Europäischer Tarifbericht in den aktuellen WSI-Mitteilungen / EU-Verteilungsbilanz: Weitere Verschiebung von Arbeits- zu Kapitaleinkommen
(Düsseldorf) - 18 von 27 EU-Ländern haben 2006 den lohnpolitischen Verteilungsspielraum nicht ausgeschöpft. Die Nominallöhne in diesen Ländern stiegen weniger stark als die Summe aus Preis- und Produktivitätszuwachs. Damit verschob sich in zwei von drei EU-Staaten das Verhältnis von Kapital- und Arbeitseinkommen zu Gunsten der Kapitaleinkommen. In Deutschland war dieser Effekt 2006 erneut besonders ausgeprägt. Zu diesen Ergebnissen kommt der neue Europäische Tarifbericht des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. 2007 wird der Verteilungsspielraum in Deutschland durch höhere Lohnabschlüsse stärker ausgeschöpft, die Nominallohnsteigerung bleibt aber weiterhin klar unter dem Preis- und Produktivitätszuwachs. Auch wenn die Nominallöhne in Deutschland in diesem Jahr um 2,3 bis 2,5 Prozent wachsen sollten, "würde sich die deutsche Lohnentwicklung im europäischen Vergleich nach wie vor am unteren Rand bewegen", schreibt WSI-Tarifexperte Dr. Thorsten Schulten in der aktuellen Ausgabe der WSI-Mitteilungen.
Im vergangenen Jahr wuchs das Bruttoinlandsprodukt in den 27 EU-Staaten um drei Prozent, für dieses Jahr erwartet die Europäische Kommission einen vergleichbaren Anstieg. Im Gefolge der guten Entwicklung legten 2006 europaweit die Nominallöhne zu: Im Schnitt um 2,6 Prozent, wie Schulten anhand von Daten der Europäischen Kommission zeigt. Die höchsten Steigerungen gab es in den mittel- und osteuropäischen Beitrittsstaaten. In den Ländern der "alten" EU-15 nahmen die Nominallöhne in der Regel zwischen zwei und vier Prozent zu. Deutschland bildete hingegen mit 1,1 Prozent gemeinsam mit Malta und den Niederlanden das europäische Schlusslicht.
Die Verteilungsbilanz - nominaler Lohnzuwachs minus Verteilungsspielraum - fiel daher in Deutschland mit -3 Prozentpunkten besonders ungleich aus, so der Tarifbericht. Der kostenneutrale Spielraum betrug nach EU-Daten 4,1 Prozent - nur ein 1,1 Prozent davon gingen an die Arbeitnehmer. Auch im Durchschnitt der EU 27 war die Verteilungsbilanz 2006 mit -1,2 Prozentpunkten negativ. Gegen diesen Trend entwickelte sich die Verteilungsbilanz in Dänemark, Frankreich, Irland, Italien, den baltischen Staaten, Polen und Rumänien.
Für 2007 hält das WSI-Tarifarchiv aufgrund der bisherigen Tarifabschlüsse einen Anstieg der Tariflöhne um 2,3 Prozent für denkbar, die Nominallöhne könnten noch etwas stärker wachsen. Gleichzeitig prognostiziert die EU-Kommission für die Bundesrepublik einen Verteilungsspielraum von 3,6 Prozent. Damit würde sich die Lücke in der Verteilungsbilanz in Deutschland und EU-weit verkleinern. Doch für eine Verstetigung der guten Konjunktur seien höhere Lohnsteigerungen nötig, so Schulten. Grund: Die Unternehmen in der EU zielen vor allem auf den europäischen Markt, sie benötigen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Schulten verweist zudem darauf, dass die deutsche Lohnzurückhaltung mittlerweile von französischen und US-Ökonomen stark kritisiert wird - als Versuch, die Wettbewerbsfähigkeit auf Kosten der Nachbarn zu erhöhen.
Quelle und Kontaktadresse:
Hans-Böckler-Stiftung
Rainer Jung, Leiter, Pressestelle
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