Pressemitteilung | Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
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„Unkontrolliertem Nachhilfemarkt den Nährboden entziehen“ / Bildungsgewerkschaft für integriertes Ganztagsschulsystem

(Frankfurt am Main) – Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat sich dafür eingesetzt, dem boomenden Nachhilfemarkt für Schülerinnen und Schüler den Nährboden zu entziehen. GEW-Schulexpertin Marianne Demmer plädierte für den Umbau des selektiven Halbtags-Schulwesens zu einem integrativen Ganztagsschulsystem. Dabei seien die Schulen personell und materiell so auszustatten, dass Nachhilfe kostenfrei in die Schule erteilt werden kann.

„Wer individuelle schulische Förderung für sein Kind will, braucht Geld und Glück: Geld, um Nachhilfe bezahlen zu können, Glück, um das richtige Nachhilfeinstitut zu finden. Nur wer Geld hat, hat gute Chancen, auch Kinder mit Problemen erfolgreich durch die Schule zu bekommen. Wer keins hat, muss oft genug hilflos mit ansehen, wie das eigene Kind zum Bildungsverlierer wird“, kommentierte Demmer die wachsende Nachfrage nach kommerzieller Nachhilfe.

Nach Ansicht der GEW-Sprecherin ist das schlecht ausgestattete selektive Halbtagsschulsystem in Deutschland mit dafür verantwortlich, dass sich ein ständig wachsendes „kommerzielles Parallelsystem am Nachmittag“ etablieren kann. Die soziale Chancenungleichheit im deutschen Schulsystem werde dadurch „erheblich“ verstärkt. Deshalb sei die Tatenlosigkeit der Kultus- und Bildungsminister empörend. „Unsere Politiker lässt diese Entwicklung offenbar völlig kalt. 16 Kultusminister und eine Bundesbildungsministerin schauen unbeteiligt zu, wie neben dem staatlichen Schulsystem ein unkontrollierter kommerzieller Bildungsmarkt wächst, auf dem sich neben seriösen Anbietern auch Scharlatane, religiöse Eiferer und Nichtskönner tummeln dürfen“, unterstrich Demmer.

Sie wies auf Untersuchungen hin, nach denen die Nachhilfe am effektivsten ist, wenn diese von den unterrichtenden Lehrkräften erteilt wird. Pauschale Vorwürfe gegenüber Lehrerinnen und Lehrern wies sie mit Nachdruck zurück. Im staatlichen Schulwesen sei es schwierig, die notwendige und von den Eltern zu Recht erhoffte individuelle Förderung zu leisten: Die Klassen seien meist zu groß und die Lehrkräfte für individualisierenden Unterricht in der Regel nicht ausgebildet. Zudem würden die notwendigen Unterstützungsmöglichkeiten nicht bereitgestellt: Es fehlten Sozialpädagogen, Schulpsychologen und Kinderärzte. Stattdessen beruhe das selektive deutsche Schulsystem nach dem Motto „aus den Augen aus dem Sinn“ auf dem Prinzip „Problemverschiebung“:

Klassenwiederholung, Schulwechsel auf eine niedrigere Schulform und von den Eltern bezahlte und organisierte Nachhilfe. Dass die meisten Kultus- und Bildungsminister ein solches System verteidigten, lasse sich nur mit Feigheit, Ignoranz und mangelndem Verantwortungsbewusstsein erklären.

Im ständig härter werdenden Kampf um einen möglichst hohen Schulabschluss und in vielen schulpolitischen Maßnahmen der Landesregierungen sieht Demmer eine weitere wichtige Ursache für den Nachhilfe-Boom. „Jedes Mal, wenn ein Land die Schulzeitverkürzung im Gymnasium beschlossen hat, dürften in den Nachhilfeinstituten die Sektkorken geknallt haben“, vermutet die Schulexpertin. Alle Maßnahmen, die den Auslesedruck weiter erhöhen, seien „Gelddruckmaschinen für Nachhilfeinstitute.“

Ein unkontrolliertes schulisches Parallelsystem am Nachmittag ist nach Ansicht der GEW-Sprecherin auf Dauer nicht hinzunehmen. Nachhilfe sei nicht mehr die Ausnahme, sondern für mehr als ein Viertel der Schüler die Regel, in den westlichen Bundesländern sogar für nahezu ein Drittel. Deshalb seien „endlich“ Maßnahmen der Kultus- und Bildungsminister erforderlich.

Nachhilfeinstitute müssten einer regelmäßigen Qualitätskontrolle unterzogen und staatlicher Aufsicht unterstellt werden. Der Nachhilfebereich müsse zudem in die Bildungsberichterstattung aufgenommen werden.

Quelle und Kontaktadresse:
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Ulf Roedde, Pressesprecher Reifenberger Str. 21, 60489 Frankfurt am Main Telefon: (069) 78973-0, Telefax: (069) 78973-201

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