Pressemitteilung | Hans-Böckler-Stiftung
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Damit Gas nicht den Strompreis hochtreibt: Entkopplung nach spanischem Modell entlastet Verbraucher um 7 Milliarden Euro

(Düsseldorf) - Durch den Iran-Krieg sind die Gaspreise deutlich gestiegen. Aufgrund des Strommarktdesigns können höhere Gaspreise schnell zu höheren Strompreisen führen, was Unternehmen und private Verbraucher*innen erheblich belastet. Eine vorübergehende Subvention von in Kraftwerken verbrauchtem Erdgas nach dem Vorbild Spaniens und Portugals in der Energiepreiskrise 2022 könnte den weiteren Anstieg der Strompreise bremsen, zeigt eine aktuelle Studie von Dr. Tom Bauermann, Dr. Thomas Theobald und Fynn Janßen vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

In Abhängigkeit von der Gaspreisentwicklung könnte nach ihren Berechnungen die Ersparnis für Deutschland in der aktuellen Situation rund 7,3 Milliarden Euro pro Jahr betragen. Dies würde nicht nur Haushalte und Unternehmen entlasten, sondern auch die Inflation eindämmen und das Wirtschaftswachstum stärken.

Dass sich ein Anstieg der globalen Preise für Erdgas und Erdöl auf die Strompreise in Europa auswirkt, liegt an den Mechanismen, nach denen die Märkte funktionieren. An der Strombörse bestimmen in der Regel die teuersten zur Stromerzeugung eingesetzten Kraftwerke den Preis. Dieses Prinzip wird als Merit-Order-Prinzip bezeichnet. Die teuersten Kraftwerke sind häufig Gaskraftwerke. Nach ihnen richtet sich der Börsenstrompreis, selbst wenn der Großteil des Stroms aus günstigeren Quellen wie erneuerbaren Energien stammt. Dadurch können Gaspreisanstiege auf den Strommarkt übergreifen.

In der aktuellen Lage besteht die Sorge, dass die Strompreise in Deutschland und Europa erneut außerordentlich stark steigen könnten, etwa auf dauerhaft über 150 Euro pro Megawattstunde (MWh). Ein solches Niveau wurde seit 2023 nur in Ausnahmefällen an einzelnen Tagen erreicht. Zuvor hatte der Angriff Russlands auf die Ukraine im Jahr 2022 zu Spitzenpreisen von über 400 Euro pro MWh geführt. „Auch wenn die Gas- und Strompreise noch deutlich entfernt vom Niveau der Energiepreiskrise aus dem Jahr 2022 sind, sollten die EU und ihre Mitgliedsstaaten versuchen, Maßnahmen zu ergreifen, eine durch den geopolitischen Konflikt angeheizte Gaspreisentwicklung vom Strommarkt zu entkoppeln“, schreiben die Autoren.

Dafür bietet sich der sogenannte Iberische Mechanismus an. Dieser wurde 2022 von Spanien und Portugal eingeführt. Er wirkt wie ein indirekter, vorübergehender Preisdeckel für Erdgas, das zur Stromerzeugung genutzt wird. Bei der Berechnung der Strompreisgebote in Gaskraftwerken wird dann statt des aktuellen Marktpreises für Gas ein festgelegter Referenzpreis zugrunde gelegt, der deutlich niedriger liegt. Dadurch wird der aus Gas erzeugte Strom günstiger angeboten, sodass ein Überspringen der Preissteigerungen vom Gas- auf den Strommarkt stark eingedämmt wird.

Im Rahmen des Iberischen Mechanismus werden Gaskraftwerksbetreiber für die Differenz zwischen dem tatsächlichen Einkaufspreis und dem Referenzpreis entschädigt. Diese Kompensation erfolgt durch eine Umlage, die von Versorgungsunternehmen und industriellen Großkunden bezahlt wird. Die Versorger geben die Kosten in der Regel an die Endverbraucher*innen weiter. Trotz der Umlagekosten ist das Modell für Stromkund*innen letztlich deutlich günstiger, wie sowohl die Erfahrungen in Spanien als auch die Berechnungen des IMK zeigen. Dieser Kostenvorteil wächst mit dem Anteil kostengünstiger erneuerbarer Energieträger bei der Stromerzeugung. Denn dann muss nur relativ wenig Gasverbrauch kompensiert werden.

Wie sich der Iberische Mechanismus in der aktuellen Situation auf Deutschland auswirken würde, haben die Forscher mithilfe von Daten aus Spanien und Deutschland simuliert. Die deutschen Strompreise für das Jahr 2026 wurden auf Basis der Future-Preise für Erdgas im März prognostiziert. Ergebnis: Bei einem gedeckelten Gaspreis nach dem Iberischen Mechanismus würden die Strompreise im Durchschnitt 17 Euro pro MWh niedriger ausfallen. Bei einem angenommenen Gesamtverbrauch von 500 Terawattstunden in Deutschland entspräche dies einer Ersparnis von 8,5 Milliarden Euro für Haushalte und Unternehmen pro Jahr. Dem stünden Umlagekosten in Höhe von rund 1,2 Milliarden Euro gegenüber, mit denen die Gaskraftwerksbetreiber entschädigt würden. Unterm Strich hätten private Haushalten und Unternehmen damit eine Nettoersparnis von 7,3 Milliarden Euro pro Jahr.

Wie stark der Effekt ausfallen würde, hängt sehr von der tatsächlichen Entwicklung der Gaspreise und des Verbrauchs ab. Dass die Preise kurzfristig deutlich fallen, ist jedoch unwahrscheinlich, weshalb der Gaspreisdeckel auch in anderen als von den Forschern angenommenen Szenarien Vorteile hätte. „Ohne steuernde Markteingriffe drohen Preiszunahmen, die nicht nur Haushalte mit geringerem Einkommen hart treffen, sondern auch gesamtwirtschaftlich wachstumshemmend wirken“, schreiben Bauermann, Theobald und Janßen. Da die Finanzierung nicht über direkte staatliche Subventionen, sondern über eine Umlage erfolgt, werde der Staatshaushalt nicht belastet. Dies sehen die Forscher als wichtigen Vorteil gegenüber einer derzeit diskutierten Entlastung durch Senkung der Stromsteuer. Dabei seien beide Maßnahmen auch komplementär denkbar.

Erst kürzlich hat die EU-Kommission beschlossen, dass Staaten Maßnahmen ergreifen dürfen, um ein Überspringen hoher Gaspreise auf den Strommarkt abzumildern. Die Maßnahmen müssen zwar von der Kommission geprüft werden, aber europarechtlich scheint einer Umsetzung des Iberischen Mechanismus nichts im Wege zu stehen. Anders als 2022 sollte dieser jedoch auf EU-Ebene und nicht nur auf nationaler Ebene eingeführt werden, empfehlen die Ökonomen. Damit wäre eine einheitliche und faire Regulierung der Strompreise innerhalb der EU möglich.

Die Einführung in nur einem Staat berge dagegen das Risiko, dass Preisunterschiede zwischen den Mitgliedstaaten entstehen. In der Folge würden Nachbarstaaten ohne Deckel mehr Strom importieren, die Verbraucher im Land mit Deckel würden das indirekt mit ihrer Umlage subventionieren. Sollte der Mechanismus auf rein nationaler Ebene umgesetzt werden, müssten die Stromexporte mit einer Gebühr belegt werden, um dem gegenzusteuern. Der Mechanismus sollte außerdem nur vorübergehend angewendet werden und nicht zu einer dauerhaften Subventionierung einer bestimmten Kraftwerksart führen.

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