BLLV fordert Bildungsoffensive Hauptschule / Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, Albin Dannhäuser, warnt vor Vereinfachungen und Polarisierung / Maßnahmenbündel nötig
(München) - Am Donnerstag, 6. April, wird sich der Landtag mit einem der dringlichsten schul- und bildungspolitischen Themen befassen, das derzeit die Schullandschaft prägt: Die Weiterentwicklung der Hauptschule. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hatte sich mit gleich lautender Petition im November 2005 an den Landtag gewandt, eine Bestandsaufnahme vorgelegt und ein ganzes Bündel an Maßnahmen gefordert. Immerhin haben sich die Fraktionen im Vorfeld darauf geeinigt, sich für die Petition eine halbe Stunde Zeit zu nehmen, kommentierte BLLV-Präsident Albin Dannhäuser den Termin. Die Forderung, dass Schüler die deutsche Sprache und grundlegende soziale Verhaltensweisen beherrschen müssen, ist selbstverständliche Voraussetzung für die erfolgreiche Teilnahme am Unterricht. Gewalttätige und störende Schüler, die aus dem Unterricht verwiesen werden, müssen jedoch ebenso pädagogisch aufgefangen werden wie ausländische Kinder ohne ausreichende Deutschkenntnisse, stellte der BLLV-Präsident klar.
In der Petition fordert der BLLV wohnortnahe Hauptschulen, bessere Bildungs-, Ausbildungs- und Berufschancen sowie eine spürbare pädagogische Unterstützung und Entlastung der Lehrerinnen und Lehrer. Ziel muss es sein, die Zahl derjenigen Hauptschüler/innen zu verringern, die die Schule ohne Abschluss verlassen müssen und Gefahr laufen, ins berufliche und soziale Abseits gedrängt zu werden, erklärte Dannhäuser. Um ihre Situation zu verbessern fordert der BLLV für das Jahr 2006 eine Bildungsoffensive Hauptschule. Zu oft seien die Bildungsbiografien von Hauptschülern von Misserfolgen und Ausgrenzung gekennzeichnet. Zu groß ist der Zusammenhang von Schulerfolg und sozialer Herkunft. Dannhäuser: Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen müssen einer Schülerschaft gerecht werden, die sehr unterschiedlichen Zugang zum Lernen findet. Ein großer Teil der Schüler/innen braucht besondere individuelle Förderung und Zuwendung. Bislang erhalten Lehrerinnen und Lehrer an Hauptschulen zu wenig Unterstützung. Inhalte der Bildungsoffensive müssen daher sein:
- kleinere Klassen, mehr Personal und mehr Fördermaßnahmen für lernschwache Schüler, insbesondere der qualifizierte Ausbau gut ausgestatteter Praxisklassen
- mehr Ganztagsschulen mit genügend Fachpersonal und anspruchsvolle ganztägige Betreuungsangebote
- handlungs- und projektorientiertes Lernen an berufsbezogenen Inhalten
- mehr Sprachlernklassen und Erhalt des muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts
- mehr sportliche und musisch-darstellende Aktivitäten
- zusätzliche finanzielle und personelle Mittel für Schulen in sozialen Brennpunkten
- mehr sonderpädagogische und sozialpädagogische Fachkräfte
- ausreichend Fachpersonal für individuelle Stützmaßnahmen
Ausdrücklich begrüßte der BLLV-Präsident die von Kultusminister Siegfried Schneider angekündigte Aufwertung der beruflichen Bildung als gleichwertigen Weg zur Hochschulreife. Dannhäuser: Allerdings darf darüber nicht die Mehrheit der Hauptschüler aus dem Blickfeld geraten, die über eine Berufsausbildung Arbeitsplätze sucht. Er stellte fest: Wer das dreigliedrige Schulsystem in Bayern erhalten will, muss die Verantwortung für alle Schulstufen und Schularten in gleicher Weise übernehmen. Die Hauptschule darf nicht wie ein ungeliebtes Stiefkind behandelt werden.
Die Lage der Hauptschule hat sich in den vergangenen Jahren zugespitzt. Die Schule wird besonders häufig von Schülern/innen aus Migrantenfamilien besucht. Lerninteressen und Leistungsfähigkeit unterscheiden sich stark, insbesondere kommen hierbei regionale Unterschiede zum Tragen. Gleichzeitig steigen die Qualifikationsanforderungen für eine Berufsausbildung weiter. Hauptschüler unterliegen dabei einem verschärften Verdrängungswettbewerb um Ausbildungsplätze. Viele finden keinen Ausbildungsplatz und sind ohne Perspektive. Dannhäuser:Berufsbildende Maßnahmen für arbeitslose Hauptschulabgänger sind zwar gut gemeint, führen allerdings in der Regel nicht zu dem erwünschten Erfolg. Sie zögern die Jugendarbeitslosigkeit um ein bis zwei Jahre hinaus und entlasten die Statistik. Eine langfristige berufliche Perspektive geben sie den jungen Menschen nicht. Nach wie vor verlassen 8,2 Prozent der bayerischen Hauptschüler die Schule ohne Abschluss.
Dannhäuser kritisierte die Schließung von Hunderten von Teil-Hauptschulen. Damit gehen erhebliche pädagogische Probleme einher: Die Schüler verlieren die soziale Einbindung in ihren Heimatort. Große Schuleinheiten führen zur Anonymität und zu vermehrten Disziplinproblemen. Trotzdem wurden seit 1992 insgesamt 184 Teilhauptschulen geschlossen. In den kommenden Jahren sollen nach Beschluss des Landtags alle 472 noch bestehenden Teilhauptschulen aufgelöst werden. Dadurch sollen 500 Lehrerplanstellen eingespart werden. Auch der absehbare Lehrermangel stellt die Hauptschule vor enorme Probleme. Die Zahl der Studenten für das Lehramt an Hauptschulen ist gesunken. Bereits in den nächsten Jahren können Lehrerstellen, die durch Pensionierung frei werden, nicht mehr in vollem Umfang von Junglehrer/innen besetzt werden. Eine nachhaltige Verbesserung der Akzeptanz der Hauptschule ist bis heute nicht überzeugend gelungen. Die Schulpolitik hat es versäumt, für die Hauptschule ein exklusives Bildungsprofil zu entwickeln, notwendige Fördermöglichkeiten fehlen.
Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)
Andrea Schwarz, Pressereferentin
Bavariaring 37, 80336 München
Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155
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