Schulbarometer 2026: Lehrkräfte schultern mehr als je zuvor – ohne tragfähigere Rahmenbedingungen halten sie dieser Last nicht länger stand
(Berlin) - Angesichts der heute veröffentlichten Ergebnisse der Lehrkräftebefragung des Deutschen Schulbarometers der Robert Bosch Stiftung fordert der Deutsche Philologenverband (DPhV) die Bildungspolitik zum Handeln auf: Lehrkräfte leisten täglich Außerordentliches – es wird endlich Zeit, dass die strukturellen Rahmenbedingungen diesem Einsatz gerecht werden!
Die Daten sind eindeutig: Fast jede zweite Lehrkraft kämpft mit herausforderndem Schülerverhalten, ausreichende Demokratiebildung scheitert an fehlender Zeit, Unsicherheiten und mangelnder Unterstützung, und KI hält in Rekordgeschwindigkeit Einzug in die Klassenzimmer – die staatlichen Strategien und Instrumente dazu hinken jedoch hinterher und erreichen die Schulen nicht flächendeckend. Der DPhV fordert deshalb die Stärkung der Demokratiebildung auf Basis des Grundgesetzes bereits in der universitären Phase der Lehrkräftebildung, Unterstützung der Lehrkräfte durch Fachkräfte aus Schulpsychologie, Schulsozialarbeit und Verwaltung sowie eine pädagogisch reflektierte KI-Strategie für Schulen.
Für fast jede zweite Lehrkraft (46 Prozent) ist das Verhalten von Schülerinnen und Schülern mittlerweile die größte berufliche Herausforderung – 2024 waren es noch 35 Prozent. Laut Studie stecken dahinter mangelnde Gruppenfähigkeit, fehlende Lernmotivation und psychische Belastungen auf Seiten der Kinder und Jugendlichen. Die Bereitschaft, hier anzusetzen, ist unter Lehrkräften bemerkenswert groß: 82 Prozent wünschen sich Fortbildungen zur Förderung überfachlicher Kompetenzen wie Empathie, Selbstregulation und kritischem Denken. Doch mehr als ein Drittel erhält dafür keine Unterstützung an der eigenen Schule. „Lehrkräfte wollen fördern – doch sie brauchen Partner. Das Klassenzimmer ist kein Wartezimmer für gesellschaftspolitische Versäumnisse. Wer von Lehrkräften erwartet, dass sie im Fachunterricht und darüber hinaus auch Sozialarbeit, Krisenintervention und psychologische Begleitung leisten, ohne ihnen dafür Fachkräfte an die Seite zu stellen, der überfordert sie strukturell und mit Ansage", erklärt DPhV-Bundesvorsitzende Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing.
„Gute Bildung braucht gesunde Lehrkräfte. Deshalb fordern wir eine wirksame Absenkung des Stundendeputats, insbesondere für ältere Lehrkräfte – und damit ein Ende der kontraproduktiven Streichung von Altersermäßigungen", so Lin-Klitzing. Zudem bedarf es zentraler, unabhängiger Anlaufstellen für Gewaltvorfälle in jedem Bundesland. Schulen brauchen zudem unterstützende Fachkräfte in ausreichender Zahl präsent an jeder Schule mit klar definierten Rollen u.a. für Schulsozialarbeit, Schulpsychologie, Förderpädagogik und Verwaltung – ergänzt durch qualitativ hochwertige Aus- und Fortbildungsangebote für Lehrkräfte und Schulleitungen.
