Pressemitteilung | Hans-Böckler-Stiftung
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IMK-Konjunkturprognose für 2007 und 2008 / Deutschland droht Abschwung / Geldpolitik gefordert

(Düsseldorf) - Die Weltwirtschaft steht 2008 vor einer schweren Belastungsprobe. Davon ist auch die deutsche Konjunktur betroffen. Der wirtschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik droht nach einem sehr guten Jahr 2007 ein Abschwung. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) fällt von 2,6 Prozent 2007 auf nur noch 1,5 Prozent 2008 zurück. Zu diesen Ergebnissen kommt die Konjunkturprognose des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. Der wissenschaftliche Direktor des IMK, Prof. Dr. Gustav A. Horn, stellt die Prognose am heutigen Donnerstag (20. Dezember 2007) in Berlin vor. "Viele unserer Risikoszenarien zur internationalen Entwicklung sind in den vergangenen Monaten Realität geworden", sagt Horn. "Gleichzeitig sehen wir kaum Chancen, dass der private Konsum in Deutschland im kommenden Jahr zur starken Konjunkturstütze wird, so wie es viele erhoffen." Daher reduziert das IMK seine BIP-Prognose für 2008 um 0,4 Prozentpunkte gegenüber der Sommerprognose.

Hauptgründe für das Abflauen des Aufschwungs sind die Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten, die nachlassende Dynamik der globalen Konjunktur, die Dollar-Schwäche sowie die Preissteigerungen bei Rohstoffen und Energie. Der Verlust an konjunktureller Dynamik bremst auch den Beschäftigungsaufbau deutlich. So sinkt die Zahl der Arbeitslosen 2007 noch sehr stark - im Jahresdurchschnitt um gut 700 000 Personen auf 3,78 Millionen oder eine Quote von 8,7 Prozent. 2008 wird sie dagegen im Jahresdurchschnitt lediglich um noch einmal rund 290 000 Personen zurückgehen. Die Quote wird bei 8,0 Prozent liegen. Zum Ende des nächsten Jahres nimmt die Arbeitslosigkeit sogar wieder zu. Das gesamtstaatliche Budget wird in beiden Jahren mit einem leichten Überschuss abschließen. 2007 beträgt er 0,3 Prozent des BIP, 2008 sind es 0,1 Prozent (im Anhang zu dieser PM finden Sie die zentralen Daten in Tabellenform; Link zur pdf-Version mit Tabellen am Fuß dieses Textes).

Exportaussichten gedämpft trotz wachsender Wettbewerbsfähigkeit

2007 stiegen die deutschen Exporte im Jahresdurchschnitt kräftig um 7,6 Prozent. Dieser Wert sei allerdings zu einem beträchtlichen Teil einem statistischen Überhang aus dem Jahr 2006 geschuldet, betonen die IMK-Experten. Im Jahresverlauf war die Exportdynamik geringer. 2008 verschlechtern sich die internationalen Rahmenbedingungen für die deutsche Ausfuhr deutlich. Zum einen wird die merklich nachlassende konjunkturelle Dynamik in den USA und im Euroraum die Nachfrage nach deutschen Produkten dämpfen. Zum anderen verschlechtert die Aufwertung des Euro die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen im Dollarraum. Positive Impulse erhält der deutsche Außenhandel hingegen durch die starke Nachfrage aus China und Russland. Auch vom Petrodollar-Recycling in den OPEC-Staaten werden deutsche Unternehmen profitieren. Gegenüber dem Euroraum erhöht sich die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Anbieter weiter, weil die Lohnstückkosten 2007 und 2008 mit 0,3 und 0,9 Prozent nur relativ schwach steigen. Insgesamt bleibt die Exportentwicklung 2008 aber verhalten; im Jahresdurchschnitt steigt die Ausfuhr um 6,1 Prozent.

Konsum stützt Konjunktur nur wenig - Investitionen rückläufig Die Nachfrage der privaten Haushalte könne wenig dazu beitragen, die schwächere Exportkonjunktur auszugleichen, betonen die Wissenschaftler. Ein wesentlicher Grund dafür ist neben der relativ hohen Inflation, zu der in diesem Jahr auch die Mehrwertsteuererhöhung mit 0,8 Prozentpunkten beiträgt, die nach wie vor verhaltene Lohnentwicklung. Dadurch sind die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte real auch 2007 nicht gestiegen. Zwar laufen die aktuellen Preisschübe im Laufe des nächsten Jahres aus, zum Jahresende 2008 wird die Teuerung wieder klar unter dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) liegen und im Jahresdurchschnitt 2,0 Prozent betragen. Zudem wachsen die Tariflöhne und die Effektivverdienste etwas stärker als in diesem Jahr - um 2,3 bzw. 2,5 Prozent nach 1,9 bzw. 1,8 Prozent. Daher gibt es 2008 erstmals seit 2003 wieder einen leichten Reallohnzuwachs (0,5 Prozent). Die Konsumausgaben der privaten Haushalte werden 2008 im Jahresdurchschnitt um 0,8 Prozent zunehmen - nach einem Rückgang um 0,2 Prozent in diesem Jahr. "Die Entwicklung der Realeinkommen und des Privatkonsums verbessert sich im Vergleich zu 2007 immerhin", sagt Gustav Horn. "Echte Impulse können daraus aber erst entstehen, wenn sich diese Entwicklung verstärkt und länger anhält." Der Vergleich zum letzten Aufschwung-Zyklus zeigt, dass sich die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte real bisher ungewöhnlich schwach entwickeln.

