Bayerische Gymnasien brauchen Hilfe / BLLV-Präsident Klaus Wenzel: "Schulen sind auf den aus den Fugen geratenen Ansturm weder personell noch räumlich vorbereitet"
(München) - Der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Klaus Wenzel, warnte angesichts des Ansturms auf bayerische Gymnasien vor extrem schwierigen Lern- und Arbeitsbedingungen für Schüler und Lehrer. Nach einer Phase relativ konstanter Übertrittsquoten aus der vierten und fünften Jahrgangsstufe stieg die Quote in den vergangenen sechs Jahren von 34 Prozent auf 41,5 Prozent an, also um mehr als sieben Prozent. Das schlägt sich auch auf die absoluten Schülerzahlen nieder:
Besuchten im Schuljahr 2000/01 rund 322.000 Schüler die bayerischen Gymnasien, sind es im Schuljahr 2009/10 mehr als 381.000. Das ist eine Zunahmen von ca. 18 Prozent. "Setzt sich dieser Trend fort, geht künftig die Mehrheit bayerischer Schüler/innen in ein Gymnasium", erklärte Wenzel.
"Das große Interesse vieler Eltern an hohen Schulabschlüssen ist erfreulich, die Gymnasien sind aber weder personell noch räumlich für diesen `Run´ ausgestattet. Unterrichtsausfälle, personelle Notstände, überfüllte Klassenzimmer und völlig überlastete Lehrerinnen und Lehrer werden wohl zum schulischen Alltag gehören."
"Hohe Schulabschlüsse sind begehrt wie nie zuvor. Faktisch ist das Gymnasium die neue Volksschule", sagte der BLLV-Präsident und bezeichnete es als unverantwortlich, "dass ausgerechnet Schüler und Lehrer die Konsequenzen einer Schulpolitik ausbaden müssen, die aus den Fugen geratenen Übertrittsquoten weitgehend hilflos gegenübersteht."
"Wir wollen Schülerinnen und Schüler fördern, wir wollen gute und ganzheitliche Lernprozesse anregen und wir wollen bei den jungen Menschen die Freude am Lernen stabilisieren und ausbauen. Diese hoch anspruchsvolle Aufgabe wird unseren Kolleginnen und Kollegen an den Gymnasien angesichts riesiger Klassen und unübersichtlich großer Schulbetriebe in einem unerträglichen Ausmaß erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht", erklärte Wenzel gestern (22. Juni 2009) in München. "Diesem Massenansturm und den damit verbundenen Belastungen können die Gymnasien gar nicht gewachsen sein, obwohl wir Lehrerinnen und Lehrer unser Bestes geben."
Für die betroffenen Lehrkräfte werden sich die seit Einführung des G 8 ohnehin dramatisch gestiegenen Herausforderungen weiter verschärfen. Es wird immer schwieriger für sie, Beziehungen zu den Schülern aufzubauen, obwohl gerade der Lehrerberuf ein Beziehungsberuf ist. "Wenn sich in einer Massenschule Lehrer und Schüler nicht mehr kennen, können kaum noch individuelle Lernfortschritte erzielt werden." Die Gefahr sei deshalb groß, dass sich an den Gymnasien weiterhin alles nur um Ziffernnoten, Prüfungen und Berechtigungen drehen werde. "Das so wichtige Begleiten und individuelle Fördern von Schülern könnte in den Hintergrund rücken", befürchtet Wenzel.
Wenzel nannte ein weiteres Problem: "Da immer mehr Kinder auf das Gymnasium drängen, werden Lehrerinnen und Lehrer immer öfter mit Kritik der Eltern konfrontiert. Ihre Erwartungen sind groß. Die Verkürzung der Gymnasialzeit führte zu extremen Belastungen. Bis heute sind die dafür erforderlichen Begleitmaßnahmen weitgehend ausgeblieben. So hat sich eine konstante Mangelsituation in bestimmten Fächern aufgebaut.
Lehrermangel und Stundenausfälle werden die beherrschenden Themen der Zukunft sein - die Frage, woher die Lehrer kommen sollen, die den Ansturm der Schüler bewältigen können, ist völlig offen."
Der BLLV hat bereits vor einem Jahr darauf hingewiesen, dass sich die personelle Situation an den bayerischen Gymnasien in absehbarer Zeit wesentlich verschärfen wird. Während die Übertrittsquote von Jahr zu Jahr steigt und Gymnasien aus allen Nähten platzen, fehlen Lehrer, die die wachsende Zahl der Schüler unterrichten sollen. So hatten 2008 die Erstsemesterzahlen zwar zugenommen, doch nur zwischen einem und zwei Drittel schlossen das Studium in den Naturwissenschaften für das Lehramt Gymnasium ab. Als Ursachen nannte Wenzel mangelnde Attraktivität des Lehrerberufs, deutlich bessere Verdienstmöglichkeiten in der Wirtschaft und eine falsche Schwerpunktsetzung im Studium.
Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)
Pressestelle
Bavariaring 37, 80336 München
Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155
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