Projekt analysiert Beziehungen in Sozialstaat und Familien / WZB-Forscher: Gerechtigkeitsprobleme nicht zwischen, sondern innerhalb der Generationen
(Düsseldorf) - Menschen über 65 Jahren bekommen höhere Beträge vom Staat und den Sozialkassen ausgezahlt als Familien mit Kindern. Trotzdem ist es falsch, von einer Bevorzugung der älteren Generation durch das Sozialsystem zu sprechen. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB). In einem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Projekt analysieren sie das Zusammenleben der Generationen im Sozialstaat und in den Familien umfassend. Das eigentliche Gerechtigkeitsproblem bestehe nicht zwischen den Generationen, sondern in der ungleichen Chancenverteilung innerhalb der Altersklassen, betonen Agnes Blome, Wolfgang Keck und Prof. Dr. Jens Alber. Solche Ungleichgewichte würden durch die Reformen der Altersvorsorge und eine Polarisierung bei Erbschaften verschärft.
Die Wissenschaftler warnen davor, das Thema Generationengerechtigkeit anhand von Rentenhöhen abzuhandeln. Denn tatsächlich unterhielten Alt und Jung auf vielfältige Weise soziale und finanzielle Beziehungen - nicht nur im Sozialstaat und via Rentenversicherung, sondern auch innerhalb der Familien. Neben Transfers spielen Geschenke, unentgeltliche Hilfe, Pflege und Betreuung eine große Rolle. Öffentliche Ausgaben gegeneinander aufzurechnen, greife daher zu kurz: Kaum eine Leistung lässt sich nur einer Gruppe zuordnen, macht die Studie deutlich. So komme beispielsweise die Pflegeversicherung zwar im ersten Schritt meist älteren Menschen zugute. Doch zugleich profitieren auch die Kinder, weil sie von der Pflege-Aufgabe entbunden werden.
Das Szenario eines drohenden Generationenkonflikts stehe im Gegensatz zu den sozialpolitischen Trends der vergangenen Jahre, so die Experten des WZB. Sie haben analysiert, wie sich in Deutschland, Schweden, Frankreich und Italien der Wohlfahrtsstaat von 1990 bis 2005 wandelte. Überall vergrößerte sich der Anteil der Senioren an der Bevölkerung. Träfe die These vom Eigennutz der Generationen zu, müssten die Alten ihren Einfluss dazu eingesetzt haben, mehr vom Sozialbudget zu bekommen. Doch das Gegenteil ist der Fall, zeigt die Untersuchung: In drei von vier Ländern verschoben sich die Gewichte zugunsten der jüngeren Generationen. Die Ausnahme bildet Schweden, aber dort war eine weit reichende Familienpolitik bereits vor 1990 etabliert. In der Bundesrepublik begrenzte der Staat die gesetzliche Rente und privatisierte teilweise die Altersvorsorge, zugleich erhöhte er die Transfers für Familien.
Rente: Förderinstrumente helfen überwiegend Besserverdienenden
Zudem sind Europas Rentner generell keine privilegierte Gruppe. Die Rente ist in allen vier untersuchten Wohlfahrtsstaaten der größte Ausgabeposten im Sozialbudget. Mit gutem Grund, wie die Experten des WZB erklären: Leistungen an jüngere Menschen ergänzen in der Regel nur das Arbeitseinkommen, Leistungen an ältere müssen es jedoch ersetzen. Bislang ist das in Schweden und Deutschland einigermaßen gelungen, die Armutsquoten der über 65-Jährigen liegen unter beziehungsweise nahe derjenigen der gesamten Bevölkerung. Doch das Polster ist dünn: "Die Mehrheit der Rentnerhaushalte ist mit ihren Einkommen in der unteren Hälfte der Einkommensverteilung zu finden."
Künftig sei wegen Rentenkürzungen und zunehmend prekären Beschäftigungsverhältnissen mit mehr Altersarmut zu rechnen. In Deutschland hat eine Serie von Gesetzen bereits seit 1977 die Rentensteigerungen eingedämmt. "Der kumulative Effekt dieser Reformen sollte nicht unterschätzt werden. Wären heute noch die Bestimmungen vor der Rentenreform von 1977 in Kraft, so betrüge die Standardrente bei 45-jähriger Versicherungszeit 1.624 Euro", so die Studie. Tatsächlich liegt sie derzeit bei 1.176 Euro. Künftige Rentner werden wegen der geänderten Rentenanpassungsformel noch weniger erhalten. Italien und Frankreich verfuhren ähnlich - sie begrenzten Renten, während die private Altersvorsorge steuerliche Förderung erhielt. Die Wissenschaftler weisen auf die damit verbundenen Verteilungseffekte hin: "Die neuen Förderungsinstrumente kommen fast ausschließlich den Besserverdienenden zugute." Wer aber nicht sparen kann, muss von einer geschmälerten gesetzlichen Rente leben.
