Pressemitteilung | Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)
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Bayern verschenkt Potentiale junger Menschen / Bei einer BLLV-Fachanhörung zum Gymnasium im 21. Jahrhundert konstatieren namhafte Wissenschaftler hohen Reformbedarf / Mehr Qualität statt Quantität

(München) - Der Reformbedarf an Gymnasien ist hoch. Bei einer Fachanhörung des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) zum "Gymnasium im 21. Jahrhundert" am Wochenende waren sich Wissenschaftler aus ganz Deutschland einig: Bisher geführte Diskussionen bringen das Gymnasium nicht weiter, weil sie um quantitative Kriterien kreisen, nicht aber um qualitative. "Im Mittelpunkt muss eine neue Qualität des Unterrichts stehen mit dem Ziel des Erwerbs vielfältiger und wertvoller Kompetenzen", erklärte BLLV-Präsident Klaus Wenzel. "Ansonsten kann das Gymnasium den Anforderungen einer modernen Gesellschaft nicht gerecht werden." Die Wissenschaftler bescheinigten Bayerns Schülern hohe Kompetenzen - "allerdings werden sie dafür zu wenig belohnt, weil es ein zu großer Teil von ihnen erst gar nicht ins Gymnasium schafft. Sie werden um ihren Bildungserfolg betrogen", erklärte der Empiriker Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels vom Institut für Schulentwicklung der Universität Dortmund.

Aus Sicht Wenzels leiden viele Gymnasiallehrer/innen unter den vorherrschenden Strukturen: "Sie können zu ihren Schülern nur schwer Beziehungen aufbauen, obwohl der Lehrerberuf ein Beziehungsberuf ist:

Wenn sie pro Vormittag drei bis fünfmal vor einer anderen Klasse stehen, kann das nicht gelingen." Wenzel sprach sich für eine neue Lernkultur aus, zu der auch verstärkt projektbezogener Unterricht gehören muss.

"Wir müssen vom Lehren zum Lernen kommen", ergänzte Prof. Dr. Peter Fauser, Leiter des Lehrstuhls für Schulpädagogik und Schulentwicklung an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Der Paradigmenwechsel sei in all jenen Schulen vollzogen worden, die aufgrund ihres innovativen Unterrichts mit dem "Deutschen Schulpreis" ausgezeichnet wurden. "Die Schulart spielt dabei eine untergeordnete Rolle. "Für den Wissenschaftler ist das gegliederte Schulwesen ein "großes Problem" - Strukturdebatten erübrigten sich aber, weil sie zu nichts führten. Die preisgekrönten Schulen - egal ob Gymnasium, Realschule, Haupt- oder Grundschule - "sind in ihrer Art des Unterrichts den `schlechten Schulen´ Epochen voraus." Im Mangel an organisatorisch effektiver Lernzeit sieht Fauser eine wesentliche Ursache für die Probleme an den Gymnasien: "In den heutigen Massengymnasien kennen viele Lehrer ihre Schüler kaum - wie sollen da individuelle Lernfortschritte festgestellt werden?"

Das Begleiten und individuelle Fördern von Schülern müsse in den Vordergrund rücken, betonte Prof. Holtappels. Der Arbeitsmarkt leide jetzt schon unter dem Mangel an gut ausgebildeten jungen Menschen. Die Aufgabe der Schulen liege auf der Hand: "Sie müssen mehr Jugendliche zu besseren Abschlüssen bringen. Versagen muss verhindert werden." Auch die Vermittlung reinen Fachwissens sei nicht zeitgemäß: "Junge Menschen brauchen Schlüsselqualifikationen, um sich neues Wissen erschließen zu können. Darauf muss die Schule vorbereiten - das tut sie zu wenig. Es müssen Anstrengungen unternommen werden, um die Unterrichtsqualität zu verbessern", forderte der Experte. "Der Schwerpunkt muss auf der Prävention liegen - Sitzenbleiben und Klassenwiederholungen müssen der Vergangenheit angehören." Bayern liege in der "Bildungsproduktion" im Bundesdurchschnitt acht Prozent zurück - "wobei Deutschland im internationalen Vergleich hinterherhinkt."

Für eine neue Kultivierung des Gymnasiums sprach sich Prof. Dr. Eckart Liebau vom Institut für Pädagogik der Universität Erlangen-Nürnberg aus:
"Die Schulen laufen sonst Gefahr, zu verarmen." Gymnasiale Bildung dürfe nicht lediglich über die "Studierfähigkeit" der Schüler definiert werden: "Zur gymnasialen Bildung gehören auch Theater, Literatur, Musik, Sport und Bildende Kunst sowie soziale und politische Fähigkeiten.

Gerade diese Bereiche dürfen kein überflüssiger Luxus sein, sondern wesentlich definierendes Element schulischer Bildung." Liebau plädierte für Schulen als "kulturelle Zentren" in einem "übergreifenden sozialräumlichen Bildungszusammenhang".

Prof. Dr. Ewald Terhart von der Westfälischen Wilhelms- Universität Münster stellte fest, dass der Nimbus, den Gymnasiallehrer noch vor wenigen Jahren inne hatten, empfindlich gelitten hat: "War der Beruf des Gymnasiallehrers noch vor wenigen Jahren mit gesellschaftlichem Aufstieg verbunden, steht heute die pädagogische Seite der Arbeit im Mittelpunkt.

Gymnasiallehrer müssen sich Kritik gefallen lassen, sie müssen steigenden Erwartungen der Eltern gerecht werden und sind dem steigenden Druck der Bildungsadministration und -forschung ausgesetzt." Die Verkürzung der Gymnasialzeit habe schließlich zu extremen Belastungen geführt, denn sie fand oftmals ohne die erforderlichen Begleitmaßnahmen statt. "Eine konstante Mangelsituation in bestimmten Fächern kann vermehrt zu fachfremden Unterricht führen", so der Experte. Er sieht in der Förderung frühorientiertem Unterrichts, in der Verminderung des Lehrplandrucks, in Veränderungen innerhalb der Lehrerbildung, in flexibleren Besoldungsformen und mehr öffentlicher Unterstützung die richtigen Antworten. Terhart geht von einem fortschreitenden Wandel des Gymnasiallehrerberufs aus: "Es wird weitere Annäherungen an andere Lehrämter geben sowie eine weitere Öffnung für neue Unterrichtsformen." Generell dürfe die Situation des Gymnasiums und seiner Lehrer nicht losgelöst von Entwicklungen anderer Schulformen betrachtet werden, "denn das Gymnasium ist Teil des ganzen Schulsystems."

Dr. Jan Hofmann vom Landesinstitut für Schule und Medien in Berlin-Brandenburg wies auf einen großen Widerspruch hin: "Einerseits wollen viele Eltern das Gymnasium erhalten wissen (88 Prozent), andererseits ist das Gymnasium die am meisten kritisierte Schulart." Hofmann prognostizierte zwei Schulsysteme, die sich etablieren werden:

"Unangefochten das Gymnasium als beliebteste Schulart, daneben vielfältige und passgenaue Kooperationsformen."

Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV) Andrea Schwarz, Pressereferentin Bavariaring 37, 80336 München Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155

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