Pressemitteilung | AOK - Bundesverband
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Heilmittel-Report 2026: Stetig steigende Kosten für Heilmittel-therapien, aber wenig Wissen über Versorgungsqualität

(Berlin) - Im Heilmittelbereich sind seit Jahren stetig steigende Ausgaben zu verzeich¬nen, während über die Qualität der Versorgung kaum Informationen vorliegen. Auch die 2024 neu eingeführte Blankoverordnung für bestimmte Diagnosen in der Ergo- und Physiotherapie hat bei diesen Indikationen zu einem starken Anstieg von Behandlungen und Ausgaben geführt, während der Nutzen für die Patientinnen und Patienten durch die neue Therapiefreiheit bisher noch unklar ist. Das macht der heute vorgestellte Heilmittel-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) deutlich. Er beleuchtet verschiedene Wege zur Messung und Verbesserung der Versor-gungsqualität von der Akademisierung der Heilberufe über die Implementierung von Leitlinien bis zur Nutzung von Routinedaten der Krankenkassen für die Qualitätsmessung.

Laut Report haben die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2024 knapp 13,3 Milliarden Euro für Heilmittel-Therapien ihrer Versicherten ausgegeben. Damit haben sich die Ausgaben innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt (2015: 6,1 Milliarden Euro). Ende 2025 lagen die GKV-Ausgaben bereits bei 14,7 Milliarden Euro. Sie sind damit im vergangenen Jahr erneut um 10,4 Prozent gestie¬gen. Ein Blick in die aktuelle Ausgaben-Statistik der AOK zeigt, dass sich dieser Trend mit einer Steigerungsrate von 8,7 Prozent im ersten Quartal 2026 fortsetzt. Der Bereich der Heilmittel hat damit auch im Vergleich zu anderen Leistungsbereichen eine besonders hohe Ausgabendynamik. Verantwortlich für die Ausgabensteigerungen ist unter anderem eine bundesweite Angleichung des Vergütungsniveaus für die Leistungserbringer im Jahr 2019 und die Entkopplung der Vergütung von der Entwicklung der Grundlohnsumme in den Folgejahren. Zuletzt sorgte die Einführung der Blanko¬verordnung im Jahr 2024 für einen Anstieg der Kosten bei bestimmten Indikationen. Sie kann für. bestimmte Diagnosen im Bereich der Ergotherapie und für die Physiotherapie bei Erkrankungen im Bereich des Schultergelenks ausgestellt werden. Nach der ärztlichen Diagnose können die Thera-peutinnen und Therapeuten dann eigenverantwortlich über das Heilmittel, die Behandlungsfre¬quenz und die Menge der Behandlungen entscheiden.

Blankoverordnungen verursachen höhere Kosten bei noch unklarem Nutzen
Für den Heilmittel-Report sind die aktuellen Daten zu den Blankoverordnungen im Bereich der Physiotherapie näher analysiert worden. Demnach machten die Blankoverordnungen im vergange¬nen Jahr zwar nur 2,4 Prozent aller Physiotherapie-Verordnungen mit einem Umsatzanteil von 4,5 Prozent aus. Im vierten Quartal 2025 ist aber bereits jede zweite Physiotherapie-Verordnung im Diagnosebereich der Schulterbeschwerden als Blankoverordnung ausgestellt worden. Diese Verord¬nungen kosteten im vierten Quartal 2025 durchschnittlich 714 Euro je Verordnung, während ärzt-liche Regelverordnungen im Schnitt nur mit 214 Euro zu Buche schlugen. „Das ist vor allem dadurch zu erklären, dass sowohl die Behandlungsdauer als auch die Frequenz der Behandlungen bei Blan¬koverordnungen höher lagen als bei den ärztlichen Regelverordnungen“, erläuterte Helmut Schrö¬der, WIdO-Geschäftsführer und Mitherausgeber des Heilmittel-Reports. „Grundsätzlich halten wir es für sinnvoll, dass Therapeutinnen und Therapeuten mehr Verantwortung übertragen bekommen – das ist der richtige Weg“, betonte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Dr. Carola Reimann, bei der Vorstellung des Reports. Damit verbunden sein müsse aber auch der verantwortliche Umgang mit den Ressourcen, vor allem mit der „wertvollen Arbeitszeit der Thera¬peutinnen und Therapeuten“, so Reimann. „Leider zeigen die ersten Daten zu den Blankoverordnun¬gen, dass das noch nicht optimal funktioniert.“ Eine Ausweitung der Blankoverordnungen auf weitere Diagnosen sei daher erst zu rechtfertigen, wenn gesicherte Erkenntnisse zu besseren Outcomes, einem geringeren Risiko von Chronifizierungen oder zu messbaren Effizienzgewinnen vorlägen.