Das Schulbarometer belegt erstmals empirisch, wie verbreitet die Unsicherheit von Lehrkräften im Umgang mit politischen Meinungen im Unterricht ist: Mehr als ein Viertel glaubt irrtümlich, die eigene, begründete Position gar nicht äußern zu dürfen; fast ebenso viele meinen, verfassungsfeindliche Äußerungen von Schülerinnen und Schülern als gleichwertige Meinungen anerkennen zu müssen. Knapp jede fünfte Lehrkraft fühlt sich durch ein falsch verstandenes Neutralitätsparadigma in ihrem pädagogischen Handeln gehemmt. Der Wunsch nach mehr Demokratiebildung an Schulen ist groß – insbesondere dort, wo soziale Härten den Schulalltag prägen. „Diese Unsicherheit ist auch das Ergebnis fehlender institutioneller Vorsorge und Rückendeckung. Kein Bundesland schreibt bis heute die Auseinandersetzung mit dem Grundgesetz als verbindlichem Inhalt in der ersten Phase der Lehrkräftebildung vor. Abstrakte Kompetenzbeschreibungen, die ganz offensichtlich nicht tragen, treten an die Stelle fundierter Kenntnis des Grundgesetzes. Wir haben zudem mit dem Beutelsbacher Konsens seit Jahrzehnten ein tragfähiges Fundament politischer Bildungsarbeit, doch diesen in konkreten Fallsituationen mit Leben zu füllen, kann aus falschen Einsparungen im leider fast überall gekürzten Vorbereitungsdienst für angehende Lehrkräfte nicht ausreichend geübt und gewährleistet werden – und wird unter dem Druck des Schulalltags möglicherweise auch falsch interpretiert. Der Beutelsbacher Konsens verpflichtet Lehrende nicht zum Schweigen, sondern dazu, begründet Haltung zu zeigen und die politische Urteilsfähigkeit der Lernenden zu stärken – beides auf Basis unserer Verfassung", so Lin-Klitzing. Der DPhV fordert daher erneut die verbindliche Auseinandersetzung mit dem konkreten Inhalt des Grundgesetzes in der ersten Phase der Lehrkräfteausbildung. Lin-Klitzing: „Demokratiebildung ist keine Kür – sie ist notwendige Pflicht. Und sie duldet auch in der Lehrkräftebildung an der Universität keinen Aufschub."
Der Anteil der Lehrkräfte, die KI mehrmals wöchentlich einsetzen, hat sich seit der Erhebung 2025 auf 25 Prozent mehr als verdoppelt – ein bemerkenswerter Professionalisierungsschub, den Lehrkräfte weitgehend aus eigener Kraft vollzogen haben, denn den staatlichen AIS-Chat gibt es erst seit Kurzem. Fast die Hälfte der Lehrkräfte fühlt sich im Umgang mit entsprechenden Werkzeugen inzwischen sicher. Dennoch sieht die Mehrheit weiterhin erheblichen Fortbildungsbedarf. Fast drei von zehn Lehrkräften lassen ihre Klassen KI bereits im Unterricht verwenden, ohne dass hierfür flächendeckend belastbare rechtliche und pädagogische Rahmenbedingungen existieren. „Lehrkräfte haben KI längst in ihren Arbeitsalltag integriert – oft ohne ausreichende kultusministerielle Leitplanken, ausreichende Infrastruktur oder rechtlich zureichende Begleitung. Die Bildungspolitik hat hier einen Batzen Hausaufgaben zu erledigen", so die DPhV-Bundesvorsitzende, „um das aktuelle Missverhältnis von kommerziellen und staatlichen Angeboten flächendeckend sicher und bildungsgerecht weiterzuentwickeln.“
Bei aller Dringlichkeit des Handlungsbedarfs verdient ein Befund des Schulbarometers besondere Beachtung: 83 Prozent der Lehrkräfte sind mit ihrem Beruf nach wie vor zufrieden – ein stabiler Wert, der die Ergebnisse der Vorjahre bestätigt. „Das ist kein Widerspruch zu allem, was wir fordern – es ist der Beleg, dass Lehrkräfte ihren Beruf mit Leidenschaft und Überzeugung ausüben. Genau deshalb schulden Politik und Gesellschaft den Lehrkräften tragfähige Bedingungen, die dem von ihnen getragenen Erziehungs- und Bildungsauftrag gerechter werden", so Lin-Klitzing.
Quelle und Kontaktadresse:
Deutscher Philologenverband e.V. (DPhV), Caroline Franke, Pressesprecher(in), Friedrichstr. 169-170, 10117 Berlin, Telefon: 030 40816781
Weitere Pressemitteilungen dieses Verbands
- DPhV-PM zum Bildungsbericht "Bildung in Deutschland 2026"
- Social Media und Privathandys im Unterricht gefährden Bildungserfolg und Gesundheit junger Menschen / DPhV erwartet tragfähige Konzepte für Schutz, Teilhabe und Befähigung von Kindern & Jugendlichen
- DPhV wertschätzt den Einsatz der Lehrkräfte für das Abitur 2026 und begrüßt die Veröffentlichung der Aufgaben aus dem IQB-Aufgabenpool der Naturwissenschaften
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen

