Pressemitteilung | Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. (BVKJ)
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Krise der Sozialpädiatrischen Versorgung: Wenn wir die Zukunft unserer Kinder verspielen

(Köln) - Die Interdisziplinäre verbändeübergreifende Arbeitsgruppe Entwicklungsdiagnostik (IVAN) des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. (BVKJ), der Deutschen Gesellschaft für Ambulante Allgemeine Pädiatrie e.V. (DGAAP) und der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin e.V. (DGSPJ), warnt vor einer Krise in der sozialpädiatrischen Versorgung. Während in der deutschen Gesundheitspolitik viel über Sparmaßnahmen, Digitalisierung, Reformen der ambulanten Versorgung und Fachkräftemangel debattiert wird, gerät die Sozialpädiatrie gefährlich in den Hintergrund. Dabei entscheidet sich gerade hier – in der frühkindlichen Versorgung – über die Teilhabechancen einer ganzen Generation.

Dr. Folkert Fehr, IVAN- und BVKJ-Mitglied, fasst ein Ergebnis der aktuellen IVAN III-Befragung zusammen: „Wer heute einen Termin für eine umfassende entwicklungsdiagnostische Abklärung in einer spezialisierten Praxis oder einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) sucht, wartet oft Monate. Eine Phase, in der ein Kind mit Entwicklungsstörungen oder neuropädiatrischen Auffälligkeiten wertvolle Zeit verliert. Stillstand, in dem kleine Defizite durch fehlende Förderung zu lebenslangen Bildungsbarrieren wachsen.“

Die sozialpädiatrische Versorgung ist am Limit. Wir erleben einen Teufelskreis aus struktureller Unterversorgung, massivem Personalmangel und einem Finanzierungssystem, das aus der Zeit gefallen ist. Die aktuelle Vergütungsstruktur bildet die zeitintensive, interdisziplinäre Netzwerkarbeit und die notwendige Elternberatung nicht angemessen ab, obwohl diese Leistungen für die kindliche Entwicklung essenziell sind.

Dr. Tanja Brunnert, Bundespressesprecherin des BVKJ, ergänzt: „Es ist ein gesundheits- und sozialpolitischer Blindflug. Wenn wir Kindern den Zugang zu notwendiger Unterstützung verwehren, entziehen wir ihnen nicht nur medizinische Hilfe, sondern auch soziale Teilhabe. Wir riskieren, dass Entwicklungsstörungen zu Bildungsarmut werden. Wir gefährden Chancengerechtigkeit, bevor sie überhaupt begonnen hat.“

Eine zukunftsfähige Gesellschaft muss die Sozialpädiatrie als gesamtgesellschaftliche Investition begreifen – nicht als Kostenstelle. Benötigt wird eine grundlegende Reform, die über punktuelle Anpassungen hinausgeht. Die Arbeitsgruppe IVAN hat nach der Befragung folgende Themen als Forderungen formuliert:

• Versorgung garantieren: Verbindliche Wartezeitobergrenzen und ein flächendeckendes Ausbauprogramm für spezialisierte Praxen, SPZs und Frühförderstellen müssen erstellt werden. Wohnortnähe darf kein Luxus sein.
• Fachkräfte sichern: Eine Ausbildungsoffensive für Sozialpädiatrie, Therapieberufe und Heilpädagogik ist zwingend erforderlich. Ohne Personal läuft die beste Infrastruktur leer.
• Finanzierung anpassen: Zeitintensive Leistungen und interdisziplinäre Fallkonferenzen müssen endlich angemessen vergütet werden.

„Die Diagnose steht fest. Die Therapie ist bekannt. Was fehlt, ist der politische Wille, das Versorgungsmodell grundlegend neu zu denken. Eine Gesellschaft erkennt man daran, wie sie mit ihren schwächsten Mitgliedern umgeht. Aktuell verwalten wir in der Sozialpädiatrie Defizite, statt Kindern Chancen zu eröffnen“, so Fehr.

Quelle und Kontaktadresse:
Berufsverband der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. (BVKJ), Mielenforster Str. 2, 51069 Köln, Telefon: 0221 689090

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