Pressemitteilung | Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV)
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Vielen Erzieherinnen droht die Armutsfalle / BLLV-Präsident Wenzel und Leiterin des Forums Kindertagesstätten im BLLV, Hepting, fordern Korrekturen am BayKiBiG / Qualitätsoffensive erforderlich

(München) - Zwei Jahre nach der umstrittenen Einführung des Bayerischen Kinderbildungs- und -Betreuungsgesetzes (BayKiBiG) zeigt sich, dass sich alle Befürchtungen bewahrheiten, sie werden von der Realität sogar noch übertroffen. „Dass in Kindertagesstätten trotzdem gute Arbeit geleistet wird, liegt ausschließlich an der Motivation und dem Idealismus des Personals. Das Engagement reicht bis ins Privatleben hinein und kann zur Selbstausbeutung führen.“ Dieses Fazit haben der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV), Klaus Wenzel, und die Leiterin des Forums Kindertagestätten im BLLV, Sigrid Hepting, anlässlich der am Donnerstag (27. September 2007) im Bayerischen Landtag stattfindenden Anhörung zum BayKiBiG gezogen. Beide kritisierten, dass bislang sämtliche Bedenken betroffener Verbände und Organisationen ignoriert wurden. „Wir hoffen, dass es bei der dritten Anhörung zu einer ehrlichen Aussprache kommt. Vor allem müssen Einrichtungen in ländlichen Regionen gestärkt und die jetzt marktorientierte kind- und nutzungsbezogene Finanzierung korrigiert werden. Dem quantitativen Ausbau muss eine Qualitätsoffensive folgen.“ Als skandalös bezeichneten es beide, dass eine Anstellung in einer Kindertagesstätte für Erzieherinnen zur Armutsfalle werden kann.

Konnte eine Erzieherin schon vor der Einführung des BayKiBiG kaum von ihrem Verdienst ihren Lebensunterhalt bestreiten, ist dies nun ganz und gar unmöglich geworden. „Viele müssen mit Teilzeitverdiensten auskommen.

Der Grund: wurden früher die tatsächlichen Personalkosten bezuschusst, erfolgt dies heute pauschal kind- und nutzungszeitbezogen. Flexible Arbeitszeitmodelle, Arbeitszeitverträge und flexible Teilzeitverträge sind die Regel. Neueinstellungen werden größtenteils nur noch befristet vorgenommen. So waren im August 13 von 17 Stellen im Umkreis von 200 Kilometer um Landsberg am Lech in der Jobbörse der Arbeitsagentur Teilzeitstellen von 20 bis 34 Stunden. Eine der vier Vollzeitstellen beinhaltete bei 40 Wochenstunden die Arbeit am Vormittag im Kindergarten und am Nachmittag im Hort. 15 Stellen waren auf einen Monat bis auf ein Jahr befristet, zur Hälfte ohne Übernahmemöglichkeit.

„Diese Form der Personalplanung und des Personaleinsatzes wird weder dem Bildungsauftrag, noch der Professionalität des Personals gerecht“, kritisierte Hepting. „Das schlimmste Übel am BayKiBiG ist, dass dieses Gesetz keine dauerhaften Gestaltungsmöglichkeiten zulässt.“ Bildungsprozesse sind vor allem soziale Prozesse. Lernen erfolgt im Dialog mit Umwelt und Mitmenschen. Es benötigt verlässliche Beziehungen.

Um diese anbieten zu können, brauchen alle Einrichtungen und alle dort arbeitenden Erzieherinnen ein gewisses Maß an Sicherheit und Verlässlichkeit - auch in finanzieller Hinsicht. „Das BayKiBiG hat jedoch den gegenteiligen Effekt, denn es führte zur Ausbeutung und Schwächung ausgerechnet der Berufsgruppe, die an der Spitze stehen müsste, denn sie kümmert sich um das tragende Fundament unserer Gesellschaft.“

Für Hepting und Wenzel ist es nicht legitim, weiterhin auf die Belastbarkeit vornehmlich weiblicher und schlecht bezahlter Beschäftigter zu setzen. „Wir fordern die Staatsregierung auf, die frühkindliche Bildung endlich tatsächlich zu verbessern und die Ausbildung von Erzieherinnen auf internationales Niveau anzuheben. Dazu gehört die Umwandlung der Erzieherinnenausbildung durch die Aufnahme eines Bachelor-Studiengangs in das Hochschulrahmengesetz, die Erweiterung des Studiengangs zum Masterabschluss sowie gemeinsame Ausbildungsmodule mit Lehrern/innen. Beide betonten, dass unter den derzeitigen Voraussetzungen der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan nicht umsetzbar ist. Allein die durch das BayKiBiG verursachte relativ hohe Personalfluktuation und Arbeitsplatzunsicherheit wirken kontraproduktiv.

In ländlichen Regionen hat sich die Situation massiv verschlechtert.

„Viele Einrichtungen sehen sich als Konkurrenten und nehmen - aus Sorge darüber, eine Gruppe schließen zu müssen - unter dreijährige Kinder auf“, erklärte Hepting. „In vielen Fällen sind aber weder Räumlichkeiten, Einrichtung noch Spielmaterial geeignet für diese Altersgruppe geeignet. Hinzu kommt, dass Erzieherinnen und Kinderpflegerinnen in ihrer Ausbildung nicht ausreichend auf ihre pädagogische Arbeit mit Säuglingen, Klein- und Schulkindern vorbereitet werden. Der erforderliche Aufwand an Pflege und die sehr enge Bindung, die Kleinkinder und Säuglinge als unabdingbare Voraussetzung für ihre Selbstbildungsprozesse benötigen, brauchen Zeit. Diese fehlt dann wieder den älteren Kindern. Für die Erzieherin ein unlösbares Problem.“ Inzwischen mussten einzelne Gruppen und kleine Einrichtungen mit besonderem Angebot schließen oder sind von Schließung bedroht.

Hepting beklagte einen immens gestiegen Verwaltungsaufwand, der während der Neueinschreibungen in den Monaten März/April und zu Beginn des Kindergartenjahres besonders hoch ist. Häufig kommt es zu Umbuchungen.

„Sie führen zu einer Änderung des Anstellungsschlüssels. Liegt er, wie in den meisten Einrichtungen üblich, bei 1:12,5, so hat dies Folgen für die Arbeitszeit der Angestellten und die Dienstplangestaltung. Wird weniger gebucht als vorgesehen war, müssen Stunden heraufgesetzt oder Personal stundenweise und befristet eingestellt werden. Trotz steigender Verwaltungsaufgaben wurden die Verfügungszeiten nicht ausgeweitet - im Gegenteil, in vielen Fällen wurden sie verkürzt.

Hepting und Wenzel forderten Rahmenbedingungen, die eine Kooperation zwischen Grundschulen und Kindergärten ermöglichen. Bislang steht dafür kaum ausreichend Zeit zur Verfügung, in denen sich gemeinsame Aktivitäten planen und durchführen lassen. Strukturelle Probleme erschweren die Zusammenarbeit, denn viele Eltern richten sich bei der Wahl des Kindergartens nicht nach dem Schulsprengel. „Vor allem aber behindern Unterschiede bei der Ausbildung und den Zugangsberechtigungen sowie die unterschiedliche Bezahlung eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.“

Quelle und Kontaktadresse:
Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband e.V. im VBE (BLLV) Andrea Schwarz, Pressereferentin Bavariaring 37, 80336 München Telefon: (089) 72100129, Telefax: (089) 72100155

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