Zwei Drittel des Heilmittel-Umsatzes entfielen auf Physiotherapien
Mit 69,7 Prozent entfielen im Jahr 2024 laut Heilmittel-Report mehr als zwei Drittel des Heilmittel- Umsatzes der GKV auf Physiotherapien. Auch bei den abgerechneten Verordnungen hat die Physio¬therapie mit 82,4 Prozent den höchsten Anteil. Sie ist vor allem für ältere Versicherte relevant, während bei den Kindern bis 14 Jahren vorrangig die Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie sowie Ergotherapie abgerechnet werden. „Zum Kostenanstieg im Heilmittelbereich beigetragen hat auch eine Ausweitung der Möglichkeit zu langfristigen Heilmitteltherapien“, berichtete Helmut Schröder. So hat sich die Zahl der Verordnungen des sogenannten langfristigen Heilmittelbedarfs seit der Einführung 2017 bis zum Jahr 2025 fast verfünffacht – von 56 Verordnungen auf 249 Verordnungen je 1.000 bei der AOK versicherte Heilmittelpatientinnen und -patienten. Auch beim Besonderen Versorgungsbedarf für Menschen mit schwerwiegenden oder langfristigen Erkrankun¬gen, die Heilmittel für einen in der Regel begrenzten Zeitraum sehr intensiv benötigen, gab es zwischen 2017 und 2025 einen Anstieg von 243 auf 704 Verordnungen je 1.000 AOK-versicherte Heilmittelpatientinnen und -patienten. Die Kosten für den langfristigen Heilmittelbedarf und den besonderen Versorgungbedarf haben sich im Jahr 2025 auf insgesamt 2,6 Milliarden Euro summiert. Damit entfielen 50 Prozent der Heilmittelkosten der AOK auf diese Verordnungsformen.

Report zeigt Ansätze für Verbesserung der Versorgungsqualität
In insgesamt 23 Kapiteln beleuchtet der Heilmittel-Report schwerpunktmäßig Ansätze zur Messung und Verbesserung von Qualität im Heilmittelbereich. Ein wichtiger Faktor zur Verbesse¬rung der Qualität ist laut den beteiligten Expertinnen und Experten die Qualität der Ausbildung. „In 82 Prozent der europäischen Länder ist als Mindestqualifikation für Therapeutinnen und Therapeu¬ten ein Bachelor-Abschluss erforderlich, in 13 Prozent ein Masterabschluss“, so WIdO-Geschäfts¬führer Helmut Schröder. Deutschland sei aktuell das einzige Land in Europa, in dem eine Berufsaus-bildung für Physiotherapeuten noch ausreicht. Die Zusammenarbeit zwischen fachschulisch und akademisch ausgebildeten Physiotherapeutinnen und -therapeuten mit einer Differenzierung innerhalb des Berufes und einer Aufteilung der Verantwortlichkeiten, wie sie in anderen Ländern Praxis ist, könne auch für Deutschland einen sinnvollen Weg darstellen, so Schröder. „Der fehlende politische Wille, den vielfach geforderten Transformationsprozess von einer Teil- hin zu einer Voll- Akademisierung endlich zu beginnen, ist bedauerlich und steht nach meiner Auffassung einer wirk¬lich zukunftsfesten Ausrichtung entgegen“, sagte Prof. Dr. Christian Kopkow, Professor für Physio¬therapie an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg und Mitherausgeber des Heilmittel-Reports 2026. Die Akademisierung sei eine „grundsätzliche Voraus¬setzung“ dafür, dass die Gesundheitsberufe im Heilmittelbereich eine eigenständige Forschungs¬struktur aufbauen könnten. Nur dann könnten sie Studien durchführen und zu einer wissenschaft¬lichen Wissensbasis für die Heilmittel-Versorgung beitragen. Internationale Erfahrungen zeigen laut Heilmittel-Report, dass eine stärkere Akademisierung der Ausbildung evidenzbasierte Thera¬pieentscheidungen fördern und die interprofessionelle Zusammenarbeit stärken kann.

