Pressemitteilung | Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)

Schulerfolg darf nicht von Noten abhängen / Anlässlich der Zeugnisvergabe fordert BLLV-Präsident Wenzel moderne Formen der Leistungserhebung / „Individuelle Leistungsfortschritte passen nicht in Ziffern“

(München) - Rund 1,4 Millionen Schülerinnen und Schüler in Bayern erhalten am Freitag ihr Abschlusszeugnis für das Schuljahr 2007/2008. „Sie haben ein anstrengendes Schuljahr hinter sich gebracht und nun ein Recht auf Ferien und Erholung“, betonte der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel. „Sie sollten die Ferienzeit unbeschwert genießen dürfen, um mit Zuversicht die Herausforderungen im neuen Schuljahr bewältigen zu können.“ Er kritisierte, dass ein erfolgreicher Schulbesuch nach wie vor von Noten abhängig ist, obwohl diese wenig aussagekräftig sind: „Es ist nicht möglich, individuelle Leistungs- und Entwicklungsfortschritte in Ziffern zu pressen. Die meisten der praktizierten Formen der Leistungsmessung und -bewertung teilen Schülerinnen und Schüler in bessere und schlechtere ein. Die Folge ist eine rigide Auslese.“ Er forderte eine neue Lern- und Leistungskultur sowie moderne Methoden der Leistungserhebung. „Schulen muss erlaubt sein, individuelle Erfolge von Schülern in den Mittelpunkt zu rücken. Wir müssen weg von der Etikettierung und Stigmatisierung hin zur Einzelförderung und Differenzierung im Unterricht.“

Wenzel stellte das Verfahren der Notenvergabe grundsätzlich in Frage:
„Gemessene Leistungen, z.B. in den Fächern Deutsch und Mathematik, sagen nicht viel darüber aus, ob ein Schüler praktisch oder theoretisch begabt ist. Sie geben auch keinen Aufschluss darüber, welche Schulart passend ist.“ Trotzdem entscheiden noch immer ausschließlich Noten über Schulkarrieren und Lebenschancen. Das zwingt Lehrerinnen und Lehrer dazu, nach Fehlern zu fahnden und unterdurchschnittliche Leistungen zu diskriminieren. Wer Vierer, Fünfer oder Sechser schreibt, verliert nicht nur schnell Mut und Selbstvertrauen, auch berufliche Perspektiven werden massiv eingeschränkt. „Dass Eltern und Schüler kaum noch in der Lage sind, gelassen mit schlechten Noten oder einem schlechten Zeugnis umzugehen, liegt auf der Hand. Damit muss Schluss sein“, erklärte Wenzel. „In einer demokratischen Gesellschaft haben alle Schülerinnen und Schüler ein Recht auf erfolgreiches Lernen.“

In den Schulen dreht sich noch immer alles darum, Leistungen möglichst präzise und perfekt zu messen. Im Mittelpunkt stehen Schulaufgaben, Proben und Tests, in denen kurzfristig angehäuftes Wissen abgefragt wird. Je nach Funktionsfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses werden die Schüler/innen in bessere und schlechtere eingeteilt, danach erfolgt die Zuteilung in verschiedene Schularten. „Diese Art der Leistungsmessung hat sich jedoch nicht bewährt, im Gegenteil: wie sich zeigt, garantiert sie keine Prognosesicherheit für einen erfolgreichen Schulbesuch in einer der weiterführenden Schularten Gymnasium, Realschule und Hauptschule“, stellte Wenzel fest. „Vielmehr führt sie dazu, dass sich die Schüler prüfungsrelevanten Stoff aneignen, um ihn während der Prüfung wiederzugeben - im Anschluss wird das Gelernte ebenso schnell wieder vergessen. Letztlich handelt es sich um reine Reproduktion von Wissen, nachhaltiges und anwendungsorientiertes Lernen wird verhindert“, kritisierte der BLLV-Präsident.

Weder Kosten noch Mühen werden gescheut, um dieses fragwürdige und unpädagogische Verfahren aufrecht zu erhalten. Übersehen wird auch, dass Jahr für Jahr tausende Schüler scheitern. Sie verlassen die Schulen ohne Abschluss, bleiben sitzen oder müssen die Schularten wechseln - wobei sie in aller Regel „nach unten“ weitergereicht werden. „Dabei sind sich alle Experten einig, dass Sitzenbleiben eine fantasielose Verwaltungsmaßnahme ist, die keine Probleme löst und neue schafft. Viele Schüler verbinden mit dem Begriff ‚Schule’ inzwischen Stress- und Angstgefühle, oder aber Frust. Für eine neue Lern- und Leistungskultur ist es höchste Zeit“, betonte der BLLV-Präsident.

Die Forderungen des BLLV lauten:

- bei der Leistungsmessung individuelle Lernfortschritte in den Vordergrund stellen
- für jedes Kind die erforderliche individuelle Unterstützung und Förderung anbieten
- Lehrerinnen und Lehrer vertraut machen mit Diagnoseverfahren zur Ermittlung von Lerndefiziten und individualisierten Methoden, diese zu beheben
- didaktisch entsprechend aufbereitetes Material zur Verfügung stellen
- Lernen und Arbeiten in kleinen Gruppen sicherstellen
- allen Kindern eine deutlich längere gemeinsame Schulzeit ermöglichen.

Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV) Andrea Schwarz, Pressereferentin Bavariaring 37, 80336 München Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155

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