"Lehrstellenmisere ist ein Skandal erster Ordnung“ / „Nationale Kraftanstrengung erforderlich“ / „100.000 junge Leute werden im Herbst 2006 ohne Lehrstelle bleiben und in Warteschleifen-Maßnahmen einmünden.“ / „Dass nur gut 20 Prozent der Betriebe ausbilden, ist unverantwortlich.“
(Bonn) - Der Deutsche Lehrerverband (DL) und seine beiden Verbände der Lehrer an berufsbildenden Schulen (BLBS und VLW) haben die aktuelle Situation auf dem Ausbildungsmarkt als „Skandal erster Ordnung“ bezeichnet. Die drei Verbände befürchten, dass im Herbst 2006 etwa 100.000 junge Leute ohne Ausbildungsplatz dastehen bzw. mangels Alternative mit provisorischen Warteschleifen-Maßnahmen versorgt werden müssen, die ohne Perspektive sind und für die folgenden Jahre eine ‚Bugwelle’ erzeugen. Hintergrund dieser Entwicklung ist vor allem der massive Rückgang der Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze. Hatte es im Jahr 2000 noch 622.000 Ausbildungsverträge gegeben, so waren es im vergangenen Jahr 2005 trotz des Ausbildungspaktes nur noch 550.000.
Die Lehrerverbände rufen in diesem Zusammenhang zu einer „nationalen Kraftanstrengung“ in Sachen Lehrstellen auf. Außerdem fordern die Verbände eine nachhaltige Stärkung der Berufsfachschulen, eine Stärkung der vollzeitschulischen Berufsausbildungen mit anschließender Kammer-Prüfung, eine steuerliche Entlastung der Ausbildungsbetriebe und gezielte Maßnahmen zur Förderung der Ausbildungsreife der schwierigen Schülerklientel.
DL-Präsident Josef Kraus übt Kritik an der Wirtschaft: „Mit der gesellschaftspolitischen Verantwortung mancher Unternehmer scheint es nicht weit her zu sein. Dass kaum mehr als 20 Prozent der zwei Millionen Betriebe ausbilden, obwohl 65 Prozent dazu berechtigt wären, ist unverantwortlich. Der wiederkehrende Hinweis der Wirtschaft auf die ökonomische Großwetterlage und ihr Klagen über das angeblich schlechte Bildungsniveau mancher Bewerber wirken hier oft genug als Ablenkungsmanöver. Festzuhalten bleibt, dass die Wirtschaft bewusst die gesellschaftliche Aufgabe der Qualifizierung der jungen Menschen übernommen hat, nun aber diese Aufgabe aus offensichtlich ökonomischen Motiven nicht schultern will oder kann. Gleichzeitig ist die Wirtschaft nicht bereit, die Öffnung für alternative Wege zu akzeptieren. Dieser Widerspruch muss aufgelöst werden.“
VLW-Vorsitzender Wolfgang Kehl prognostiziert, dass die prekäre Lage auf dem Ausbildungsstellenmarkt auch gravierende Auswirkungen auf die Wirtschaft habe: „Der Wirtschaft fehlt es über kurz oder lang an Nachwuchs. Außerdem gerät das gesamte deutsche Berufsbildungssystem in eine Schieflage: Während im Jahr 1991 noch 75 Prozent aller jungen Leute ihre berufliche Bildung im dualen System starteten, waren es zuletzt gerade noch 60 Prozent.“
BLBS-Vorsitzender Berthold Gehlert äußerte die Befürchtung, dass viele Haupt- und Realschüler auf der Strecke bleiben würden. „Wenn das duale System trotz Ausbildungspakt fast die Hälfte der ausbildungswilligen Schulabgänger der Haupt- und Realschulen ausgrenzt, dann ist es kein Erfolgsmodell mehr. Staat und Wirtschaft müssen jetzt gemeinsam Verantwortung übernehmen und teil- und vollqualifizierende Berufsfachschulen als praxiserprobte Alternativen fördern“.
Deutscher Lehrerverband (DL)
Bundesverband der Lehrer an beruflichen Schulen (BLBS)
Bundesverband der Lehrer an Wirtschaftsschulen (VLW)
Quelle und Kontaktadresse:
Deutscher Lehrerverband (DL)
Waltraud Fuchs, Presse- und Ă–ffentlichkeitsarbeit
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