Dr. Dirk Textor: Steigende Recyclingquote darf nicht über strukturelle Krise hinwegtäuschen
(Bonn) - Die Zentrale Stelle Verpackungsregister (ZSVR) und das Umweltbundesamt melden für das Jahr 2024 eine Kunststoffrecyclingquote von rund 71 Prozent und damit einen Anstieg um etwa zwei Prozentpunkte gegenüber 2023. Für den bvse-Fachverband Kunststoffrecycling sind diese Zahlen jedoch kein Beleg für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft, sondern Anlass zu einer dringend notwendigen Einordnung.
„Die ausgewiesenen Recyclingquoten wirken auf den ersten Blick eindeutig, sie spiegeln jedoch nicht die tatsächliche Situation der Branche wider“, erklärt Dr. Dirk Textor, Vorsitzender des bvse-Fachverbandes Kunststoffrecycling. „Es handelt sich um Zuführquoten. Dass Material in eine Anlage gelangt, heißt noch lange nicht, dass daraus ein marktfähiger Sekundärrohstoff entsteht oder dieser auch tatsächlich eingesetzt wird.“
Während die Quoten steigen, verschärft sich die wirtschaftliche Lage vieler Kunststoffrecycler. In Deutschland und Europa haben in den vergangenen zwei Jahren zahlreiche Unternehmen aufgegeben oder ihre Kapazitäten erheblich reduziert. Gleichzeitig sind die Lager der verbliebenen Recycler überfüllt. Zehntausende Tonnen hochwertiger Rezyklate warten auf Abnehmer, obwohl formal hohe Recyclingquoten ausgewiesen werden. „Recycling ohne Nachfrage ist kein Kreislauf“, so Textor. „Wenn Rezyklate auf Halde liegen, erzeugen wir Statistik, aber keine Ressourcenschonung.“
Deutlich wird dieses Missverhältnis auch bei flexiblen Polyolefin-Verpackungen. Für den PO-Flex-Strom existieren weiterhin zu wenig belastbare Absatzmärkte. Um ihre gesetzlichen Quoten zu erfüllen, zahlen Sortieranlagen Recyclern höhere Zuzahlungen als die Verbrennung erfordert, damit diese das Material überhaupt abnehmen.
Hinzu kommt, dass hochwertiges Kunststoffrecycling nach Mindeststandard der ZSVR, also die tatsächliche Substitution fossiler Neuware, aktuell bei weniger als acht Prozent liegt – PET-Flaschen bereits eingeschlossen. Gleichzeitig werden bereits mehr als die Hälfte der Kunststoffabfälle in Deutschland energetisch verwertet. Der bvse-Fachverband warnt vor einer zunehmenden Verbrennungsfalle, da fehlende Abnehmermärkte für Rezyklate, anhaltender Preisdruck und zusätzliche Importe aus Drittstaaten die europäischen Recycler weiter schwächen.
„Wir verlieren derzeit Anlagen und Know-how, die künftig dringend benötigt werden“, warnt Textor. „Diese Kapazitäten lassen sich bis zum Wirksamwerden der PPWR mit ihren Rezyklateinsatzquoten nicht einfach wieder aufbauen.“ Ohne verlässliche Abnahmen und einen konsequenten Einsatz von Rezyklaten durch Markeninhaber und Handel, drohe die Kunststoffkreislaufwirtschaft weiter auszuhöhlen.
Der bvse-Fachverband Kunststoffrecycling mahnt daher zu einem realistischen Blick auf die Zahlen. „Wir sollten die Lage nicht schlechter reden, als sie ist – aber bitte auch nicht schöner“, so Textor abschließend. „Eine steigende Quote allein ist kein Grund zum Feiern. Die strukturelle Krise des Kunststoffrecyclings ist real und sie ist mit diesen Zahlen nicht gelöst.“
Quelle und Kontaktadresse:
(bvse) Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V., Jörg Lacher, Leiter(in) Politik und Kommunikation, Fränkische Str. 2, 53229 Bonn, Telefon: 0228 988490
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