Höchste Zeit für einen tiefgreifenden Wandel / BLLV-Präsident Klaus Wenzel und Prof. Dr. Peter Fauser stellen Lösungsansätze für das achtjährige Gymnasiums vor / Schule neu und anders denken
(München) - Das vor fünf Jahren quasi über Nacht per Regierungserklärung eingeführte achtjährige Gymnasium belastet die Lehrkräfte und wird den Bedürfnissen der Schüler nicht gerecht. Der Grund: Es handelt sich um ein neunjähriges Gymnasium, das um ein Jahr gekürzt wurde. Wenn nicht Inhalte, Lernformen, Organisationsstrukturen und Leistungsmessungen neu konzipiert werden, fährt diese Schulart an die Wand, erklärten der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, und Prof. Dr. Peter Fauser, Leiter des Lehrstuhls für Schulpädagogik und Schulentwicklung der Friedrich-Schiller- Universität Jena heute (15. April 2008) in München. Es ist höchste Zeit für einen tiefgreifenden Wandel. Er kann den Beteiligten nicht diktiert werden. Vielmehr muss er langsam und behutsam vollzogen werden. Schüler, Eltern und Lehrer müssen für diesen Prozess gewonnen werden, betonten beide. Die Verkürzung der Schulzeit kann nur gelingen, wenn das Gymnasium neu und anders gedacht wird.
Die derzeitige Diskussion ignoriert, dass es im 21. Jahrhundert nicht mehr nur um das bloße Vermitteln von Lehrstoff gehen darf. Kinder und Jugendliche müssen vielmehr in die Lage versetzt werden, selbständig Kompetenzen zu erwerben, Qualifikationen auszubauen, Bildung zu leben und zu erleben, erklärte Fauser. Gefordert sei ein doppelter schulischer Perspektivwechsel - vom Lehren zum Lernen und vom Wissen zur Kompetenz. Bildungsstandards geben längst vor, dass bei der Diskussion um das achtjährige Gymnasium qualitative Kriterien im Vordergrund stehen müssen. Schule muss diesen Prozess voranbringen, sie darf ihn nicht blockieren - darin liegt die zentrale Aufgabe des Gymnasiums der Zukunft. Die Diskussion wird solange zu keinen guten Lösungen führen, solange sie sich nur mit den Problemen überfrachteter Lehrpläne und zu vieler Wochenstunden beschäftigt. Mit dem bloßen Hin- und Herschieben von Stunden und Lehrplaninhalten ist es nicht getan, betonte der Wissenschaftler.
Auch die Diskussion um die Belastung der Schüler steht unter rein quantitativem Aspekt. Das Kriterium hierfür ist ausschließlich die Zahl von Stunden mit Nachmittagsunterricht. Die tatsächliche Belastung resultiert aber aus der massiven Ballung von Prüfungen im achtjährigen Gymnasium, die absolviert werden müssen, sagte Wenzel. Mit der Zahl der Unterrichtsstunden und der Unterrichtsfächer erhöht sich die Zahl der Prüfungen. Der Nachmittagsunterricht wird vor allem dann zur unerträglichen Belastung, wenn die Zeit danach nicht für Freizeit und Erholung genutzt werden kann, sondern fast ausschließlich für das Pauken von Stoff. Hinzu kommen in vielen Fällen Prüfungsängste, die sich negativ auf das Befinden der Kinder und Jugendlichen auswirken können.
Schüler der achten Jahrgangsstufe haben am achtjährigen Gymnasium in Bayern derzeit 13 unterschiedliche Fächer, in der neunten sind es 14. Das bedeutet etwa 20 große Leistungsnachweise (Schulaufgaben) pro Schuljahr. Hinzu kommen noch mindestens 40 bis 50 kleine Leistungsnachweise, so dass Schüler in fast jeder Stunde mit Ausfragen oder Stegreifaufgaben rechnen müssen. Daran lässt sich ermessen, wie stark der Druck auf den Schülern, aber auch auf den Lehrern lastet. Es muss also weniger darum gehen, Stundentafeln neu zu komponieren, sondern darum, die Zahl der Leistungsmessungen zu reduzieren, forderte der BLLV-Präsident. Lernen ohne Lust kann nicht erfolgreich sein. Kinder haben grundsätzlich Freude an Leistung - vorausgesetzt, sie sehen darin einen Sinn und im Ergebnis nicht nur eine Ziffernnote.
Die Vielzahl der Fächer ermöglicht nur noch fragmentarische Lernprozesse. Fauser:Es widerspricht jeder lernpsychologischen Erkenntnis, wenn sich zwölf- bis dreizehnjährige Schüler/innen bis zu achtmal am Tag für 45 Minuten mit vollkommen unterschiedlichen Lerngegenständen beschäftigen sollen. Ein solches zersplittertes Lernen verhindert jede Nachhaltigkeit und bringt zudem Unruhe in das Klassenzimmer. Fauser und Wenzel schlugen deshalb vor, dass Lehrer/innen vor allem in der Unterstufe in möglichst vielen von ihnen studierten Fächern in möglichst wenig verschiedenen Klassen eingesetzt werden.
Für den BLLV steht außer Frage, dass das achtjährige Gymnasium nur dann gelingen kann, wenn dafür rhythmisierte und gebundene Ganztagsschulen eingeführt werden. Mit einer Mensa für die Mittagsverpflegung lässt sich aus einer Halbtagsschule keine Ganztagsschule machen. Wenn sich nach sechs Stunden intensiven Fachunterrichts und 45 Minuten Mittagspause noch einmal zwei oder mehr Stunden Fachunterricht anschließen, ist sinnvolles Lernen nicht möglich, betonte Wenzel. Eine Ganztagsschule nach Vorstellung des BLLV bedeutet nicht, die Vormittagsschule herkömmlichen Typus einfach auf den Nachmittag zu verlängern, sondern eine pädagogisch sinnvolle Abwechslung längerer Lerneinheiten und Freizeitgestaltung. Moderne Ganztagsschulen müssen Lern- und Lebensräume sein. Es gibt dort auch genügend Zeit für individuelle Förderung eines jeden Schülers, so dass private Nachhilfe obsolet wird. Das in Realität umzusetzen erfordert jedoch den erklärten politischen Willen und die Bereitschaft, viel Geld in die Hand zu nehmen - die angekündigten 300 zusätzlichen Lehrerstellen für Gymnasien sind ein Schritt in die richtige Richtung.
Für den BLLV forderte Wenzel:
- Qualitative statt quantitative Kriterien in den Mittelpunkt der Diskussion zu stellen - z.B. weg von totem Faktenwissen hin zu intelligentem Handlungswissen
- Stundentafeln neu zu konzipieren, Zahl und Umfang der Leistungsmessungen massiv zu reduzieren
- Lerneinheiten deutlich auszuweiten, Fächerverbünde zu schaffen, Projektarbeit, außerschulisches Lernen und Modularisierung einzuführen
- Rhythmisierte und gebundene Ganztagsschulen schnell auszubauen.
Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)
Andrea Schwarz, Pressereferentin
Bavariaring 37, 80336 München
Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155
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