Bildungsbericht erfordert schnelles Handeln / Schulschließungen sind keine Lösung / BLLV-Präsident Albin Dannhäuser fordert regionale Schulkonzepte - vor allem aber mehr Geld für Lehrerstellen
(München) - Stadtkinder besuchen eher das Gymnasium, Landkinder eher die Realschule. Ausländische Kinder gehen fast doppelt so häufig in die Hauptschule wie deutsche. In Städten wiederholen Schüler öfter eine Klasse als auf dem Land. In Fürth brechen mehr Schüler den Besuch eines Gymnasiums ab als in Rosenheim, und: Kinder, deren Eltern gut verdienen, erreichen bessere Bildungsabschlüsse. Es ist ungerecht, dass Bildungschancen bayerischer Schüler vor allem von ihrer sozialen, ethnischen und regionalen Herkunft abhängig sind, stellte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), Albin Dannhäuser, fest. Er forderte die Staatsregierung bei einer Pressekonferenz in München auf, umgehend für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen. Rückläufige Schülerzahlen dürfen nicht dazu führen, dass Lehrerstellen gestrichen und Schulen auf dem Land massenweise geschlossen werden. Personalkürzungen und Schulschließungen sind keine tragfähigen Konzepte. Der BLLV begrüßt die neue Offenheit im Bildungsbericht, die aufgedeckten Missstände müssen aber schul- und bildungspolitische Konsequenzen nach sich ziehen. Sie müssen im Doppelhaushalt 2007/08 ihren Niederschlag finden.
Der bisherige Entwurf des Doppelhaushalts lässt beim BLLV jedoch die Alarmglocken schrillen: Danach sind für weiterführende Schulen wegen explodierender Klassenstärken 784 zusätzliche Lehrerplanstellen vorgesehen. Bei Grund- und Hauptschulen sollen aufgrund rückläufiger Schülerzahlen frei werdende Stellen zugunsten weiterführender Schulen umgeschichtet werden. Mit weniger Personal wird eine Offensive für die Hauptschule nicht gelingen, stellte Dannhäuser klar. Auch Grundschulen könnten keine weiteren Personalkürzungen verkraften. Die Bekenntnisse zur individuellen und gezielten Förderung von Kindern würden sich als reine Rhetorik entpuppen. Bayerns Haupt- und Grundschulen mussten in den vergangenen beiden Jahren bereits 1184 Stellenstreichungen hinnehmen. Weil viele Schulen schon zuvor mit personellen Engpässen kämpften, traf sie dieser Verlust trotz rückläufiger Schülerzahlen empfindlich. Erneute Streichungen und Umschichtungen sind nicht mehr zu bewältigen, erklärte Dannhäuser und forderte den Finanzminister auf, alle Planstellen, die durch zurückgehende Schülerzahlen frei werden, an den Grund-, Haupt- und Förderschulen zu belassen. Andernfalls zementiert die Staatsregierung die im Bildungsbericht offen gelegten Ungerechtigkeiten für weitere zwei Jahre - mit dem BLLV ist das nicht zu machen.
Der Bildungsbericht zeigt, dass das bayerische Bildungssystem Nachteile nicht ausgleicht, sondern verstärkt. Die Bildungs- und Berufschancen von Schülern aus strukturschwachen Regionen sind ungünstig. Die Politik muss auf diese Tatsache reagieren, die pädagogischen und strukturellen Problemfelder seriös analysieren und im Doppelhaushalt entsprechende finanzielle Mittel bereitstellen. Gefragt sind wohnortnahe und leistungsfähige Schulen in allen Regionen des Landes, erklärte Dannhäuser und forderte für den BLLV:
1. Die Zahl der Schüler ohne Lernerfolg zu reduzieren. In Bayern erreichen 50.000 Schüler/innen das Ziel ihrer Jahrgangsstufe nicht. Mehr als 15.000 steigen aus ihrer ursprünglich gewählten Schulart ab. Fast 5000 Hauptschüler (9%) verließen 2005/06 die Schule ohne Abschluss. Sie finden in der Regel keinen Ausbildungsplatz - allein in diesem Jahr werden über 30.000 Bewerber keine Lehrstelle finden, die zu einem anerkannten Ausbildungsberuf führt. Erste Schritte zur Verbesserung der Sprachförderung und Lesekompetenz wurden eingeleitet - der entscheidende Durchbruch lässt aber immer noch auf sich warten. Eine vorbehaltlose Ursachenforschung für das Scheitern tausender von Schülern müsste dazu führen, dass alle Schüler viel konsequenter individuell gefördert werden, betonte Dannhäuser. Das kostet Geld und erfordert deutlich mehr Lehrerstellen an allen Schularten.
2. Bildungschancen zu erhöhen. Die im Bildungsbericht präzise herausgearbeiteten regionalen Disparitäten sind alarmierend. Besonders überrascht die regionale Streuung bei den Übertrittsquoten. Sie reichen bei den Hauptschulen von 33% bis zu 62,5%, bei den Realschulen von 9,5% bis 30,8% und bei den Gymnasien von 21,0% bis 51,3%. Je höher in einer Region die Arbeitslosigkeit, desto mehr Schüler besuchen die Hauptschule. Das ist ungerecht und darf von der Staatsregierung nicht fatalistisch hingenommen werden. Schülerinnen und Schüler aus strukturschwachen Regionen brauchen wie in Ballungsgebieten verstärkt Ganztagsangebote, damit ihre Defizite ausgeglichen werden können.
3. Die Schulversorgung regional zu sichern. Bildungschancen hängen eng mit der Wohnortnähe der Schulangebote zusammen. Nicht umsonst kämpfen Eltern und Gemeinden zum Teil erbittert für den Erhalt ihrer Schulen.
Schule hat für die Region eine große pädagogische, soziale und kulturelle Bedeutung. Die Daten aus dem Bildungsbericht jedoch
alarmieren: Im Schuljahr 2011/12 wird die Zahl der Einschulungen um 17% zurückgehen. Bis zum Jahr 2023 nimmt die Zahl der 6- bis16-Jährigen um 18% ab, in einigen Grenzregionen sogar um 29%. Die Reaktion der
Staatsregierung: Schulschließungen von bisher 529 (Teil)-Hauptschulen.
Wird der Landtagsbeschluss umgesetzt, folgen im kommenden Jahr noch über 200 Schulschließungen. Das ursprüngliche Angebot an Hauptschulstandorten wird damit um über 40% ausgedünnt. Das schwächt betroffene Regionen noch mehr, kritisierte Dannhäuser. Sinnvoller wäre es, das vom BLLV entwickelte und in anderen Bundesländern bereits erfolgreiche umgesetzte Konzept Regionalschule auch in Bayern zu verwirklichen. Es gewährleistet bei stark rückläufigen Schülerzahlen Bildungsqualität und maximale Wohnortnähe.
4. Die Schulqualität zu verbessern. Der Bildungsbericht legt es an den Tag - die Klassen sind zu groß, die Unterrichtsversorgung nicht überall sichergestellt. Desillusionierend ist der geringe Ausbau von
Ganztagsschulen: Mit einem Angebot von 90 Ganztagsschulen (2,5%) steht Bayern im Ländervergleich an letzter Stelle. Für den BLLV sind die Konsequenzen klar: nötig ist der bedarfsgerechte Ausbau von Ganztagsangeboten, zudem müssen die Lern- und Arbeitsbedingungen an allen Schulen deutlich verbessert werden.
Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)
Andrea Schwarz, Pressereferentin
Bavariaring 37, 80336 München
Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155
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