Die Investitionen als zweite Komponente der Binnennachfrage entwickeln sich 2008 deutlich weniger dynamisch als in diesem Jahr. Die Ausrüstungsinvestitionen expandierten 2007 um 7,5 Prozent, weil sowohl die Inlands- als auch die Auslandsnachfrage groß war. Vorzieheffekte aufgrund der nur noch bis zum Jahresende gültigen Abschreibungserleichterungen für bewegliche Anlagegüter haben die Investitionskonjunktur zusätzlich beflügelt. Diese vorgezogenen Investitionen fehlen 2008, während sich die Finanzierungsbedingungen verschlechtern. Zudem nimmt die Auslandnachfrage infolge der nachlassenden Weltkonjunktur ab. Daher werden die Ausrüstungsinvestitionen im kommenden Jahr nur noch um 2,3 Prozent zunehmen.

Finanzpolitische Impulse verpuffen - EZB kann Konjunktur stützen

2007 hat die Finanzpolitik der Bundesregierung die Binnennachfrage und die Konjunktur in Deutschland geschwächt - vor allem durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer. Im kommenden Jahr lässt der Druck auf den Konsum nach, weil die Effekte der Steuererhöhung auslaufen, die Lohnnebenkosten gesenkt und die Renten etwas erhöht werden. Auch die Verlängerung des Bezuges von Arbeitslosengeld I für ältere Arbeitslose wirke sich positiv aus, so das IMK. Insgesamt schwenke die Finanzpolitik 2008 auf einen recht expansiven Kurs um, der allerdings die Binnennachfrage nur wenig stimulieren werde: "Da das Gros der Impulse über die konjunkturell wenig wirksame Senkung der Unternehmenssteuer erzeugt wird, ist kaum mit nennenswerten Effekten zu rechnen", schreiben die Wissenschaftler.

Eine hohe Verantwortung und zugleich relativ große Einflussmöglichkeiten sehen die Forscher des IMK bei der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Die EZB sei zwar auf den ersten Blick in einer schwierigen Situation, weil die deutlichen Wachstumsrisiken zeitgleich mit einer relativ hohen Inflationsrate auftreten. Allerdings sei die recht starke Teuerung nicht das Ergebnis einer sich beschleunigenden Lohninflation, sondern von auslaufenden Preisschüben und daher nicht von Dauer, betonen die Wissenschaftler des IMK. Anzeichen für so genannte Lohn-Preis-Spiralen im Euroraum seien auch nach Einschätzung des EZB-Stabes oder des Sachverständigenrates nicht zu entdecken. Vor diesem Hintergrund könne die Zentralbank die Unterstützung der Konjunktur ins Zentrum ihrer geldpolitischen Entscheidungen stellen. "Die EZB sollte flexibel reagieren und bereit sein, alle ihr zur Verfügung stehenden Instrumente zu nutzen, um den voraussichtlichen Abschwung aufzufangen", so das IMK. Dazu zählen die Konjunkturforscher Devisenmarktinterventionen, um die Aufwertung des Dollar zu bremsen, ebenso wie Senkungen des EZB-Leitzinses. Diese dürften auch unvermeidlich sein, um die Folgen der internationalen Finanzmarktkrise zu begrenzen.

Die zentralen Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung finden Sie in Tabellenform in der pdf-Version dieser PM: www.boeckler.de/pm_imk_2007_12_20_prognose.pdf.

Die Prognose für 2007 und 2008 erscheint als IMK Report Nr.25, Dezember 2007. Als pdf-Dokument können Sie ihn ab 11 Uhr downloaden unter: www.boeckler.de/pdf/p_imk_report_25_2007.pdf.

Quelle und Kontaktadresse:
Hans-Böckler-Stiftung Rainer Jung, Leiter, Pressestelle Hans-Böckler-Str. 39, 40476 Düsseldorf Telefon: (0211) 77780, Telefax: (0211) 7778120

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