Pressemitteilung | Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Anzeige

GEW: „Mit ideologischen Scheuklappen wird man Kindern nicht gerecht“ / Frühes Einsortieren in Schulformen ungerecht und für alle stressig

(Frankfurt am Main) - „Die frühe Entscheidung für eine Schulform am Ende des vierten Schuljahres überfordert Eltern, Schüler und Lehrkräfte. Es verstößt gegen grundlegende Menschenrechte, für ein zehnjähriges Kind zu entscheiden, ob es Maurer oder Professor werden darf“, sagte Marianne Demmer, Schulexpertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), heute (02. Februar 2006) in Frankfurt a.M. Unter Berufung auf wissenschaftliche Untersuchungen wies sie darauf hin, dass es bei der Schullaufbahnentscheidung zudem „höchst ungerecht“ zugehe. So seien die rechtlichen Übergangsregelungen zum Beispiel in nahezu jedem Bundesland anders.

Konservativen Kultusministerinnen wie Barbara Sommer (CDU) in Nordrhein-Westfalen oder Karin Wolff (CDU) in Hessen warf Demmer vor, die Rettung des gegliederten Schulsystems sei ihnen wichtiger als das Kindeswohl. Sie ignorierten wissenschaftliche Befunde und die Nöte der Beteiligten, statt die Probleme der frühen Schulformentscheidung in Deutschland anzupacken. „Mit blickdichten ideologischen Scheuklappen wird man Kindern nicht gerecht und kann das Schulwesen nicht verbessern“, betonte die GEW-Sprecherin.

Alle empirischen Studien haben laut Demmer gezeigt, dass die Chancen eines Kindes auf optimale Förderung und einen möglichst hohen und guten Schulabschluss vor allem vom Bundesland, der sozialen Herkunft und der Grundschulempfehlung abhängen. Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsarmen Familien seien extrem benachteiligt.“

„Der Übergang nach der Grund- in eine weiterführende Schule wird von vielen Familien als höchst stressig erlebt“, sagte Demmer. Schließlich sei täglich zu lesen, „dass nur das Abitur alle beruflichen Möglichkeiten offen hält und Akademiker am wenigsten von Arbeitslosigkeit betroffen sind“. Lehrerinnen und Lehrer lehnten es zunehmend ab, als „Hellseher“ zu fungieren, lebenswichtige Entscheidungen für zehnjährige Kinder verantworten zu müssen und doch genau zu wissen, dass die schulische Entwicklung der Mädchen und Jungen nicht vorher zu sehen sei. „Die Grundschullehrerinnen wehren sich völlig zu Recht gegen den Vorwurf, über nicht genügend diagnostische Kompetenz zu verfügen. Diagnostische Kompetenz kann sich nur auf den Ist-Zustand beziehen, nicht auf eine ferne Zukunft“, unterstrich die Schulexpertin.

Die GEW empfiehlt den Eltern, eine Schulform zu wählen, die nicht in einer Sackgasse endet und den Weg zum Abitur ohne Umwege offen hält. „Längerfristig geht kein Weg daran vorbei, dass wir auch in Deutschland eine gemeinsame Schule für alle Kinder einführen“, sagte Demmer.

Info: Jährlich steht für ca. 800.000 zehn- (bzw. zwölf) jährige Kinder die Entscheidung über die weiterführende Schule an. Nach Rekonstruktion der PISA-E-Daten betrug die Quote der Schulformwechsler im Jahr 2000 unter den 15-Jährigen 14,4 Prozent. Das heißt, allein in dieser Altersgruppe haben fast 134.000 junge Menschen die Schulform mindestens einmal gewechselt. Nahezu 98.000 hatten einen Schulformabstieg zu verkraften (73 Prozent), nur 23 Prozent „steigen auf“. Die breite Leistungsüberlappung zwischen den Schulformen legt die Vermutung nahe, dass viel mehr Schüler eine höhere Schulform hätten besuchen können.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung hatte kürzlich angekündigt, den Elternwillen bei der Wahl der weiterführenden Schulform stark einzuschränken und der Grundschulempfehlung entscheidendes Gewicht zu geben. In einer Studie hatte der Essener Wissenschaftler Rainer Block darauf hingewiesen, dass die Empfehlungen der Lehrkräfte keineswegs eine bessere Prognose für den weiteren Schulerfolg darstellten als die Entscheidungen der Eltern. In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau bestritt Hessens Kultusministerin Wolff diesen Befund schlankweg und erklärte vollmundig, sie vertraue der Grundschulempfehlung. Damit ignoriert sie auch die zahlreichen Hinweise renommierter Forscher wie Wilfried Bos (Grundschulstudie IGLU) oder Jürgen Baumert (PISA-Studie).

Quelle und Kontaktadresse:
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Ulf Roedde, Pressesprecher Reifenberger Str. 21, 60489 Frankfurt am Main Telefon: (069) 78973-0, Telefax: (069) 78973-201

Logo verbaende.com
NEWS TEILEN:

NEW BANNER - Position 4 - BOTTOM

Anzeige