die Problemfälle zu, die sich überhaupt nicht selbst um ihre Ausbildung kümmern, sondern alles an sich herankommen lassen, die eigentlich ohnehin keine Lust zur Arbeit haben oder die sich schon so schlampig und fordernd vorstellen, dass sie für ein solides Unternehmen nicht in Frage kommen.

Für die Ansprüche auch unqualifizierter junger Leute, für die Tatsache, dass sie mehr Kosten verursachen als Mitarbeit bringen, für die Verbürokratisierung der Ausbildung und für die Auslagerung der Ausbildung aus den Betrieben ist nicht der Unternehmer haftbar zu machen, sondern schuld sind allein unsere Sozial- und Arbeitspolitiker. Wenn gerade diese Funktionäre aber nicht bei sich selbst die Schuld suchen, sondern nun an eine angebliche „Ausbildungsverpflichtung der Unternehmer“ appellieren, ist dies eine unverantwortliche Schuldabwälzung und Täuschung der Öffentlichkeit über eigenes Versagen. Insofern wird die Lehrstellendiskussion von Politik und Sozialfunktionären unehrlich betrieben. Nicht die Wirtschaft ist schuld, dass zuwenig Lehrstellen zur Verfügung gestellt werden, sondern der Staat, die Politiker, die Sozialfunktionäre haben das Angebot künstlich reduziert.

Ebenso unehrlich ist auch die Zusage der Funktionäre der Großwirtschaftsverbände an die Regierung, für die Bereitstellung von Ausbildungsplätzen zu sorgen. Unsere Großunternehmen bilden nämlich schon lange nicht mehr aus. Zu 85 Prozent bilden nur noch mittelständische Klein- und Mittelbetriebe aus. Diese aber sitzen nicht in den Spitzen der großen Wirtschaftsverbände. Wenn also die Großwirtschaftsfunktionäre der Regierung mehr Lehrlinge versprechen, wird eine Leistung anderer versprochen, die gar nicht am Tisch sitzen und nicht gefragt worden sind. Die Verbandsfunktionäre wissen also genau, dass sie ihre Zusage selbst gar nicht erfüllen können und dass die nicht gefragten mittelständischen Unternehmer eine solche Zusage der Konzernfunktionäre nicht erfüllen wollen bzw. können.

Die Lehrstellendiskussion wird also von beiden Seiten unehrlich betrieben. Besonders dreist oder dumm erscheinen aber solche Politiker, die erst die Lehrlingsausbildung so verschulen, verteuern, verbürokratisieren, dass der Markt dies nicht mehr trägt, und dann auch noch Strafsteuern (Ausbildungsabgabe) androhen, wenn die Unternehmer die falschen politischen Weichenstellungen - vor allem in der derzeitigen Krise - nicht mehr mitvollziehen können.

Quelle und Kontaktadresse:
Bundesverband mittelständische Wirtschaft Unternehmerverband Deutschlands e.V. (BVMW) Mosse Palais - Leipziger Platz 15, 10117 Berlin Telefon: 030/5332060, Telefax: 030/53320650

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