Pressemitteilung | Baden-Württembergischer Handwerkstag e.V.
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Handwerkskonjunktur im Land nähert sich wieder der Standspur an

(Stuttgart) - „Die Luft scheint raus, inzwischen sind wir der Standspur wieder näher als der Überholspur“, stellte Landeshandwerkspräsident Joachim Möhrle in der Jahrespressekonferenz des Baden-Württembergischen Handwerkstages (BWHT) fest. Der Aufschwung habe deutlich an Kraft verloren. Dies zeigten auch die Ergebnisse der aktuellen BWHT-Konjunkturumfrage. Der Konjunkturindikator, der die wichtigsten Kennzahlen und die Erwartungen der Unternehmen abbildet, liegt auch im zweiten Quartal 2008 deutlich unter den Vorjahreswerten.

Das 2. Quartal erfüllte die in die Konjunktur gesetzten Hoffnungen bei weitem nicht. Während sich im Vorjahresquartal 2007 noch 48 Prozent der Handwerker mit der gegenwärtigen Geschäftslage zufrieden zeigten, waren es jetzt nur noch 35,8 Prozent. Erstmals seit 1994 blieb die übliche Frühjahrsbelebung aus. Geprägt wird diese Entwicklung besonders durch die negativen Einschätzungen der konjunkturellen Lage in den Bereichen Kraftfahrzeug, Gesundheit und Nahrungsmittel. Im Kfz-Bereich zeigten sich gravierende Auswirkungen hoher Treibstoffpreise. Über alle Gruppen hinweg ist insgesamt die Zuversicht des vergangenen Jahres verloren gegangen. Der Erwartungsindex hat sich im Vergleich zum Vorjahr deutlich von 41,8 auf 27,2 reduziert.

Nach dem Zulieferhandwerk kommen dabei die besten Zukunftseinschätzungen aus dem Bauhandwerk. Trotzdem sank der sich aus Lage und Erwartungen zusammensetzende Konjunkturindikator aller Handwerksgruppen um fast die Hälfte von 37,1 im Vorjahresquartal auf aktuelle 21,1. Jeder zehnte Handwerksbetrieb gab an, mehr Mitarbeiter eingestellt zu haben. Allerdings mussten auch 6,5 Prozent der Betriebe ihre Belegschaft reduzieren. Knapp 70 Prozent der Betriebe gaben steigende Einkaufspreise an, während nur rund ein Viertel diese auch in gestiegenen Verkaufpreisen weitergeben konnten. Nicht einmal jeder zweite Betrieb plant weitere Investitionen.

Aus Sicht des Handwerks ist die Binnenkonjunktur nicht wirklich angesprungen. Er sehe im Moment auch keine Hinweise auf eine Belebung des privaten Konsums, sagte Möhrle. Schon der Höhenflug zum Jahreswechsel 2006/2007 sei durch temporäre Faktoren wie Wegfall der Eigenheimpauschale oder energetische Sanierungsförderung bestimmt gewesen. Diese Faktoren hätten auch nur bestimmte Handwerke – Bau, Ausbau und gewerblicher Bedarf – angeschoben. Nach einem fulminanten Auftakt zum Jahresbeginn 2007 sei dieser positive Trend von Quartal zu Quartal schwächer geworden.

2007: Erstmals Beschäftigungsaufbau

Das Bild des Handwerks 2007 sei von einem leichten Beschäftigungsaufbau und Rekordzahlen bei den Auszubildenden geprägt gewesen, erklärte Möhrle anlässlich der Vorlage des BWHT-Geschäftsberichts. Während die Mitarbeiterzahl – erstmals nach mehr als zehn Jahren wieder mit positivem Vorzeichen – von 744.000 auf 749.000 (+ 0,6 Prozent) stieg, gingen gleichzeitig die Umsätze um ein Prozent zurück auf 66,8 Milliarden Euro. Dies obwohl sich die Zahl der Betriebe immer noch im Sog der Handwerksnovelle und hohen Arbeitslosenzahlen um 1,2 Prozent auf rund 129.500 erhöhte. Das sind 1.538 Betriebe mehr als im Jahr zuvor, von 2005 auf 2006 war der Zuwachs sogar noch doppelt so hoch.

In den meisterpflichtigen Handwerken (Anlage A) wuchs der Betriebsbestand im letzten Jahr deutlich langsamer als im Vorjahr um 101 auf 84.011 Betriebe. Es gab zwar weniger Neugründungen, andererseits aber auch weniger Schließungen. Der Betriebsbestand im zulassungsfreien Handwerk (B1), in dem keine Meisterpflicht mehr besteht, ist seit der Handwerksnovelle innerhalb von wenigen Jahren um beispiellose 75 Prozent gestiegen. Doch inzwischen zeigt sich: Die steigende Zahl der Löschungen bremst den Gründerboom allmählich aus. Möhrle: „Unternehmer werden war in dieser Zeit leicht, Unternehmer sein dagegen blieb schwer.“ Es gab aber nach wie vor ein deutliches Plus von 1.427 Neugründungen auf 20.000 Betriebe. Wie in den Vorjahren sind für das Betriebswachstum in der Anlage B1 nur Gewerke aus den bau- und den baunahen Handwerksberufen sowie aus den Dienstleistungsbereichen verantwortlich.