Interprofessionelle Zusammenarbeit als Zukunftsmodell der Heilmittelversorgung
Voraussetzung für eine gelingende interprofessionelle Versorgung sei eine gemeinsame Ausbildung der verschiedenen Berufsgruppen, betonte Prof. Dr. Christian Kopkow. Das interprofessionelle Lehren und Lernen müsse „kontinuierlich und verbindlich in den Ausbildungen von Gesundheitsfach¬kräften verankert werden“, so Kopkow.
„Die Heilmittelerbringer müssen bei der Konzeption des Primärversorgungssystems, an dem die Bundesregierung gerade arbeitet, unbedingt mitgedacht werden“, forderte in diesem Zusammen¬hang AOK-Vorständin Reimann. „Als wesentlicher Bestandteil einer koordinierten ambulanten Versorgung kann eine enge Kooperation im Rahmen der Primärversorgung die Versorgungsqualität spürbar verbessern und zugleich dazu beitragen, knappe personelle Ressourcen effizienter einzu¬setzen.“

Leitlinien als wichtiges Instrument zur Qualitätsverbesserung
Ein wichtiges Instrument zur Verbesserung der Versorgungsqualität sind laut Heilmittel-Report auch Leitlinien mit Handlungsempfehlungen für eine angemessene und evidenzbasierte Versor¬gung. An der Leitlinien-Erstellung seien inzwischen mehrere Berufsverbände und wissenschaftliche Fachgesellschaften aus dem Heilmittel-Bereich aktiv beteiligt, berichtete Prof. Dr. Christian Kopkow. Leitlinien könnten helfen, Entscheidungen für eine angemessene Versorgung bei spezifi¬schen Gesundheitsproblemen zu treffen. Problematisch seien jedoch die mangelnde Bekanntheit und Umsetzung der vorhandenen Leitlinien. So hatten beispielsweise in einer deutschlandweiten Befragung nur rund 30 Prozent der teilnehmenden Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten angegeben, die Nationale Versorgungsleitlinie zum nicht-spezifischen Kreuzschmerz zu kennen. Hindernisse für die Umsetzung von Leitlinien seien beispielsweise Konflikte zwischen den Empfeh-lungen und der eigenen klinischen Erfahrung, Zweifel an der Praxistauglichkeit von Leitlinien, mangelnde Unterstützung im Arbeitsumfeld, Zeitmangel sowie fehlende Vergütungsanreize.

Nutzung von Routinedaten der Krankenkassen zur Qualitätsmessung
Auch die bei den Krankenkassen ohnehin vorliegenden Abrechnungsdaten könnten zur Messung und Verbesserung der Versorgungsqualität im Heilmittelbereich genutzt werden, betonte WIdO Geschäftsführer Helmut Schröder. Einen ersten Ansatz gebe es im Rahmen des Qualitätsindikato¬rensystems für die ambulante Versorgung (QISA) von AOK und dem Göttinger aQua-Institut. Hier werde der Anteil der Patientinnen und Patienten mit anhaltenden Rückenschmerzen und mindes¬tens vier Wochen Arbeitsunfähigkeit ausgewertet, bei denen entsprechend der Nationalen Versor-gungsleitlinien Physiotherapie verschrieben werde. Dies sei laut der Auswertung nur bei knapp der Hälfte der betroffenen AOK-Versicherten der Fall. Die Ergebnisse würden den am Projekt beteilig¬ten Arztpraxen zurückgespiegelt, um mehr Transparenz zu schaffen und die Versorgung zu verbes¬sern. „Solche Routinedaten-Auswertungen könnten in Zukunft mehr Licht in die Qualität der Heil¬mittelversorgung bringen“, so Helmut Schröder.

Quelle und Kontaktadresse:
AOK - Bundesverband, Kai Behrens, Pressesprecher(in), Rosenthaler Str. 31, 10178 Berlin, Telefon: 030 34646-0

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