Pressemitteilung | ifo Institut - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.
Anzeige

ifo Institut: Bundesländer mit späterer und geringerer schulischer Selektion erreichen höhere Chancengleichheit

(München) - Schon seit längerem ist bekannt, dass Schulsysteme mit geringerer schulischer Selektion eine höhere Chancengleichheit im internationalen Vergleich erreichen. Eine neue ifo-Studie zeigt dies nun auch im bundesdeutschen Vergleich: Bundesländer mit späterer Aufteilung und einer geringeren Anzahl von Schultypen erreichen weniger Ungleichheit der Bildungschancen für Kinder aus sozial schwachen Schichten. Die neuen Befunde untermauern den aktuellen Bildungsbericht des UN-Menschenrechtsbeauftragten Munoz, der das deutsche Bildungssystem aufgrund der frühen Aufteilung auf Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien als extrem selektiv kritisiert. Trotz der vielfach beschworenen Durchlässigkeit zwischen den Schultypen hat die frühe Selektion also offensichtlich bleibende negative Konsequenzen.

"Auch in Deutschland kann durch eine spätere Aufgliederung der Kinder auf Hauptschule, Realschule und Gymnasium und durch eine geringere Anzahl an Schultypen die Chancengleichheit für Kinder mit unterschiedlichem sozioökonomischen Hintergrund erhöht werden", fasst Ludger Wößmann, ifo-Bildungsexperte, die Ergebnisse zusammen. "Brandenburg und Berlin teilen ihre Schülerinnen und Schüler erst nach der sechsten statt wie andernorts üblich schon nach der vierten Klasse auf und erzielen eine geringere Abhängigkeit der Schülerleistungen vom jeweiligen familiären Hintergrund." Die Größe des statistisch berechneten Effektes ist beträchtlich: Er erklärt nahezu die Hälfte des gesamten Unterschieds zwischen dem chancengleichsten (Brandenburg) und dem chancenungleichsten (Mecklenburg-Vorpommern) Bundesland. Und dieser Unterschied ist sehr groß: In einem internationalen Vergleich der Chancengleichheit bringt er die beiden Bundesländer auf die Plätze 10 und 40 von insgesamt 44 Ländern. Eine spätere und geringere Aufteilung geht laut der Studie zudem nicht auf Kosten des Leistungsniveaus: Sie hat keinen nennenswerten Einfluss auf das Leistungsniveau, und wenn überhaupt, dann geht sie mit einem höheren Niveau einher.

Einen weiteren Zusammenhang belegt die ifo-Studie zwischen einer geringeren Anzahl der Schultypen und einer höheren Chancengleichheit. "In Bundesländern, in denen nur noch ein geringer Anteil der Schüler die Hauptschule besucht, könnte durch eine Verringerung der Schultypen die Ausgrenzung leistungsschwacher Schüler reduziert werden", erläutert Wößmann.

Darüber hinaus relativiert Wößmann das vergleichsweise schlechte Abschneiden von Gesamtschulen in den vergangenen Studien. Bei Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren weisen Bundesländer mit Gesamtschulen im Landesdurchschnitt keine signifikant schlechteren Leistungen auf. Gesamtschulen neben die existierenden Schultypen zu stellen, bringt allerdings auch keine Vorteile: Das ursprüngliche Ziel, die Chancengleichheit zu verbessern, erreichen sie nicht.

Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass ein höherer Anteil von Schulen in nicht-staatlicher Trägerschaft in Deutschland mit höherer Chancengleichheit einhergeht. Dieser Befund untermauert die kürzlich vom "Aktionsrat Bildung", dem Wößmann angehört, gemachte Aussage, dass nicht-staatliche Schulträgerschaft die Chancengleichheit erhöht und nicht - wie von diversen Interessenverbänden behauptet - verringert.

Nicht-staatliche Schulträgerschaft und zentrale Abschlussprüfungen (beim Abitur und der Mittleren Reife) gehen auch mit einem höheren Leistungsniveau in dem jeweiligen Bundesland einher. Wößmann ergänzt: "Klare Standards mit externer Leistungsüberprüfung sowie nicht-staatliches Management der Schulen erzeugen Anreize, die das Lernen aller Kinder fördern." Und noch ein zentraler Befund: Zwischen Effizienz und Chancengleichheit im Schulsystem gibt es keinen Widerspruch.

Die ifo-Studie nutzt die für jedes Bundesland repräsentativen PISA-E-2003-Daten in einer umfassenden statistischen Analyse, die alle 16 Bundesländer gleichzeitig betrachtet und dabei weitere wichtige Einflüsse wie die Effekte des wirtschaftlichen und sozialen Hintergrunds herausrechnet. Eine solch systematische Vorgehensweise erlaubt weitaus zuverlässigere Aussagen, als der reine Vergleich zweier Bundesländer, ohne weitere Einflussfaktoren auszuschalten. Ludger Wößmann leitet den Bereich Humankapital und Innovation des Münchner ifo Instituts und ist zugleich Professor für Bildungsökonomik an der Ludwig-Maximilians-Universität, München. Die Studie ist soeben unter dem Titel "Fundamental Determinants of School Efficiency and Equity: German States as a Microcosm for OECD Countries" als Forschungsbericht am Program on Education Policy and Governance der Harvard University erschienen (http://www.ksg.harvard.edu/pepg/PDF/Papers/PEPG07-02_Woessmann.pdf), wo Wößmann sich derzeit zu einem längeren Forschungsaufenthalt befindet.

Quelle und Kontaktadresse:
ifo Institut für Wirtschaftsforschung e.V. Annette Marquardt, Pressesprecher Poschingerstr. 5, 81679 München Telefon: (089) 92240, Telefax: (089) 985369

Logo verbaende.com
NEWS TEILEN:

NEW BANNER - Position 4 - BOTTOM

Anzeige