Internationaler Altpapiertag zwischen Krisen und Kreislauf
(Bonn) - Die Branche kommt zusammen, doch die Stimmung ist alles andere als sorglos. Mike Hayes, Vorsitzender des bvse-Fachverbandes Papierrecycling, zeichnet in seiner Rede auf dem 28. Internationalen Altpapiertag am 14. April 2026 das Bild eines Marktes, der von geopolitischen Spannungen, wirtschaftlichem Druck und regulatorischer Unsicherheit gleich mehrfach in die Zange genommen wird.
Schon zu Beginn macht Hayes klar, dass die Lage weit über das eigene Segment hinausreicht. Der Krieg im Nahen Osten wirke sich unmittelbar auf Handelsrouten, Energiemärkte und Währungen aus. Für den Mittelstand summierten sich die Folgen zu einem gefährlichen Mix aus steigenden Betriebskosten, gestörten Lieferketten und kaum noch kalkulierbarer Planung.
Ein Markt mit starken Ausschlägen
Den eigentlichen Takt der Rede bestimmt jedoch das Altpapier selbst. Und auch hier ist die Botschaft eindeutig: 2025 war alles andere als ein ruhiges Jahr. Zu Jahresbeginn schoss der Markt für Kaufhaus- und Mischpapier nach oben. Der bvse-Fachverbandsvorsitzende beschreibt diesen Auftakt als regelrechten „Raketenstart“. Knappes Sammelaufkommen, eine schwache Vorbereitung der Papierindustrie auf die Feiertagsmonate und eine hohe Nachfrage ließen die Preise steigen.
Doch der Höhenflug hielt nicht lange. Ab Mai setzte eine deutliche Gegenbewegung ein, die sich bis zum Jahresende fortzog. Der Bedarf sank, die Preise folgten. Dass gleichzeitig eine größere Marktverwerfung an den Anfallstellen ausblieb, führt Hayes vor allem auf die schwache Sammlung zurück. Was im ersten Moment nach Entspannung klingt, ist in Wahrheit ein Hinweis auf einen Markt, der nur durch geringe Mengen halbwegs im Gleichgewicht blieb.
„Kurioserweise und oberflächlich betrachtet, kann man tatsächlich von einem ausgeglichenen Jahr sprechen“, so Hayes. Doch genau dieser Eindruck trüge. Denn ausgeglichen war 2025 vor allem auf dem Papier, nicht in der Realität. „Die Preisentwicklungen waren sprunghaft, die Marktverhältnisse fragil und die Unsicherheit blieb bis zuletzt hoch“, führte Mike Hayes aus.
Besonders deutlich wird in Hayes Rede, wie sehr die Branche inzwischen unter der sinkenden Qualität des Altpapiers leidet. Zwar liege die Einsatzquote weiter über 80 Prozent, doch die Rahmenbedingungen verschlechtern sich spürbar. Fehlwürfe, faserbasierte Verbundverpackungen und eine schwächelnde grafische Industrie setzen die Sortierung unter Druck. Mehrere Anlagen geraten wirtschaftlich an die Grenze des Machbaren.
Hayes beschreibt ein System, das zunehmend an seine Grenzen stößt: Weniger hochwertige Inputqualität trifft auf wachsende Anforderungen der Papierindustrie. Gleichzeitig sinkt der Anteil grafischer Papiere, während sich geeignete Abnehmer für Deinking-Material zunehmend rar machen. Auch technische Lösungen wie Künstliche Intelligenz könnten hier nur begrenzt helfen. Sie verbesserten zwar die Sortierung, ersetzten aber keine funktionsfähigen Absatzmärkte.
Export bleibt unverzichtbar
Dass der europäische Altpapiermarkt ohne Export nicht auskommt, macht Hayes ebenfalls deutlich. Die EU bleibe mit einem Überschuss von rund 4,1 Millionen Tonnen Nettoexporteur. Indien und die Türkei gehörten zu den wichtigsten Zielländern. Deutschland selbst habe 2025 deutlich weniger exportiert als im Vorjahr, die Ausfuhren seien auf 1,46 Millionen Tonnen gefallen.
Für Mike Hayes ist das mehr als eine Statistik. Es ist ein Hinweis darauf, dass der Markt auf internationale Absatzwege angewiesen bleibt, um die stoffliche Verwertung abzusichern. Gleichzeitig verschärfen neue EU-Regeln die Lage. Die Waste Shipment Regulation, die seit Mai 2024 gilt, stellt besonders Nicht-OECD-Staaten vor große Hürden. Ab Mai 2027 droht ohne Audit oder Listung faktisch ein Exportverbot. Für Hayes ist das ein gefährlicher Kurs, denn der Bedarf an Exporten sei real und die Regulierung dürfe ihn nicht abwürgen.
DIWASS sorgt für Nervosität
Noch mehr Unruhe löst die geplante Digitalisierung der Nachweisführung aus. DIWASS, das Digital Waste Shipment Regulation System, soll ab Mai 2026 starten, doch die Unsicherheit sei groß, berichtet Hayes. Besonders kritisch werde die Vorgabe gesehen, den digitalen Annex 7 zwei Tage vor Verbringung hochzuladen. Für kurzfristige Transporte oder flexible Logistik sei das schlicht nicht machbar, hieß es in Berlin.
Auch die neue EU-Verpackungsverordnung PPWR sieht Hayes kritisch. Zwar sei es richtig, Recyclingfähigkeit verbindlicher zu regeln. Doch entscheidend sei nicht die Theorie, sondern die Praxis. Faserbasierte Verbundverpackungen seien in der heutigen Aufbereitung häufig problematisch und würden den Stoffstrom belasten, statt ihn zu stärken. Wenn die Produktion solcher Verpackungen weiter zunehme, ohne dass es passende Verwertungswege gebe, wachse am Ende nur der Druck auf Sortierer und Entsorger.
Besonders deutlich wird der Vorsitzende des bvse-Fachverbandes Papierrecycling beim Blick auf die Definition von Recyclingfähigkeit. Sie dürfe nicht auf Laborbedingungen beruhen, sondern müsse sich an flächendeckend vorhandenen Technologien und realen Infrastrukturen orientieren. „Nicht den Status quo gilt es zu verteidigen, sondern durch Innovation und Standardisierung das tatsächliche Recycling in den Vordergrund zu stellen“, lautet seine Botschaft. Es ist ein Satz, der den Kern seiner Rede gut zusammenfasst: Kreislaufwirtschaft funktioniert nur dann, wenn die Regeln der Realität standhalten.
Quelle und Kontaktadresse:
(bvse) Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V., Jörg Lacher, Leiter(in) Politik und Kommunikation, Fränkische Str. 2, 53229 Bonn, Telefon: 0228 988490
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