Die Berliner Forscher warnen vor "einer schleichenden Entsolidarisierung sozialstaatlicher Leistungen". Sie verstehen Sozialpolitik nicht als ein Nullsummenspiel - was einer Altersgruppe nutzt, müsse nicht auf Kosten der anderen gehen. Die Forscher stellen heraus, dass kluge Familienpolitik auch das Rentensystem nachhaltig sichert: "Indem sozialstaatliche Politik die Geburt von Kindern fördert und eine Infrastruktur schafft, die Kindern gute Entwicklungschancen bietet, wird das Problem des Ungleichgewichts zwischen der schrumpfenden Zahl der Beitragszahler und der wachsenden Zahl der Leistungsbezieher im Rentensystem zwar nicht völlig entschärft, aber gemildert."
Familienförderung ausgeweitet, aber noch nicht effektiv
Im vergangenen Jahrzehnt habe sich zugunsten der Jüngeren vor allem in Deutschland vergleichsweise viel bewegt. "Kein anderes Land hat die Familienleistungen so erhöht wie Deutschland", stellt das WZB fest. Mittlerweile lässt sich die Bundesrepublik Kinderbetreuung und Familientransfers ähnlich viel kosten wie Schweden und Frankreich. Doch das Geld werde nicht effektiv eingesetzt, kritisieren die Forscher: "Was sich in Schweden wie eine Familienpolitik aus einem Guss darstellt, kann in Deutschland eher als Konglomerat voneinander getrennter, teils zueinander in Widerspruch stehender Maßnahmenbündel beschrieben werden." So unterstützen fast 42 Prozent der Ausgaben die Institution Ehe und nicht Kinder in der Familie.
In drei der vier untersuchten Länder - Deutschland, Frankreich und Italien - leben Kinder häufiger in Armut als der Durchschnitt der Bevölkerung. Der internationale Vergleich zeigt: Familien mit Kindern sind dann vor Armut gefeit, wenn beide Partner über ein Erwerbseinkommen verfügen. Die Schweden unterstützen die Berufstätigkeit von Müttern durch eine Kombination von öffentlich finanzierter Betreuung und Arbeitsmarktförderung. Die höhere Frauenerwerbsquote strahlt auf andere Bereiche des Sozialstaates aus, so die Studie: "Hätte Deutschland die schwedische Frauenbeschäftigungsquote von 70,4 Prozent, so würden knapp drei Millionen mehr Beitragszahler die deutschen Sozialversicherungskassen entlasten." Die jüngsten Reformen in Deutschland - Einführung des Elterngelds und Ausbau der Kinderbetreuung - wiesen daher in die richtige Richtung.
Erbschaften verfestigen die Ungleichheit
"Die Generationenbande sind in Deutschland sehr eng geknüpft", beobachten die Wissenschaftler. Viele Eltern unterstützten ihre erwachsenen Kinder oder Enkel finanziell. Doch die privaten Transfers seien von einem hohen Grad der Ungleichheit zwischen den Familien gekennzeichnet: Nur ein Drittel der Älteren kann mehr als 250 Euro im Jahr geben. Weitaus bedeutender sind Erbschaften: Jeder dritte ältere Deutsche schätzte 2003, mehr als 150.000 Euro vererben zu können. Auf der anderen Seite erwartete jeder sechste, seinen Kindern nichts zu hinterlassen. Die Erbschaften werden die bereits bestehenden Ungleichheiten innerhalb der Altersgruppen verfestigen. Gleichzeitig werden diese Ungleichheiten vom Wohlfahrtsstaat nur noch schwach korrigiert, resümieren die Wissenschaftler. Vor allem bei der Altersvorsorge wurden zwischen 1990 und 2005 Leistungen enger an Beiträge gebunden und somit Elemente der Umverteilung reduziert. Wer nicht gut verdient und auch nicht dauerhaft sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, stehe schlechter da als noch vor einigen Jahren - und seine Kinder in der Regel auch. Die Berliner Wissenschaftler folgern darum: "Wenn soziale Ungleichheit in der Kindheit geschliffen und ihre Perpetuierung im Lebensverlauf vermieden werden soll, dann ist ein größeres Engagement zur Förderung von Kindern einkommensarmer Familien nötig."
Mehr Informationen und Infografiken zum Download im aktuellen Böckler Impuls 8/2008: www.boeckler.de/32014_91156.html.
Quelle und Kontaktadresse:
Hans-Böckler-Stiftung
Rainer Jung, Leiter, Pressestelle
Hans-Böckler-Str. 39, 40476 Düsseldorf
Telefon: (0211) 77780, Telefax: (0211) 7778120
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