Gesundheitsökonomen warnen vor Risiken / Immer mehr Menschen ohne Krankenversicherung
(Düsseldorf) - Seit Mitte der neunziger Jahre ist die Zahl der Menschen ohne Krankenversicherung in Deutschland kontinuierlich gewachsen. Das zeigt eine aktuelle Expertise im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Hält die Entwicklung an, drohen gesundheitliche und wirtschaftliche Risiken für die Nichtversicherten ebenso wie für die Bevölkerung insgesamt, analysieren die Gesundheitsökonomen Prof. Dr. Jürgen Wasem, Dr. Stefan Greß und Anke Walendzik von der Universität Duisburg-Essen.
Anders als etwa in den USA lebt in der Bundesrepublik bislang zwar nur eine kleine Minderheit ohne Krankenversicherungsschutz. Doch ist diese Gruppe zwischen 1995 und 2003 deutlich gewachsen: Von 105 000 auf 188 000 Personen, wie die Forscher auf Basis der derzeit verfügbaren Daten aus dem Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes ermitteln. Die tatsächliche Zahl dürfte nach Analyse der Wissenschaftler eher noch höher liegen, da beispielsweise Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung in der Statistik nur selten erfasst sind.
Besonders deutlich gestiegen ist seit 1995 die Zahl der Erwerbstätigen ohne Krankenversicherung. Ihr Anteil liegt mittlerweile bei über 40 Prozent. Darunter sind zahlreiche Selbständige mit kleinem Einkommen sowie geringfügig Beschäftigte, die sich weder über eine gesetzliche noch über eine private Kasse absichern. Aus Sicht der Forscher ein deutliches Indiz dafür, dass das System der Krankenversicherung nicht mit den Veränderungen in den Erwerbsbiografien Schritt hält. So treffen ältere Beschäftigte, die sich nach einer Arbeitslosigkeit selbständig gemacht und privat versichert hatten, auf hohe gesetzliche Hürden, wenn sie zurück in die gesetzliche Krankenversicherung wechseln wollen. In der Privatkasse sind sie mit hohen, risikobezogenen Prämien konfrontiert. Auch Geschiedene und Ausländer stehen überdurchschnittlich oft ohne Schutz da.
Das Team um Prof. Dr. Wasem warnt vor Konsequenzen der Versicherungslücke, wie sie amerikanische Wissenschaftler seit längerem beschreiben: Nichtversicherte lassen sich seltener impfen, sie werden häufiger krank und sterben früher als Versicherte. Den Gang zum Arzt zögern sie hinaus. Diese Vermeidungsstrategie könnte auch Dritte gefährden, wenn ansteckende Erkrankungen nicht oder zu spät behandelt werden. Außerdem verursachen Kranke ohne Versicherung mittelfristig möglicherweise sogar überdurchschnittliche Kosten. Grund: Sie nehmen häufiger Notdienste in Anspruch, die keinen Patienten abweisen dürfen.
Um zu verhindern, dass der Trend zur Nichtversicherung zunimmt, muss der Gesetzgeber nach Auffassung der Essener Forscher handeln. Ein möglicher Weg ist eine allgemeine Krankenversicherungspflicht nach dem Vorbild der Schweiz oder der Niederlande; Voraussetzung dafür ist allerdings ein einheitliches Versicherungssystem mit einem umfassenden Finanzausgleich.
Wenigstens teilweise ließe sich das Problem lösen, wenn der Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung für einzelne Personengruppen, etwa Selbständige mit geringem Einkommen, vorgeschrieben oder erleichtert würde. Parallel dazu könne der Gesetzgeber privaten Krankenversicherern verbieten, Versicherungswillige abzulehnen. Geringverdienern müssten die Privaten dann unabhängig von deren Krankheitsrisiko günstigere Standardtarife anbieten.
Weitere Informationen und Grafik im Böckler Impuls 16/2005. Abrufbar unter www.boecklerimpuls.de
Quelle und Kontaktadresse:
Hans-Böckler-Stiftung
Rainer Jung, Leiter, Pressestelle
Hans-Böckler-Str. 39, 40476 Düsseldorf
Telefon: (0211) 77780, Telefax: (0211) 7778120
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