Rekordzahl an Angriffen auf Journalisten – RSF fordert Konsequenzen von der Bundesregierung
(Berlin) - Die Gewalt gegen Journalistinnen und Journalisten in Serbien hat einen traurigen Rekord erreicht. Reporter ohne Grenzen (RSF) hat in weniger als zwei Monaten 34 körperliche Angriffe auf Medienschaffende dokumentiert – verübt durch Parteianhänger oder Polizei während der Berichterstattung über Anti-Korruptions-Proteste. RSF fordert die Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) und das Europäische Parlament auf, den serbischen Behörden unmissverständlich zu signalisieren: Ihre Passivität – oder gar Komplizenschaft – bei diesen Übergriffen ist nach Ansicht von RSF unvereinbar mit dem serbischen Ziel, der EU beizutreten.
„Wenn Journalistinnen und Reporter in Serbien im Schnitt alle zwei Tage Opfer körperlicher Gewalt werden, ist das ein Alarmsignal für ganz Europa. Deutschland trägt hier eine besondere Verantwortung: Als gewichtiges EU-Mitglied muss die Bundesregierung klarstellen, dass Serbiens Weg in die EU nur mit einem wirksamen Schutz der Pressefreiheit und anderer Grund- und Menschenrechte vereinbar ist“, erklärt Anja Osterhaus, Geschäftsführerin von Reporter ohne Grenzen.
Attacken mit Metallstangen, Steinen und Ziegeln: Details zu den Angriffen
Einer der gewalttätigsten Übergriffe dieses Sommers ereignete sich am 13. August: Vor dem Parteibüro der regierenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS) in Novi Sad wurden Zarko Bogosavljevic, Chefredakteur der Nachrichtenseite Razglas, und sein Kollege Nikola Bilic von der Plattform Novi Sad 192 mit Metallstangen attackiert. Der Angriff der SNS-Anhänger war so brutal, dass Bilic Kopfverletzungen erlitt und in der Notaufnahme behandelt werden musste.
Zwischen dem 1. Juli und dem 25. August dokumentierte RSF insgesamt 34 körperliche Angriffe auf serbische Medienschaffende. Die meisten Betroffenen berichteten über die Anti-Korruptions-Demonstrationen, die nach dem Einsturz eines Bahnhofsgebäudes in Novi Sad im November 2024 ausgebrochen waren. Damals kamen 16 Menschen ums Leben.
14 der 34 Angriffe gingen auf das Konto gewalttätiger Anhänger der regierenden SNS-Partei von Präsident Aleksandar Vucic. Verletzt wurden dabei nicht nur Medienschaffende, sondern auch friedliche Demonstrierende und einzelne Polizisten. Die übrigen 20 Übergriffe gegen Reporterinnen und Reporter wurden von Polizeikräften selbst verübt.
In den vergangenen zwei Monaten gab es damit doppelt so viele Übergriffe auf Medienschaffende in Serbien wie im gesamten Jahr 2024 (17 Fälle). Insgesamt hat RSF im Jahr 2025 bereits 65 Angriffe dokumentiert. Mitte August verurteilte Marta Kos, EU-Kommissarin für Erweiterung und Europäische Nachbarschaftspolitik, die Übergriffe. Daraufhin wurde sie von der Parlamentspräsidentin Ana Brnabic (SNS) brüsk zurückgewiesen; Brnabic legte ihr nahe, „zu schweigen“.
Serbische Medienschaffende werden regelmäßig von gewalttätigen Aktivistinnen und Aktivisten mit Metallstangen, Steinen und Ziegeln attackiert, während die Polizei sie willkürlich mit Tränengas besprüht. Mehrfach griffen die Sicherheitskräfte nicht schützend ein, wenn Berichterstattende von Demonstrierenden attackiert wurden.
Pressefreiheit massiv unter Druck
Diese Angriffe – ebenso wie die zahlreichen Morddrohungen gegen Medienschaffende – werden in hohem Maße von den Äußerungen von Präsident Aleksandar Vucic und der Berichterstattung regierungsnaher Boulevardmedien befeuert. Seit Dezember 2024 beschuldigen Demonstrierende und einzelne Medien unabhängige Redaktionen fälschlicherweise, einen „vom Westen finanzierten Staatsstreich“ zu organisieren. Ende Juni ging der Präsident so weit, die Fernsehsender N1 und Nova S – die trotz hoher Risiken unerschrocken von den Protesten berichten – als „Terroristen“ zu diffamieren.
Seit Beginn der Anti-Korruptions-Proteste warnt RSF regelmäßig vor der eskalierenden Gewalt gegen Reporterinnen und Reporter und dem politischen Druck auf unabhängige Medien – durch öffentliche Stellungnahmen, eine Kundgebung in Paris und in Beiträgen zum EU-Rechtsstaatlichkeitsbericht über Serbien. RSF kritisierte zudem, dass die serbischen Behörden lieber russische Propaganda unterstützen als Medienfreiheit zu gewährleisten.
Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Serbien auf Platz 96 von 180 Ländern und gehört damit unter allen EU-Staaten und EU-Beitrittskandidaten zu den Schlusslichtern.
Quelle und Kontaktadresse:
Reporter ohne Grenzen e.V. (RSF), Hermannstr. 90, 12051 Berlin, Telefon: 030 609 895 33 - 0
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