Auszubildende: Rekordergebnis

Mit rund 23.600 neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen hat das baden-württembergische Handwerk im Ausbildungsjahr 2007/2008 ein Plus von fünf Prozent zum Vorjahr und damit das beste Ergebnis seit 16 Jahren erreicht. Mehr als die Hälfte der Auszubildenden verfügte über einen Hauptschulabschluss. Das Handwerk ist damit weiterhin der mit Abstand wichtigste Ausbilder für Hauptschüler. Insgesamt werden im Handwerk in Baden-Württemberg derzeit 58.836 junge Frauen und Männer ausgebildet. Möhrle unterstrich allerdings, dass das Ausbildungspotenzial der Betriebe noch deutlich höher liege. Aufgrund des Mangels an qualifizierten Bewerbern konnten etwa 8.000 Lehrstellen nicht besetzt werden. Der Kampf um die „Guten“ habe bereits begonnen.

Als einen Pluspunkt bezeichnete Möhrle die angekündigte Änderung im Landeshochschulgesetz, das bisher noch die Bedingung einer mindestens vierjährigen Berufstätigkeit als Meister für den Hochschulzugang vorschreibe. Dies sei eine Benachteiligung der Berufsausbildung gegenüber der allgemeinen Bildung. Er freue sich, dass diese Einschränkung nun wegfalle. Damit werde eine jahrelange Forderung des Handwerkstages in die Tat umgesetzt und damit unterstreiche die Landesregierung, dass es ihr ernst sei mit der Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung. In Baden-Württemberg haben im vergangenen Jahr rund 3.400 Handwerkerinnen und Handwerker ihre Meisterprüfung absolviert.

Ausblick 2008

Nach dem ausgebliebenen Frühlingserwachen werde die Konjunktur des Handwerks im Land weiter an Schwung verlieren, meinte Möhrle. Er rechne für 2008 mit einem nominalen Umsatzplus von 1,0 Prozent. Es werde zu keinem weiteren Aufbau der Beschäftigten kommen, aber die Wirtschaftsgruppe Handwerk werde auch 2008 zur Stabilisierung der Beschäftigung in Baden-Württemberg beitragen. Dies mache sich vor allem in den Ausbildungszahlen bemerkbar. Die ersten Trendzahlen zeigten bereits, dass das Lehrstellenangebot deutlich wachsen werde. Ende Juni wurden mit 8.221 gut 16 Prozent mehr neue Lehrverträge als im Juni des Vorjahres gemeldet. Vor allem in den Branchen Sanitär-Heizung-Klima, Feinwerkmechanik oder Elektromaschinenbau werde sich der Bedarf an Lehrlingen verstärken.

Schattenwirtschaft: Großprojekte im Blick

Zu den großen Problemen des Handwerks zählt nach wie vor die Schattenwirtschaft. Im Land dürfte das Volumen der Schwarzarbeit bei circa 344 Milliarden Euro liegen. Davon entfallen rund 40 Prozent auf das Baugewerbe und das Handwerk. Tatsächlich aufgedeckt wird aber nur ein Bruchteil der illegalen Tätigkeiten. „Wir werden weiter vehement dafür eintreten, die Bekämpfung der Schwarzarbeit ernst zu nehmen“, unterstrich Möhrle. Im Zusammenhang mit Schwarzarbeit begleitet der BWHT auch baden-württembergische Großprojekte. Beim Bau der neuen Landesmesse wurde zum Beispiel festgestellt, dass im Bauhauptgewerbe Dumpinglöhne gezahlt wurden. Das Handwerk werde deshalb ein genaues Augenmerk auf die Realisierung des Jahrhundertprojekts Stuttgart 21 haben.

Mittelstandsprogramm: Papiertiger

Etwa 80 Prozent der Handwerksunternehmen zählen zu den kleinen und mittleren Betrieben. Mit ihrer nur gering vorhandenen Mitarbeiterspezialisierung – Großunternehmen haben eigene Abteilungen und verantwortliches Personal - seien sie kaum in der Lage ihre Betriebsergebnisse nachhaltig zu sichern, erklärte Möhrle. Diesen größenbedingten Nachteil auszugleichen, sei eindeutig Aufgabe der Mittelstandsförderungspolitik. Diese lasse aber zunehmend zu wünschen übrig – nicht nur in Baden-Württemberg, hier aber ganz besonders. Das Wirtschaftsministerium habe Ende 2007 ein Zukunftsprogramm Mittelstand vorgelegt. Insgesamt spricht das Programm zahlreiche mittelstandsrelevante Fragestellungen an, beschränkt sich aber in der Regel auf deklaratorische Maßnahmen, ohne dass dies materiell nachhaltig begleitet werden würde. Möhrle: „So bleibt dieses Programm kaum mehr als ein Papiertiger.“ Eine erfreuliche Ausnahme stelle allenfalls die probeweise Einführung von Innovationsgutscheinen dar.

Energiepolitik: Vorfahrt für Dezentralisierung

Zentrales Thema, betonte Möhrle, bleibe für den Handwerkstag die Energiepolitik. Der Ausbau dezentraler, erneuerbarer Energiesysteme müsse konsequent fortgesetzt werden. Dieses wirke sich positiv auf die regionale Entwicklung und Beschäftigung aus. Gleichzeitig gelte es, die Verpflichtung zur Versorgungssicherheit des nationalen Energieangebotes nicht zu vernachlässigen. Das Handwerk spreche sich dafür aus, die Laufzeit sicherer Atomkraftwerke zu verlängern. Voraussetzung sei allerdings, dass „die dabei möglichen Zusatzerträge der Betreiber möglichst ungeschmälert zum Ausbau erneuerbarerer Energien und zur Erhöhung der Energieeffizienz zur Verfügung stehen“.

http://www.handwerk-bw.de/Geschaeftsberic.gb-2007.0.html.

Quelle und Kontaktadresse:
Baden-Württembergischer Handwerkstag (BWHT) Dr. Hartmut Richter, Hauptgeschäftsführer Heilbronner Str. 43, 70191 Stuttgart Telefon: (0711) 26 37 09-0, Telefax: (0711) 263709-100

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